Expeditionsschiff "Shokalskiy" in der Antarktis Warten auf den Schneedrachen

Da saß sie noch nicht fest: Die Mannschaft der Akademik Shokalskiy posiert in der Antarktis für ein Weihnachtsfoto.

Die 74 Menschen an Bord der "Akademik Shokalskiy" haben an Heiligabend die wohl stillste aller Nächte verbracht. Seit Dienstag ist ihr Forschungsschiff im Eis der Antarktis eingeschlossen. Rettung nähert sich in Gestalt eines chinesischen Eisbrechers.

Von Birgit Lutz

Das ist der Stoff, aus dem Abenteuergeschichten gemacht sind: Ein kleines Schiff in der Antarktis, im Eis eingefroren, weit weg vom Rest der Welt. Rettungsmannschaften brauchen zwei Tage mindestens, bis sie bei den Eingeschlossenen ankommen, dem Schiff einen Weg freibrechen können ins offene Meer. Und als wäre das noch nicht genug, ist auch noch Weihnachten.

Die 50 Passagiere und 24 Crewmitglieder an Bord der Akademik Shokalskiy dürfen dieses Jahr wohl von sich behaupten, die stillste Nacht der Welt gefeiert zu haben. Denn viel los ist in den Breiten, in denen ihr Schiff seit Heiligabend feststeckt, nun nicht gerade. Es ist jetzt, im Sommer der südlichen Hemisphäre, zwar Hochsaison im antarktischen Expeditionstourismus. Die Shokalskiy aber ist nicht auf den von Expeditionskreuzfahrtschiffen relativ viel befahrenen Routen vom südamerikanischen Ushuaia an die Antarktische Halbinsel unterwegs; sie ist am 8. Dezember aus dem neuseeländischen Hafen Bluff aufgebrochen, ihr Ziel: Mawson's Huts, im östlichen Teil des Australischen Antarktischen Territoriums. Hier kommt äußerst selten jemand vorbei.

"The Spirit of Mawson" (Deutsch: Der Geist von Mawson) heißt die Expedition. Die Passagiere und Wissenschaftler an Bord haben sich auf die Spuren der "Australasian Antarctic Expedition of 1911-1914" begeben, bei der der Expeditionsleiter Sir Douglas Mawson vor 100 Jahren umfangreiche Daten in der südlich von Australien und Neuseeland liegenden antarktischen Region gesammelt hat. Die heute mitgereisten Forscher wollen aktuelle Untersuchungen anstellen und mit den alten vergleichen.

Das Projekt war insofern schon ein Erfolg, als das Schiff tatsächlich die Commonwealth Bay erreichte und am 19. Dezember eine erste Gruppe an Wissenschaftlern und Touristen die 50 Kilometer über das Eis bis zum historischen Stützpunkt Mawson's Hut hinter sich brachte. Bis dahin hatte die Shokalskiy einen Zick-zackkurs durch das aufgebrochene Eis hinter sich und ankerte sicher in der Bay. Eine zweite Gruppe folgte an Land, und weitere Messungen wurden vorgenommen.

Von Eisschollen eingeschlossen

Dann aber änderten sich das Wetter und die Windrichtung. Starke südöstliche Winde mit Böen bis 70 Kilometer pro Stunde ließen immer mehr Eisschollen in die Commonwealth Bay driften, und in aller Eile ließ die Mannschaft der Shokalskiy Mensch und Gerät an Bord verladen. Sie hoffte, sich noch einen Weg nordwärts aus der Bucht bahnen zu können - doch vergebens. Die Schollen schlossen das Schiff ein - an Heiligabend. Und sie haben es bislang nicht wieder freigegeben. Nur zwei Kilometer Eis trennen das Schiff vom offenen Meer, doch die Shokalskiy ist kein Eisbrecher, sie kann sich ihren Weg dorthin nicht selbst freiräumen.

Damit ist das Schiff nun in einer Lage, die vor 100 Jahren mehr als misslich zu nennen gewesen wäre. Wer in den Zeiten der frühen Entdecker vom Eis umschlossen wurde, brauchte viel Geduld, viele Essensvorräte und noch mehr Glück, denn manchmal blieben die Schiffe Monate und Jahre Gefangene des Eises und wurden am Ende doch zerquetscht, ohne je wieder in Freiheit zu gelangen.

Notruf am ersten Weihnachtsfeiertag

Die 1974 in Finnland gebaute Shokalskiy dagegen ist aus solidem Stahl und hat vor allem eine gut funktionierende Satellitenanlage an Deck. So wird sie einerseits wohl nicht zermalmt werden, und andererseits konnte sie am ersten Weihnachtsfeiertag einen Notruf absetzen. Seither ist nun ein chinesischer Eisbrecher mit dem schönen Namen Schneedrache unterwegs, die Shokalskiy zu befreien. An diesem Freitagabend wird er bei der Shokalskiy erwartet - wenn sich bis dahin nicht der Wind wieder gedreht und die Eissituation um das Schiff völlig verändert hat. Auch das wäre in polaren Gewässern nichts Ungewöhnliches.

Auch die Nachrichtenlage um die eingeschlossenen Seefahrer ist heute besser als zu Zeiten Fridtjof Nansens. Von dem war während seiner Eisreisen am Ende des 19. Jahrhunderts bis zu drei Jahre lang nichts zu hören - und wenn, dann wären es wenig Mut machende Nachrichten gewesen, angesichts der schleichenden Irrfahrt, die sein Schiff damals auf dem Eis absolvierte.

Der heutige Expeditionsleiter, der Australier Chris Turney, dagegen berichtet nahezu stündlich über Twitter, Youtube und seinen Expeditionsblog, was auf der Akademik Shokalskiy los ist. Unter einem Foto, das fröhliche, Zipfelmützen tragende Menschen im Bug des Schiffs zeigt, heißt es: "Die Moral ist gut."

Lesen Sie hier mehr zur Expedition der Akademik Shokalskiy.