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Prinzessin Latifa von Dubai:Hilferuf der gefangenen Prinzessin

Die Tochter des Emirs von Dubai verschickt über ein eingeschmuggeltes Handy Videobotschaften. Deren Inhalt könnte für ihren Vater zum Problem werden.

Von Moritz Baumstieger

Eine weiße Wand mit schwarzem Zierstreifen, eine junge Frau, die in einer Ecke zusammengekauert in eine Handykamera spricht: Die Szenerie der kurzen Filme, die für den Herrscher des Emirats Dubai zum Problem werden könnten, ist immer die gleiche - und das hat einen Grund: "Ich nehme dieses Video im Badezimmer auf. Das ist das einzige Zimmer mit einer Tür, die ich abschließen kann", erklärt die junge Frau. "Ich bin eine Geisel und diese Villa ist in ein Gefängnis verwandelt worden."

Eine Villa als Gefängnis - das klingt nach dem sprichwörtlichen goldenen Käfig, in dem manche mächtige und vermögende Patriarchen ihre Nachkommen oder Partner halten. Und auch, wenn bei Meldungen aus der arabischen Welt solche orientalistischen Klischees sehr schnell verwendet werden, trifft die Formulierung im Falle der jungen Frau in den Videos zu: In die Kamera eines zu ihr geschmuggelten Handys spricht hier Prinzessin Latifa, Tochter von Mohammed bin Raschid al-Maktoum, seines Zeichens Emir von Dubai sowie Vizepräsident und Premier der gesamten Vereinigten Arabischen Emirate. In der Beziehung zu ihrem mächtigen Vater knirschte es schon lange, bereits 2002 wollte sie nach eigenen Angaben aus der Glitzermetropole am Persischen Golf fliehen, der Vater sperrte sie daraufhin für drei Jahre weg.

Sechzehn Jahre später, Ende Februar 2018, schien ihr dann die Flucht fast zu gelingen - auf eine Art, die an einen Agententhriller erinnert: Mithilfe ihrer Capoeira-Lehrerin und organisiert von einem französischen Ex-Agenten benutzte die Sheikha Jetski und ein Gummiboot, um sich in Richtung Oman abzusetzen, von dort sollte sie ein Boot ins indische Goa bringen. Doch die Häscher ihres Vaters, den Latifa früher einmal als "das Böse in Person" beschrieben hatte, stellten das Boot in internationalen Gewässern. Was im Anschluss geschah, schildert Latifa nun in den Videos, die ihr Anwalt und die damals in den Fluchtversuch verwickelte Capoeira-Lehrerin Tiina Jauhiainen nun der BBC zugespielt haben.

Latifa bint Mohammed Al Maktoum

Prinzessin Latifa in einem Video vor drei Jahren, in dem sie darüber spricht, aus Dubai zu fliehen.

(Foto: AP)

An jenem 4. März 2018, so erzählt es Latifa, habe einer der Männer, die ihr Boot gekapert haben, einen kleinen Beutel in Camouflage-Optik gezückt, darin eine Spritze mit Beruhigungsmitteln. "Tu das nicht, tu das nicht!", habe sie verzweifelt gerufen, doch der Mann stach zu. Da sie zunächst keine Wirkung spürte, habe sie sich versucht zu wehren - und da sie gefesselt gewesen sei, sei ihr als einzige Option ein verzweifelter Biss in den Arm des Mannes geblieben. Der schrie zunächst - und setzte ihr dann noch eine Injektion. Latifa bekam noch mit, wie sie in einen Jet verladen wurde, aufgewacht sei sie dann erst in Dubai.

Als der Fluchtversuch der Sheikha publik wurde, versuchte Dubais Herrscherfamilie ihren Ruf durch eine eilige Inszenierung zu retten: Ende 2018 veröffentlichte das Emirat Fotos von einem Treffen der Prinzessin mit der ehemaligen UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, und teilte mit, die heute 35-Jährige sei "sicher in der liebevollen Obhut" ihrer Familie. Robinson teilte später mit, betrogen worden zu sein, wie die "liebevolle Obhut" wohl in Wirklichkeit aussieht, enthüllte Latifa nun dank des Handys, das ihre Unterstützer 2019 in die Villa schmuggeln konnten.

Seit 2020 ist der Kontakt zu Latifa jedoch abgerissen, nach der Veröffentlichung der BBC interessieren sich nun amtierende UN-Offizielle für das Schicksal der Prinzessin: Die Arbeitsgruppe für erzwungenes Verschwinden sehe sich die Sachlage derzeit an, teilten die UN in New York mit, der Hohe Kommissar für Menschenrechte will die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate zu Latifa befragen.

Die UN-Offiziellen wissen natürlich um den Leumund, den Latifas Vater Mohammed bin Raschid al-Maktoum im Umgang mit seinen Frauen und Töchtern hat: Latifas ältere Schwester Shamsa ließ er 2002 aus Cambridge zurück ins Emirat entführen, seiner zweiten Hauptfrau Haya bint al-Hussein, Halbschwester des jordanischen Königs, gelang 2019 hingegen mit zwei Kindern die Flucht nach London, wo sie die Scheidung einreichte. Ein Gericht stellte Entführungsversuche und Einschüchterung fest, sprach in einem Fall gar von Folter.

Für das Ansehen des Scheichs, der sich in Großbritannien gerne auf Society-Events wie dem Pferderennen in Ascot zeigt, war das Urteil vernichtend. Die Anziehungskraft seiner Märchenstadt ist bislang dennoch ungebrochen - gutes Wetter, keine Steuern und wenig Corona-Sorgen locken weiter Touristen, Expats und Influencer an. Über die dunklen Seiten des autoritär regierten Kleinstaates sprechen Letztere in ihren Instagram-Stories nicht. Einerseits, weil sie sich dazu vertraglich verpflichten, andererseits, weil das Beispiel Latifa zeigt: Wer sich im Emirat querstellt, spricht bald bestenfalls in ein eingeschmuggeltes Handy.

© SZ/moge
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