bedeckt München 13°

Schiffsunglück:Unsichere Gewässer

Zwei Monate nach dem Untergang werden Teile der "Estonia" im November 1994 geborgen.

(Foto: JAAKKO AVIKAINEN/AFP)

Neue Bilder vom Wrack der "Estonia" haben in den vergangenen Tagen viele aufgewühlt. Dem Regisseur der Dokumentation und einem anderen Mitglied der TV-Crew drohen nun bis zu zwei Jahre Gefängnis - wegen Störung der Totenruhe.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Die TV-Dokumentation "Estonia - der Fund, der alles ändert" hat diese Woche in Estland, Finnland und Schweden die Öffentlichkeit aufgewühlt und die Regierungen aufgescheucht. Die Dokumentarfilmer hatten im vergangenen Jahr mit Tauchrobotern das Wrack der 1994 untergegangenen Fähre MS Estonia besucht. Ihre nun veröffentlichten Bilder vom Ostseeboden in 80 Metern Tiefe zeigen einen bislang nicht bekannten vier Meter langen Riss am Bug der Fähre. In allen drei Ländern werden nun Rufe laut nach einer neuen Untersuchung des Unglücks. Dem Regisseur der mehrteiligen Dokumentation aber, dem Schweden Henrik Evertsson, und einem anderen Mitglied der TV-Crew drohen derweil bis zu zwei Jahre Gefängnis: Sie müssen sich in Schweden vor Gericht verantworten wegen Störung der Totenruhe.

Nach dem Untergang der Titanic ist der Untergang der Estonia am 28. September 1994 die größte Katastrophe, die Europas zivile Schifffahrt jemals erlebt hat: 852 Menschen starben in der stürmischen Nacht, die meisten von ihnen gefangen unter Deck des sinkenden Schiffes, das von Tallinn unterwegs war nach Stockholm. Nur 137 überlebten. Vor allem für die Schweden ist die Katastrophe unweit der finnischen Küste "eines unserer nationalen Traumata", wie das Svenska Dagbladet nun schreibt.

Das liegt zum einen daran, dass die Mehrzahl der Todesopfer Schweden waren, das liegt zum anderen aber auch an der Art und Weise der staatlichen Untersuchung des Unglücks, die von Angehörigen und Überlebenden als zutiefst mangelhaft empfunden wurde: Der offizielle Untersuchungsbericht, der als Unglücksursache fehlerhafte Scharniere und eine sich im Sturm öffnende Bugklappe ausmachte, ließ viele Fragen offen. Unter anderem hatten die Inspektoren der beteiligten Staaten nie das Wrack selbst untersucht, die schwedische Regierung schlug einmal sogar vor, das Wrack in einem Betonmantel einzuschließen, was viele Angehörige empörte - und die Verschwörungsgläubigen noch einmal befeuerte. In deren Thesen waren es mal eine Bombe, mal ein U-Boot, die das Schiff versenkt hatten, mal steckten die Russen dahinter, mal die USA, mal Israel, mal die Araber.

Es soll neue Tauchgänge zum Wrack geben

Die Regierungen Estlands, Schwedens und Finnlands veröffentlichten diese Woche eine gemeinsame Erklärung, wonach sie "übereinstimmen, dass es eine Verifizierung der in der Dokumentation gezeigten Informationen geben soll". Estnische und finnische Regierungsmitglieder drängen dabei nun ausdrücklich auch auf Tauchgänge zum Wrack, schon um neuen Verschwörungserzählungen zu begegnen. In Estland meldete sich Margus Kurm zu Wort und gab seiner Überzeugung Ausdruck, der Riss sei nur mit einer Kollision mit einem U-Boot zu erklären. Kurm ist der frühere Generalstaatsanwalt des Landes, von 2005 bis 2009 war er der Leiter einer Estonia-Untersuchungskommission. Andere meinen, das Loch könne auch erst nach dem Sinken des Schiffes entstanden sein. Genug Anlass jedenfalls, um das Wrack einmal gründlich zu untersuchen, meinen Angehörigenverbände.

Sweden Finland Estonia transport accident accident

Bildaufnahmen der "Estonia" vom Meeresgrund

(Foto: -/AFP)

Die Doku des Discovery Channels, die die neue Debatte ausgelöst hat, findet sich in Schweden derweil in den Fängen der Justiz wieder. Im Jahr 1995 hatten sich mehrere Ostseeanrainer auf ein Gesetz geeinigt, welches das Wrack der Estonia zum Seegrab erklärt und jede Störung der Totenruhe dort mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft. "Tauchen und andere Unterwasseraktivitäten" sind demnach ausdrücklich verboten. Die schwedische Staatsanwaltschaft hat deshalb im Juni schon bei einem Gericht in Göteborg Klage eingereicht gegen Regisseur Henrik Evertsson und einen seiner Mitarbeiter. Die Crew verteidigt sich: Mit Blick auf das Gesetz hatte die norwegische Produktionsfirma extra ein deutsches Tauchschiff gechartert, die MS Fritz Reuter aus Rostock. Deutschland nämlich hat das Gesetz zur Grabesruhe nie unterzeichnet. "Deutsche Flagge auf internationalen Gewässern, damit gilt deutsches Recht", zitiert die Zeitung Dagens Nyheter Regisseur Evertsson.

© SZ
Weddings in the Coronavirus pandemic

SZ PlusKalifornien
:Paradise Lost

Vor sieben Jahren zog unser Autor mit seiner Familie von München nach Kalifornien. Sie erlebten unbeschwerte Jahre, dann wuchsen Angst, Wut und Verbitterung im Land. Heute erkennt er diesen Ort nicht wieder. Eine Entzauberung.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite