Erziehung Es piept wohl

Haben die Eltern in grauer Vorzeit immer perfekt auf ihre Kinder aufgepasst? Ablenkung gibt es nicht erst seit der Erfindung des Smartphones.

(Foto: V like Vintage GmbH)

Eltern passen oft nicht richtig auf ihre Kinder auf. Nur, wer ist schuld? Na klar, das Smartphone. Aber machen wir es uns mit dieser Argumentation nicht ein bisschen einfach? Eine Widerrede.

Von Barbara Vorsamer

Kinder im Schwimmbad verunglückt, weil Mutter einen Roman gelesen hat." "Griff zum Strickzeug im Schwimmbad ist riskant." "Bademeister warnt: Eltern gucken im Schwimmbad mehr in Zeitung als auf ihre Kinder." Alles Schlagzeilen, die in den vergangenen Wochen erschienen sind? Natürlich nicht. Die Schuld an den überdurchschnittlich vielen Schwimmbadunglücken in diesem überaus sonnigen Sommer hat angeblich das Smartphone. Allerdings sind auch schon vor der Vorstellung des ersten Smartphones Unfälle passiert. Und natürlich könnte die Zunahme bei den Badeunfällen auch etwas damit zu tun haben, dass Kinder schlechter schwimmen können als früher, weil es in Schulen zu wenig Schwimmunterricht gibt und immer mehr Bäder schließen. Oder damit, dass in diesem Supersommer viel mehr Leute viel öfter im Freibad waren. Aber was soll die Differenzierung, wenn es doch so einen naheliegenden kleinen, piepsenden Störenfried als Schuldigen gibt, der in der Handtasche der Mutter herumbrummt und sie derart ablenkt, dass sie nicht mehr auf ihren Nachwuchs schaut?

Am Wochenende fand in Hamburg eine Kinderdemo statt. Unter dem Motto "Spielt mit mir! Nicht mit euren Handys!" haben 150 Menschen gegen Eltern demonstriert, die sich zu viel mit ihren Smartphones beschäftigen. Initiiert hat die Demo der siebenjährige Emil. Angemeldet haben sie seine Eltern und mitgegangen sind sie auch - weswegen sie quasi gegen sich selbst demonstriert haben.

Vater Martin Rustige hat genug vom Rummel rund um die Demo und will keine Interviews mehr geben - sagt er am Montag am Telefon. Im Grunde ist ja ohnehin schon alles gesagt zu dem Thema. Die Diskussion dreht sich dabei stets um dieselben beiden Thesen. Erstens: Die Kinder und Jugendlichen von heute sind schwer Smartphone-suchtgefährdet. Und zweitens: Eltern von heute schauen immer nur aufs Handy und kümmern sich nicht um ihre Kinder. Auf den ersten Blick scheint beides wahr zu sein, das kann jede Mutter bestätigen, die versucht, die Augen des 13-Jährigen mal kurz vom Handybildschirm zu lösen, um eine Antwort zu bekommen. Oder jeder Vater, der am Spielplatz böse angeschaut wird, weil sein Kleinkind sich just in dem Moment an der Rutsche gestoßen hat, als er mal eben eine SMS beantwortet hat. Doch auch früher haben Teenager ihren Eltern nicht zugehört, auch früher haben Mütter und Väter am Spielplatz gelesen, gestrickt, geratscht - und geraucht. Und gelten andererseits nicht auch sogenannte Helikoptereltern, die ihren Nachwuchs keine Sekunde aus den Augen lassen, als verachtenswürdiger Auswuchs der Smartphone-Zeit? Die Stimmen werden immer lauter, die fordern, Kindern mehr Freiraum zu geben, sie auch mal in Ruhe zu lassen. Und während man sie dann in Ruhe lässt, darf man dann vielleicht mal aufs Handy gucken?

Es gibt ein Wort für den ständigen Blick aufs Display bei gleichzeitigem Ignorieren des Gegenübers: Phubbing

Das Gerät ruiniert übrigens nicht nur die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Auch Partnerschaften leiden. Einer Umfrage zufolge ist jeder vierte Deutsche eifersüchtig auf das Gerät des oder der anderen und eine Studie aus England ergab, dass manche Leute sogar Sex verschieben, um ganz fürs Handy da sein zu können. Freundschaften zerstören die Telefone sowieso. Es gibt sogar ein eigenes Wort für den ständigen Blick aufs Display bei gleichzeitigem Ignorieren des Gegenübers: Phubbing, von phone und to snub, englisch für brüskieren. Wer sich so verhält, wird, auch diese Studie gibt es, über kurz oder lang all seine Bekanntschaften verlieren. Daran ist aber nicht das Gerät in der Tasche schuld.

Nein, es ist die urmenschliche Sehnsucht nach Unterhaltung, Zerstreuung und Aufmerksamkeit, die einen immer wieder zurück an den kleinen Monitor treibt. Dass man all das in Gestalt eines einzigen Geräts immer dabei und jederzeit zur Verfügung hat, das ist tatsächlich etwas ziemlich Neues, an dessen Faszination das Strickzeug aus der grauen Vorzeit nicht ganz herankommt. Der Roman vielleicht schon, aber da hat man nicht immer alle Neuerscheinungen in der Handtasche.

Anfang des 19. Jahrhunderts war die Sorge groß, dass Mütter infolge grassierender "Lesesucht" Haushalt, Kindererziehung und eheliche Pflichten vernachlässigten könnten. Ganz so weit ist es nicht gekommen, der Roman hat die Institution Familie genauso wenig zerstören können wie die Illustrierte, das Radio, das Fernsehen und das Internet. Sie wird auch dem Smartphone standhalten.

Noch sind eben die wenigsten besonders geübt im Umgang mit der surrenden Versuchung - Smartphones gibt es erst seit elf Jahren. Auch der Kinderdemo-Initiator Emil wünscht sich übrigens ein Smartphone. Vielleicht wird er einmal besser damit umgehen können als seine Eltern. Wahrscheinlicher ist aber, dass er ihnen dann auch manchmal nicht zuhört.