Süddeutsche Zeitung

Faszination für Eisbären:Mal Maus, mal Monster

Sie wirken so tapsig in ihrem Kuschelpelz - und töten blitzschnell. Eisbären üben seit jeher eine Faszination auf den Menschen aus. Obwohl eines der Raubtiere einen seiner Vorgänger getötet hat, fühlt Tierpfleger Thomas Grunert sich den Riesen so nah wie sonst niemandem. Eine Begegnung mit dem gefährlichsten Landraubtier der Welt - und einem seiner größten Fans.

Extreme Nähe kann extrem beeindruckend sein, zum Beispiel die Nähe zu einem mehrere Hundert Kilogramm schweren Raubtier, einem Koloss mit weißem Fell, der zentnerweise Fleisch frisst, aber auch sonst alles verputzt, was ihm vor die Schnauze kommt.

Und nun das: Der Eisbär hat keinen Mundgeruch. Nicht einen Hauch. Eine angenehm geruchsneutrale Brise weht von der riesigen schwarzen Schnauze durchs vergitterte Guckloch herein. Valeska, ein zehn Jahre altes Eisbär-Weibchen, hat auf dem Gang vom Gehege zum Stall haltgemacht, um sich den Fremden genauer anzusehen. Zwei schwarze Knopfaugen schauen aufmerksam. Behutsam und neugierig wackelt die riesige Nase am Guckfenster entlang - nur ein paar Zentimeter entfernt von der im Vergleich wirklich kleinen Nase des Besuchers, der es kaum fassen kann: Ein Mensch und das gefährlichste Landraubtier der Welt beschnuppern sich, beäugen sich, ja, man darf sagen, begegnen sich.

Valeska bleibt ganz still, kein Fauchen, schon gar kein Brüllen. Es wäre ein Brüllen, das den Angebrüllten zum Zittern bringt.

Daneben steht Thomas Grunert. Auf seinem Gesicht liegt ein Ausdruck von tiefer Freude und - Stolz. Weil seine Valeska so höflich ist zu diesem Fremden, der ihr da an der Grenze zu ihrem Revier entgegenglotzt. "Das ist ein sehr großes Kompliment", sagt Thomas Grunert ohne jeden Anflug von Ironie, ein Mann im grünen Overall des "Zoos am Meer" in Bremerhaven. Diese Ernsthaftigkeit ist typisch für ihn, er kann stundenlang von seinen Bären sprechen, als seien sie und er Artverwandte. Dabei weiß Grunert selbstverständlich, dass ein Eisbär zweitausendmal besser riechen kann als ein Mensch. "Ich habe ihr natürlich mitgeteilt, dass Sie in Ordnung sind", reicht er nach. "Ach, meine Valeska, meine Maus, mein kleines Monster, das ist schon ein Schatz."

Maus? Monster? Thomas Grunert lächelt verlegen, als sei er bei etwas Peinlichem ertappt worden: "Klingt ein bisschen schräg, oder?"

Das wird er noch oft sagen an diesem Arbeitstag. Wenn er zum Beispiel erzählt, wie er den Bären durch Schieflegen des Kopfs, das Schließen der Augen und Herausstrecken der Zunge auf denkbar freudigste Bärenweise mitteilt: Ich mag dich. Hab mich lieb, du bist mir wichtig!

Es gibt ein paar Eisbärenpfleger in Deutschland, und sie sind alle auf der Hut. Thomas Grunert arbeitet seit 17 Jahren an einem Ort, wo Pfleger zwei Mal von Eisbären angegriffen wurden. Einer ist bis heute traumatisiert. Der andere tot. Grunerts Schätzchen würden ihn mit großer Wahrscheinlichkeit umbringen, würde er eines Tages der Versuchung nachgeben und sie berühren.

In deutschen Zoos gibt es wohl kein größeres Spektakel als die Geburt eines kleinen Eisbären. Menschen sind fasziniert von diesen Tieren; ihre Größe, die schiere Kraft und Aggressivität kontrastiert mit ihrer weichen, tapsigen Kuschelpelz-Erscheinung. Den tödlichen Auftrag, der in ihren Genen steckt, sieht man ihnen nicht an.

Sie töten blitzschnell und mühelos

Unvorstellbar, dass sie ihre Beute blitzschnell töten können. Zum Beispiel durch Kopfbiss. Mühelos können ihre Zähne Kokosnüsse zermalmen. Es fällt schwer, sich das auszumalen, angesichts der putzigen Wattekugeln, die Kinder aus Bilderbüchern wie "Lars, der kleine Eisbär" kennen. Und das bleibt auch so, wenn aus den kleinen Kugeln große Kerle geworden sind, die inklusive Winterspeck bis zu 800 Kilo wiegen können.

