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Feiern und Abfall:"Auf Festivals ist das Müllproblem extrem sichtbar"

Zeltplatz nach Hurricane-Festival

Mülllandschaft: Der Zeltplatz nach dem Hurricane-Festival (Archivbild).

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Jeder dritte Festivalbesucher lässt nach ein paar Tagen Weltflucht sein Zelt einfach stehen. Wie passt das zum Erfolg der "Fridays-for-Future"-Bewegung? Und was kann man dagegen tun?

Im südwestenglischen Glastonbury feiern mehr als 150 000 Besucher an diesem Wochenende eines der größten Musikfestivals der Welt. Wenn alles vorbei ist, werden auf den Campingplätzen des Festivalgeländes etwa 65 Prozent der Zelte stehen bleiben und entsorgt werden müssen. In Deutschland bleiben etwa 30 Prozent der Zelte zurück. Die "Green Music Initiative" will die Musik- und Entertainmentbranche klimaverträglicher machen. Gründer Jacob Bilabel hat im Management von Universal Music gearbeitet, bevor er den Thinktank "Thema 1" gründete. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern entwickelt er unter anderem Mobilitäts- und Nachhaltigkeitskonzepte für Festivalveranstalter. Dabei versuchen sie mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass nachhaltiger immer auch leiser und weniger lustig bedeutet.

SZ.de: Herr Bilabel, wie groß ist das Problem eigentlich, über das wir hier sprechen?

Jacob Bilabel: Das Müllproblem auf Festivals hat in den letzten Jahren genauso massiv zugenommen wie das Müllproblem in der Gesellschaft allgemein. Wir haben in Deutschland zwar das Gefühl, dass wir Mülltrennungseuropameister sind. Die Realität aber ist, dass wir Müllproduktionseuropameister sind und vor allem Plastikmüllproduktionseuropameister. Man bekommt das nur oft nicht mit, weil wir ein sehr effizientes System bei der Müllentsorgung haben.

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Auf den Festivals gibt es dagegen keine richtige Müllabfuhr ...

Das Müllproblem ist dort extrem sichtbar. Wenn in einer deutschen Großstadt mal 10 000 Menschen für drei Tage ihren Müll sammeln und alles auf die Straße stellen würden, würde man auch sehen, wie wahnsinnig viel das ist.

Viele Festivalbesucher lassen ihr Zelt einfach stehen. Wie kommt man auf so eine Idee?

Das Problem mit den Zelten ist, dass man die so wahnsinnig günstig kauft und dementsprechend einen total hohen Anreiz hat, sie liegen zu lassen. Die Rechnung: "Mann, das Ding hat 20 Euro gekostet. Was für ein Aufwand, das wieder zusammenzubauen." Bei deutschen Festivals bleibt ungefähr ein Drittel der Zelte liegen. Für ein normales Festival mit 70 000 Besuchern heißt das, dass ungefähr 10 000 bis 15 000 Zelte zurückbleiben. Auf Festivals in Großbritannien lassen teilweise 65 Prozent der Besucher ihr Zelt zurück.

Wie rechtfertigen die Besucher, dass sie ihren Abfall zurücklassen?

Für viele gehört zum Festivalerlebnis das Eintauchen in eine andere Welt. Das ist wie ein kleiner Urlaub, in dem man den Pass abgibt und sagt: Jetzt bin ich für drei Tage jemand anderes. Viele Menschen suchen ein extremes Erlebnis. Und für viele gehört zu diesem extremen Erlebnis, am Ende fast nomadisch aufzubrechen und alles da liegen zu lassen. Für manche Menschen ist es eine geradezu unangenehme Vorstellung, dieses Zelt wieder einzupacken und mitzunehmen. Es gehört für sie irgendwie zu dem Erlebnis dazu und soll dann auch da bleiben. Es ist natürlich auch bequemer, es einfach stehen zu lassen.

Bei den "Fridays for Future"-Demos gehen gerade jede Woche junge Menschen für Umweltschutz und Klimaverträglichkeit auf die Straßen. Hört der Spaß da auf, wo er den eigenen Freiraum einschränkt?

Jacob Bilabel entwickelt mit seiner "Green Music Initiative" unter anderm Nachhaltigkeitskonzepte für Festivals.

(Foto: Gavin Evans)

Manche der Festivalbesucher sind sicher Anhänger der "Fridays for Future"-Bewegung. Ich glaube, die gehören eher zu den 70 Prozent, die ihr Zelt wieder mitnehmen. Und das Anliegen der Aktivisten ist ja, dass wir, die älter sind, oder die Politik, die dafür in der Verantwortung steht, oder die Unternehmen, die diese Produkte herstellen, dass die sich darum kümmern, dass sich strukturell etwas ändert. Man privatisiert den Klimaschutz, indem man sagt, er muss vom Einzelnen gemacht werden. Und richtig, jede und jeder kann etwas tun. Aber man verliert nicht das Recht, klare Regelungen von der Politik und der Wirtschaft einzufordern, wenn man mal seinen Kaffeebecher liegen lässt oder in den Urlaub fliegt oder es wagt, sein Zelt liegen zu lassen.

Also liegt die Verantwortung nicht alleine bei den Festivalbesuchern?

Die Chance, das Müllproblem in den Griff zu bekommen, liegt bei den Besuchern, den Veranstaltern, der Politik und bei den Herstellern dieser Zelte. Die Besucher selber haben in der Tat eine Verantwortung, diese Zelte nicht wegzuschmeißen. Die Veranstalter müssen dafür sorgen, dass es genügend Mülleimer gibt, und sie können ihren Besuchern klar machen, warum es wichtig ist, den Abfall vernünftig zu entsorgen. Die Politik muss sicherstellen, dass Zelte angeboten werden, die wiederverwertet werden können. Und Unternehmen sollten idealerweise Produkte anbieten, die nicht nach einmaliger Benutzung kaputt sind.

Wie können Veranstalter die Besucher motivieren, Müll zu reduzieren?

Das Müllaufkommen auf einem Festival definiert sich dadurch, was man auf dem Festival anbietet. Die Veranstalter können mit den Caterern sprechen, ob die angebotene Pizza auf Plastik, Alufolie oder Pappe verkauft wird. Sie können auch ein Müllpfand einführen oder sogar eine green area anbieten, wo alle Zelte schon aufgebaut sind und die Besucher das Zelt für die drei Tage mieten. Da gibt es ganz verschiedene Ansätze.

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