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Faszination für Eisbären:Traumatisches Spiel

Der "Zoo am Meer" in Bremerhaven ist der kleinste öffentliche Zoo Deutschlands. Vor ziemlich genau 100 Jahren ist er als Nordseeaquarium gegründet worden, später kamen Gehege und Wasserbecken dazu. Nordische Tierarten ergänzten das Programm, darunter Seelöwen, Humboldtpinquine, Eisbären. 2004 wurde der Zoo komplett umgebaut, französische Betonkünstler verwandelten das Gelände in ein Gebirge, in das weitläufige Gehege eingefügt wurden. Der Zoo sieht aus eine Felseninsel.

Tierwärter Thomas Grunert, Zoo Bremerhaven

Tierwärter Thomas Grunert ist im Bremerhavener "Zoo am Meer" für die Eisbären zuständig.

(Foto: privat)

Viele Jahre zuvor, auf dem alten Zoogelände, geschah 1988 ein schreckliches Unglück. Einer der Pfleger arbeitete im Stall, als sich ein Eisbär neben ihm aufrichtete. Eine Zeitung berichtete von "einer vermutlich nicht gesicherten Tür". Der Eisbär Herbert tötete den Tierpfleger sofort.

Vier Jahre später begann Thomas Grunert seine Ausbildung beim "Zoo am Meer". Mitte der Neunziger wurde er übernommen, zunächst kam er ins Papageienrevier. Aber schon ein Jahr später wechselte er in die Abteilung Landraubtiere und traf besagten Herbert von nun an täglich.

Im Jahr 2006 arbeitete an Thomas Grunerts Seite ein junger Kollege. Eines Tages betrat dieser das Gehege, um es sauber zu machen. Die Eisbären hätten da wie jeden Morgen im Stall sein müssen. Herberts Nachfolger Lloyd und die alte Eisbärin Irka aber waren im Gehege. Die genauen Umstände werden nie geklärt. Die Zoodirektorin sagte später, dass die Bären offenkundig nur hatten spielen wollen. Das klingt merkwürdig, und doch war es das große Glück des jungen Mannes. Die Bären stießen ihn und sprangen auf ihm herum. "Wenn sie jemanden töten wollen", sagt Grunert, "würde ein Schlag genügen."

Der Mann erlitt dieses Martyrium bei vollem Bewusstsein, bis die Polizei kam. Die Beamten feuerten in die Luft, aber sie schossen auch auf Lloyd. Daraufhin ließen die Tiere von ihrem Opfer ab. Der Wärter überlebte schwer verletzt. Nach seiner Genesung machte er eine Umschulung und kehrte nicht wieder in den Zoo zurück. Die Kugel, die Lloyd traf, steckt noch immer in seinem Körper.

Thomas Grunert ist also doppelt gewarnt, und die Zoodirektion auch. Beim Ein- und Ausschließen der Tiere gilt seitdem das Vieraugenprinzip. Allein kriegt Grunert die Käfigtüren nicht auf. Außerdem lässt sich die Tür zum Gehege erst öffnen, wenn der Eisbär im Stall ist und das Gehege leer.

Mal Maus, mal Monster - wie bringt Grunert das zusammen? Eisbären müssten fressen, was sie kriegen können, um in der Wildnis zu überleben, sprudelt es aus ihm heraus. In der Not würden sie auch Artgenossen fressen. Aber nur weil ein Eisbär ihn angreifen würde, wenn er dessen Gehege beträte, ist er für Grunert noch lange kein treuloser Geselle. Das sei vielmehr der Mensch. "Es ist Respektlosigkeit gegenüber Lloyd, wenn ich eine Grenze überschreite, die ich nicht überschreiten darf. Es wäre meine Ignoranz, mein Fehler, ihn in eine Situation zu bringen, in der er nichts anderes tun könnte als das, was ihm sein Instinkt aufgibt. Dann läuft sofort das Fressprogramm."

Schon jetzt, wie er mit schweren Schritten neben einem herstapft, muss er sich zügeln, nicht wütend auf sich selbst zu werden. Weil er sich dazu hinreißen lässt, von der Sehnsucht nach Berührung zu sprechen. Bloß weil er von der Möglichkeit redet, in das Revier des Tiers einzudringen. Nur ein Gedankenspiel: Komm, lieber Lloyd, wir sind doch Freunde. Und Freunde umarmen sich, oder etwa nicht? Niemals!

Einmal und nie wieder

Und trotzdem. Einmal hat Grunert diesen Fehler begangen. Wegen einer kleinen OP musste Lloyd narkotisiert werden. Nach dem Betäubungsschuss lehnte er sich gegen das Gitter, wo Grunert stand. Dann rutschte er am Gitter nach unten. Der Eingriff verlief reibungslos, nach drei Stunden sollte er wieder wach sein. Nach fünf Stunden schlief er immer noch. "Da bekam ich Panik." Grunert tat, was er vorher noch nie getan hatte und danach nie wieder. Er griff durchs Gitter und streichelte dem betäubten Lloyd übers Bärengesicht. In diesem Augenblick öffnete Lloyd die Augen. "Ich dachte, das war's, der Arm ist ab." Doch Lloyd schaute ihn nur kurz an - und schloss die Augen wieder. "Was war ich für ein Idiot. Unfassbar!"

Tierpfleger sind keine Spitzenverdiener, Grunert verdient ohne Zulagen 1500 Euro netto. Die Arbeit ist anstrengend, bis zu zehn Kilometer legt er jeden Tag auf den Wirtschaftsgängen zurück, die um das Betongebirgsgelände herum verlaufen. Hier unten, wo viele Tiere fressen und manche schlafen, sieht der Zoo am Meer mit seinen kahlen Wänden und den Eisentüren wie ein Hochsicherheitstrakt aus.

Auch die anderen Pfleger nehmen in diesem Beruf körperliche Arbeit unter hohem Zeitdruck auf sich, um ihren Tieren nah sein zu können, wie sie bei der Mittagspause im Besprechungsraum bestätigen. Sie wollen eine Verbindung aufbauen. Sogar zu Fischen. Gesprächsthema Nummer 1 ist an diesem Tag der todkranke Polarfuchs Gunnar ohne Schwanz. Er heißt so, weil ihm das Weibchen den Schwanz abgebissen hat. Zitternd vor Schwäche sitzt er im Gehege, mit dem Rücken zur Scheibe. Am Nachmittag macht die Nachricht die Runde: Gunnar ohne Schwanz ist tot. Das Herz.