Ein paar Hundert Meter vom Zoo entfernt flankieren zwei steinerne Eisbären die Eingangstür zu Grunerts Junggesellenwohnung. Als Tierpfleger, Abteilung Landraubtiere, ist er außerdem für Pumas, Polarfüchse, Waschbären und Zwergotter zuständig. Aber Eisbären sind das Wichtigste in seinem Leben, man sieht es. Überall hängen Eisbär-Fotos, es sind seine Familienbilder. Die Wohnung mit den vielen Möbeln und Regalen, den verhängten Fenstern und Lampen wirkt selbst wie eine Höhle. Hier hat er Fotos archiviert von fast allen Eisbären, die es in europäischen Zoos gibt. Hier sind seine Eisbären Haustiere.

Wenn er ihnen im Zoo so nahe käme, dass sie seinen Hemdkragen nur durch das Gitter zu fassen kriegten, könnten sie ihm das Genick brechen, allein durch das blitzschnelle Heranziehen an die Stäbe. "Ich habe schnell gelernt, dass das nicht wirklich Kuscheltiere sind", sagt er. Grunert ist fast 1,90 Meter groß und hat ein Kreuz wie ein Gewichtheber. Einer, mit dem sich kein Hells Angel anlegen sollte. Einer, der weiß, dass ein Eisbär einen 90-Kilo-Mann mühelos fünf Meter in die Luft schleudern kann wie eine Jonglierkugel.

Traumatisches Spiel

Der "Zoo am Meer" in Bremerhaven ist der kleinste öffentliche Zoo Deutschlands. Vor ziemlich genau 100 Jahren ist er als Nordseeaquarium gegründet worden, später kamen Gehege und Wasserbecken dazu. Nordische Tierarten ergänzten das Programm, darunter Seelöwen, Humboldtpinquine, Eisbären. 2004 wurde der Zoo komplett umgebaut, französische Betonkünstler verwandelten das Gelände in ein Gebirge, in das weitläufige Gehege eingefügt wurden. Der Zoo sieht aus eine Felseninsel.

Viele Jahre zuvor, auf dem alten Zoogelände, geschah 1988 ein schreckliches Unglück. Einer der Pfleger arbeitete im Stall, als sich ein Eisbär neben ihm aufrichtete. Eine Zeitung berichtete von "einer vermutlich nicht gesicherten Tür". Der Eisbär Herbert tötete den Tierpfleger sofort.

Vier Jahre später begann Thomas Grunert seine Ausbildung beim "Zoo am Meer". Mitte der Neunziger wurde er übernommen, zunächst kam er ins Papageienrevier. Aber schon ein Jahr später wechselte er in die Abteilung Landraubtiere und traf besagten Herbert von nun an täglich.

Im Jahr 2006 arbeitete an Thomas Grunerts Seite ein junger Kollege. Eines Tages betrat dieser das Gehege, um es sauber zu machen. Die Eisbären hätten da wie jeden Morgen im Stall sein müssen. Herberts Nachfolger Lloyd und die alte Eisbärin Irka aber waren im Gehege. Die genauen Umstände werden nie geklärt. Die Zoodirektorin sagte später, dass die Bären offenkundig nur hatten spielen wollen. Das klingt merkwürdig, und doch war es das große Glück des jungen Mannes. Die Bären stießen ihn und sprangen auf ihm herum. "Wenn sie jemanden töten wollen", sagt Grunert, "würde ein Schlag genügen."

Der Mann erlitt dieses Martyrium bei vollem Bewusstsein, bis die Polizei kam. Die Beamten feuerten in die Luft, aber sie schossen auch auf Lloyd. Daraufhin ließen die Tiere von ihrem Opfer ab. Der Wärter überlebte schwer verletzt. Nach seiner Genesung machte er eine Umschulung und kehrte nicht wieder in den Zoo zurück. Die Kugel, die Lloyd traf, steckt noch immer in seinem Körper.

Thomas Grunert ist also doppelt gewarnt, und die Zoodirektion auch. Beim Ein- und Ausschließen der Tiere gilt seitdem das Vieraugenprinzip. Allein kriegt Grunert die Käfigtüren nicht auf. Außerdem lässt sich die Tür zum Gehege erst öffnen, wenn der Eisbär im Stall ist und das Gehege leer.

