Facebook:Wie die Selfie-Epoche die Kriminalität verändert

Facebook

Facebook: Eine Zweitwelt, in der fast zwei Milliarden Menschen leben.

(Foto: Jeff Chiu/AP)

In Chicago wird eine 15-Jährige von mehreren Männern vergewaltigt - die übertragen das Abscheuliche live auf Facebook. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Verbrechen über das soziale Netzwerk geteilt wird.

Von Friederike Zoe Grasshoff

Facebook ist kein soziales Netzwerk, Facebook ist auch kein Staat und kein Kontinent, Facebook ist eine Welt. Eine Zweitwelt, auf der fast zwei Milliarden Menschen leben. Am hellen Horizont dieser Zweitwelt können die Bewohner sehen, was ihre Freunde und Freundesfreunde so machen, sie können Selbstbildnisse und Fremdbewertungen posten, Nachrichten wie Nicht-Nachrichten lesen, ja, sich ergötzen am niemals endenden Strom all dieser hier gebündelten Leben. Einzige verbindliche Grundregel des Zusammenlebens: Was nicht festgehalten wurde, ist auch nicht passiert.

In der Kanalisation dieser Zweitwelt wird jedoch auch ganz anderes, sehr viel dunkleres Material dokumentiert und geteilt: Videos von Steinigungen, Kinderpornografie, Folter, Terrorpropaganda, Sex mit Tieren, Hohn und Hass. Straftaten im Stream. In eben diesem Stream, genauer gesagt auf Facebooks Live-Funktion, ist vor ein paar Tagen ein 15-jähriges Mädchen aufgetaucht, die von einer Gruppe von Männern vergewaltigt wurde. 40 Menschen sollen zugeschaut haben, wie die Zeitung Chicago Tribune berichtet. Keiner von ihnen alarmierte die Polizei.

Wie sie vor die Kamera, in die Gewalt der Männer, in die Öffentlichkeit geriet? Noch am Samstag seien sie zusammen bei einem Basketballspiel gewesen, sagte der Onkel des Mädchens zur Chicago Tribune, danach gab es Pizza, am Sonntag gingen sie in die Kirche, er setzte sie zu Hause ab, sie wollte sich noch etwas zu essen kaufen gehen und dann nach Hause. Da kam sie aber nicht an. Die Familie begann nach dem Mädchen zu suchen, sie fanden es nicht, sie meldeten es als vermisst. Das nächste Mal sah der Onkel seine Nichte auf Facebook, mit sechs jungen Männern, die sie sexuell missbrauchten, ein Teenager aus der Nachbarschaft hatte ihn auf die Videoübertragung aufmerksam gemacht.

Erst am Dienstagmorgen wurde das Mädchen gefunden, wo und unter welchen Umständen, ist nicht bekannt. Klar ist nur, dass sie nun wieder bei ihrer Mutter ist und im Krankenhaus behandelt wird. Der Pressesprecher der Polizei von Chicago bestätigte die Ermittlungen auf Twitter; derzeit würden die Beamten Befragungen nachgehen, einen Tatverdächtigen gebe es aber noch nicht. Unterschiedlichen Medienberichten zufolge kontaktierte die Polizei Facebook, das Video wurde schließlich entfernt. Eine Sprecherin von Facebook wollte den konkreten Fall zwar nicht kommentieren, sagte aber, dass das Unternehmen "seine Pflicht, für die Sicherheit der Menschen bei Facebook zu sorgen, sehr ernst nimmt". Verbrechen dieser Art seien fürchterlich - "und wir lassen solche Inhalte auf Facebook nicht zu".

Was schon sehr euphemistisch ausgedrückt ist. Januar 2017, wieder Chicago: Facebook überträgt live, wie vier junge Menschen einen geistig Behinderten misshandeln. Januar 2017, Uppsala in Schweden: In einer geschlossenen Facebook-Gruppe wird gezeigt, wie mehrere Männer eine Frau aufs Bett drücken und sie vergewaltigen. März 2017, Herne, Nordrhein-Westfalen: Ein junger Mann tötet den neunjährigen Nachbarsjungen, danach verschickt er Fotos von sich selbst nebst Opfer, die später auf dem Portal 4chan zu finden sind. Auch in der Kriminalität greift also die Logik der Selfie-Epoche: Nur was festgehalten wurde, ist auch wirklich passiert. Erst brutal, dann viral.

Als Facebook die Live-Streaming-Funktion im April 2016 freischaltete, kommentierte Gründer Mark Zuckerberg die Möglichkeiten, im Stream zu leben, auf seinem eigenen Account wie folgt: "Wer in Echtzeit interagiert, ist persönlicher verbunden." Die Funktion, sie werde unsere Kommunikation grundlegend verändern. Was nun, ein Jahr und ein paar Live-Gewalttaten später wohl auch eingetroffen ist. Aber nicht nur die Art, wie wir kommunizieren, nicht nur die Art, wie Facebook dafür kritisiert wird, strafrechtlich relevante Inhalte nicht rechtzeitig zu löschen, auch die Art, wie Menschen Straftaten begehen, scheint sich zu verändern.

Demonstration von Macht und Kontrolle über einen Menschen

Wieso streamen Menschen ihre Verbrechen live im Internet, multiplizieren sich, ihre Tat und das Opfer in einem beinahe unüberschaubarem Raum? Wieso machen sie sich online identifizierbar, wieso gehen sie dieses Risiko ein - und warum sollen und müssen die anderen ihnen auch noch dabei zusehen?

Anruf bei Kriminalpsychologe Rudolf Egg, der erst einmal diesen einen Satz sagt: "Menschen machen das, was möglich ist. Und was ihnen gefällt. Also zeigen sie auch eine Vergewaltigung im Livestream - selbst wenn sie damit ein extrem großes Risiko eingehen." Und dann stellt er eine Frage: "Wieso macht man Bilder im Urlaub? Um sie jemand anderem zu zeigen, um sich daran erinnern zu können. Aus dem gleichen Grund machen manche Verbrecher auch Bilder von ihren Straftaten. Um sich zu rühmen, zu protzen, sich toll zu fühlen. Insbesondere wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sind, wird nicht groß drüber nachgedacht, ob man später dafür eingesperrt wird. Und viele denken auch immer noch, dass man im Internet völlig anonym ist, dabei gibt es natürlich eine Menge an identifizierbarem Material."

Das Hauptmotiv solcher Vergewaltigungen sei, sagt Egg, nicht die sexuelle Handlung an sich, sondern die Demonstration von Macht und Kontrolle über einen Menschen, diese steigere sich dann durch die potenziellen Zuschauer. "Manche Sexualstraftäter wollen offenbar sich und ihren Freunden bei solchen Gruppenvergewaltigungen zeigen, wie sehr sie das Opfer demütigen können, um sich selbst stärker zu fühlen." Das uralte Verbrechen der Vergewaltigung als modernes Machtsymbol im Internet.

Und obwohl Zweitwelten wie Facebook Straftaten gewissermaßen medial multiplizieren, entspreche der Eindruck, dass heute viel mehr Verbrechen begangen würden, nicht der Realität, nicht der Statistik. "Solche Sexualverbrechen hat es immer schon gegeben", sagt Egg. Nur musste das Opfer nicht unbedingt in dem Wissen weiterleben, dass es vielleicht noch irgendwo ein Video von der Tat gibt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB