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Feiertage:Der Karfreitag erregt die Gemüter

Flashmob gegen das Tanzverbot am Karfreitag auf dem Münchner Marienplatz.

(Foto: Stephan Rumpf)

Am stillsten aller stillen christlichen Feiertage soll uneingeschränkte Ruhe herrschen - und ein strenges Tanzverbot. Kritiker feiern dagegen an, mit skurrilen Mitteln.

Es gibt Streit. Und der Karfreitag ist schuld. Keine öffentliche Feier darf es an Karfreitag geben, keine Sportevents. Er ist der stillste aller stillen christlichen Feiertage. Uneingeschränkte Ruhe: Angeblich sehnen sich so viele danach. Doch es ist jedes Jahr dasselbe: Die einen regen sich über den Karfreitag auf, und die anderen regen sich über die auf, die sich aufregen.

Der wohl schärfste Karfreitagskritiker kommt aus Bayern, ausgerechnet: der Bund für Geistesfreiheit (BfG), 5000 Mitglieder. Dessen Sprecherin Assunta Tammelleo ist eine 56-jährige Frau mit bunten Ohrringen und lockigem Haar, in dem eine Sonnenbrille in den Farben des Freistaats steckt. Tammelleo kann theatralisch reden, aber es ist ihr ernst: Sie mag den Karfreitag nicht. Tammelleo war 17, als sie aus der Kirche austrat, sie ist jetzt seit 30 Jahren beim Bund für Geistesfreiheit. Und der Karfreitag geht ihr entschieden zu weit. Sie sagt, der Staat bestimme damit, wann sie innehalten muss. "Das sehe ich nicht ein."

Sie wollte vor zehn Jahren deswegen eine öffentliche Party am Karfreitag feiern, eine "Heidenspaß-Party". Das wurde verboten. Der BfG aber klagte dagegen, und dann, im November vergangenen Jahres, gab das Bundesverfassungsgericht ihm recht: Es dürfe nicht sein, dass es an Karfreitag in Bayern überhaupt keine Ausnahmen gibt, politische Aktionen müssten möglich sein. Und eine solche sei auch die diesjährige Party, sagt Tammelleo: Schokoladenbuffet, Film ("Wer früher stirbt, ist länger tot") und, logisch, Tanz.

Tammelleo ist nicht allein mit ihrer Kritik. 2009 wollten sieben Berliner mit mehreren Bussen vor Ostern durch die Hauptstadt fahren lassen, darauf der Schriftzug: "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott." Zwei Jahre später haben 1000 Menschen vor dem Frankfurter Rathaus gegen den Karfreitag angetanzt - zur Musik aus Kopfhörern, also kein offizieller Verstoß. 2012 dasselbe in Gießen. 2013 hat der Karfreitag dann im Kieler Landtag für Querelen gesorgt. Einer von der Piratenpartei sprach von der "Absurdität dieses Ernsthaftigkeitszwangs". Und im Jahr darauf gab es in Bremen Streit, obwohl das Tanzverbot dort schon recht milde ist.

"Eigentlich kann man nichts mit dem Karfreitag vergleichen"

Der Karfreitag war übrigens nicht immer so ruhig. Historiker beschreiben, wie es an dem Tag selbst in den Kirchen ganz schön laut zugegangen ist. Erst seit den 1950er-Jahren ist er richtig still geworden. Die Frage ist also auch: Ein etwas unstillerer stiller Feiertag, wäre das für die 48,42 Millionen deutschen Christen wirklich so schlimm?

Christian Hermes, 46, ist Pfarrer in der Stuttgarter Domkirche St. Eberhard. Er sagt: "Eigentlich kann man nichts mit dem Karfreitag vergleichen." Er spricht mit einem schönen Schwarzwalddialekt und erzählt, er habe den Karfreitag schon als Kind sehr gemocht: das Entblößen des Kreuzes im Drei-Uhr-Gottesdienst, die Heilandsklagen, diese Ernsthaftigkeit. Hermes sagt, dass die Menschen auch nach dem Gottesdienst noch in der Kirche blieben. Ihm ist auch wichtig zu betonen, dass alle Deutschen an Karfreitag frei haben, und das durchaus gerne. "Wenn die Leute konsequent wären", findet Hermes, "müssten sie gegen alle christlichen Feiertage sein." Nicht nur gegen das Tanzverbot.

Hermes hat noch ein zweites Argument. Es geht ihm um den Kapitalismus: "Ist doch gut, wenn es einen Tag im Jahr gibt, an dem alle mal innenhalten."

Zu Beginn der Karwoche kam eine Umfrage heraus. Das Meinungsforschungsinstitut Yougov hatte 1037 Menschen zum Tanzverbot befragt: 38 Prozent sind dagegen, 52 Prozent dafür. Man könnte es ja auch so sehen: Die Menschen streiten um den Karfreitag - also ist er ihnen noch nicht egal.

© SZ vom 13.04.2017/dit

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