Mal Maus, mal Monster - wie bringt Grunert das zusammen? Eisbären müssten fressen, was sie kriegen können, um in der Wildnis zu überleben, sprudelt es aus ihm heraus. In der Not würden sie auch Artgenossen fressen. Aber nur weil ein Eisbär ihn angreifen würde, wenn er dessen Gehege beträte, ist er für Grunert noch lange kein treuloser Geselle. Das sei vielmehr der Mensch. "Es ist Respektlosigkeit gegenüber Lloyd, wenn ich eine Grenze überschreite, die ich nicht überschreiten darf. Es wäre meine Ignoranz, mein Fehler, ihn in eine Situation zu bringen, in der er nichts anderes tun könnte als das, was ihm sein Instinkt aufgibt. Dann läuft sofort das Fressprogramm."

Schon jetzt, wie er mit schweren Schritten neben einem herstapft, muss er sich zügeln, nicht wütend auf sich selbst zu werden. Weil er sich dazu hinreißen lässt, von der Sehnsucht nach Berührung zu sprechen. Bloß weil er von der Möglichkeit redet, in das Revier des Tiers einzudringen. Nur ein Gedankenspiel: Komm, lieber Lloyd, wir sind doch Freunde. Und Freunde umarmen sich, oder etwa nicht? Niemals!

Einmal und nie wieder

Und trotzdem. Einmal hat Grunert diesen Fehler begangen. Wegen einer kleinen OP musste Lloyd narkotisiert werden. Nach dem Betäubungsschuss lehnte er sich gegen das Gitter, wo Grunert stand. Dann rutschte er am Gitter nach unten. Der Eingriff verlief reibungslos, nach drei Stunden sollte er wieder wach sein. Nach fünf Stunden schlief er immer noch. "Da bekam ich Panik." Grunert tat, was er vorher noch nie getan hatte und danach nie wieder. Er griff durchs Gitter und streichelte dem betäubten Lloyd übers Bärengesicht. In diesem Augenblick öffnete Lloyd die Augen. "Ich dachte, das war's, der Arm ist ab." Doch Lloyd schaute ihn nur kurz an - und schloss die Augen wieder. "Was war ich für ein Idiot. Unfassbar!"

Tierpfleger sind keine Spitzenverdiener, Grunert verdient ohne Zulagen 1500 Euro netto. Die Arbeit ist anstrengend, bis zu zehn Kilometer legt er jeden Tag auf den Wirtschaftsgängen zurück, die um das Betongebirgsgelände herum verlaufen. Hier unten, wo viele Tiere fressen und manche schlafen, sieht der Zoo am Meer mit seinen kahlen Wänden und den Eisentüren wie ein Hochsicherheitstrakt aus.

Auch die anderen Pfleger nehmen in diesem Beruf körperliche Arbeit unter hohem Zeitdruck auf sich, um ihren Tieren nah sein zu können, wie sie bei der Mittagspause im Besprechungsraum bestätigen. Sie wollen eine Verbindung aufbauen. Sogar zu Fischen. Gesprächsthema Nummer 1 ist an diesem Tag der todkranke Polarfuchs Gunnar ohne Schwanz. Er heißt so, weil ihm das Weibchen den Schwanz abgebissen hat. Zitternd vor Schwäche sitzt er im Gehege, mit dem Rücken zur Scheibe. Am Nachmittag macht die Nachricht die Runde: Gunnar ohne Schwanz ist tot. Das Herz.

Menschen sind zu unberechenbar

Auf einem seiner ewigen Rundgänge durch den Zoo murmelt Thomas Grunert einmal, dass er vielleicht etwas menschenscheu sei und deshalb keine Beziehung zu einer Frau habe, dass das aber auch seinen guten Grund habe: "Bei Tieren weiß ich genau, woran ich bin. Menschen sind so unberechenbar."

Grunert ist ein Scheidungskind. Die Trennung der Eltern belastete den zarten Jungen, für ihn wurde ein Hund zum besten Freund; der Boxer schlief nachts in seinem Bett. Was er bei Tieren findet? "Geborgenheit, Ruhe, Zuverlässigkeit." Nach der Realschule wollte er unbedingt Tierpfleger werden, aber bei der Arbeitsberatung riet man ihm von "diesem Modeberuf" ab. Also begann er eine Ausbildung als Koch in einem Luxushotel in Bayern. Dazu gehörte auch, eine Zeit lang als Kellner zu arbeiten. Als ihn ein Gast beim Bedienen geringschätzig behandelte, schmiss er die Lehre nach eineinhalb Jahren hin. Er bewarb sich doch um einen Ausbildungsplatz als Pfleger, beim "Zoo am Meer" in Bremerhaven. Hier bedient er Tiere, die seine Hilfe und Unterstützung "zu schätzen wissen".

"Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einem Eisbären so nah kommen werde", sagt er irgendwann zwischen Waschbären- und Zwergottergehege, in der Nähe der Lebendfutterkäfige voller Hühner und Kaninchen. Aber was ist das für ein Nähe, die keine Berührung zulässt?

"Es ist eine Nähe, die man sich hart erarbeiten muss", sagt Grunert. "Wenn man sich zurücknimmt, nichts erwartet, was das Tier nicht leisten kann, dann kann man eine tolle Vertrauensbasis schaffen." Die wichtigste Lehrerin in seinem Leben ist deshalb die 2012 gestorbene Eisbärin Irka, die schon mit Herbert und später mit Lloyd zusammenlebte. Von Irka lernte er eine Sprache, die mit den Ohren, Augen, Lippen und Pfoten gesprochen wird. Der Zootierarzt Joachim Schöne blickt nachdenklich, als man ihn fragt, was er eigentlich von Grunerts inniger Verbindung mit den Eisbären hält. Dann sagt er: "Wir neigen dazu, die kognitiven Fähigkeiten von Tieren zu unterschätzen. Da ist viel mehr, als wir uns vorstellen können."

Später Nachmittag. Gerade haben Grunert und ein Kollege über ein Schiebesystem die Gittertür von Lloyds Stall geöffnet. Nach der Mahlzeit soll er ins fast 1200 Quadratmeter große Außengehege zurückkehren. Dies sind die kostbarsten Minuten in Thomas Grunerts Arbeitstag. Der Moment, auf den er sich jeden Tag schon morgens um vier Uhr freut, wenn er nach einer kurzen Nacht aufwacht. Er freut sich auf das Treffen an den Gittern, die den Gang zwischen Fresszelle und Gehege bilden.

Gitter heißt: Alle paar Zentimeter daumendicke Stahlstangen. Gitter heißt auch: zwischen den Stahlstangen ungehinderter Luftkontakt. Kein Glas, kein Wassergraben, keine 20 Meter Entfernung zwischen ihm und Lloyd und Valeska.

Lloyd trabt von seinem Stall zurück zum Gehege die Treppe hoch. Neben ihm läuft Thomas Grunert. Erstaunlich flink für seine Größe und sein Gewicht flitzt er die Treppe auf der anderen Seite des Gitters hinauf, immer auf gleicher Höhe mit Lloyd. Grunert dreht den Kopf zur Seite und schließt die Augen. Er macht sich kleiner, als er ist. Und er zeigt seine Zunge. So laufen sie nebeneinander her, sehr eng, zwei, drei Sekunden lang. Bär und Mensch. Dann ist Lloyd im Gehege verschwunden.

Grunert steht auf der obersten Stufe, sein Gesicht leuchtet vor Freude. "Er hat sich angelehnt", sagt er. "Er hat den Kopf weggedreht, er hat die Augen geschlossen." Der Bund zwischen Lloyd und dem Pfleger ist erneut besiegelt worden.

Viele Menschen sind enttäuscht von ihren Mitmenschen, weil die ihren Wunsch nach Nähe nicht erwidern. Thomas Grunert ist glücklich, den Weg gefunden zu haben, seinen Eisbären so nahe zu sein, dass er sagen kann: "Wir sind so eng befreundet, dass wir wirklich ungewöhnliche Situationen meistern."

Es war vor ziemlich genau einem Jahr. Irka war gestorben, mit 34 Jahren - Eisbären erreichen in Zoos ein weitaus höheres Alter als in der freien Wildbahn. Nun kam Valeska nach Bremerhaven. Im Gehege wartete Lloyd. Männlicher Eisbär wartet auf weiblichen Eisbär, das klingt nach einem Rendezvous. Einerseits. Aber auch wenn es schon längst eine abgeschlossene, lärmgeschützte Kammer für Muttertier und Jungtier im Zoo gibt - romantische menschliche Vorstellungen sind bei Eisbären fehl am Platz. Im Gehege wartete ein Einzelgänger auf einen anderen Einzelgänger. Vor allem wartete ein großes Männchen auf ein kleineres Weibchen.

Was würde geschehen, wenn die beiden sich nicht würden riechen können? Wenn Lloyd Valeska nicht in seinem Revier dulden würde? Der Tierpfleger, Abteilung Landraubtiere, war mindestens so nervös wie der Riese im Gehege.

Thomas Grunert sagte zu Lloyd: Ruhig, mein Kleiner, alles wird gut. Und so kam es dann auch.

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Quelle:
SZ vom 17.08.2013/vs
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