Dating in den USA Wo ist Claudia?

Nach rechts oder nach links? Versehentlich in die falsche Richtung wischen ist ein häufiges Phänomen bei Tinder.

(Foto: Screenshot Twitter)

Er wischte bei der Dating-App Tinder versehentlich nach links - und die Frau, in die er sich verliebt hatte, war weg. Doch ein US-amerikanischer Student gab nicht auf und schrieb E-Mails, um sie zu finden - sehr viele E-Mails.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Hach, genau so beginnen Liebesfilme: Junge sieht Mädchen. Junge verliebt sich unsterblich, verliert das Mädchen jedoch aus den Augen und muss wahnwitzige Dinge anstellen, um sie noch einmal zu sehen. Der Junge in dieser wahren Geschichte ist der Student Hayden Moll und die Handlung spielt im Jahr 2018. Da hat er dieses Mädchen nicht in einer Vorlesung oder irgendwo anders in der wirklichen Welt gesehen, sondern beim Datingportal Tinder, das viele als heitere Nichtigkeit abtun. Er verliebt sich unsterblich in Claudia und wischt in seiner Aufregung nach links. Das bedeutet bei Tinder: kein Interesse!

Natürlich ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die einen das Leben so lehrt - neben der Einsicht, dass eine heitere Nichtigkeit niemals nichtig ist und alles Streben nur Haschen nach dem Wind -, dass die Liebe ein seltsames Spiel ist, die vom einen kommt und zum anderen geht und einem alles nehmen kann. Das Mädchen war weg, laut Algorithmus für immer, wahrscheinlich tauchte sie schon im nächsten Augenblick auf dem Bildschirm eines anderen auf.

Das jedoch wollte Moll nicht akzeptieren, er verfasste eine verzweifelte Nachricht. Er hatte im Verzeichnis der Missouri State University herausgefunden, dass es 42 Studentinnen mit dem Vornamen Claudia gibt - er schickte allen die gleiche Email: "Ich habe einen Anfängerfehler bei Tinder gemacht und versehentlich nach links gewischt." Er beschreibt die Fotos und Interessen der richtigen Claudia, lädt sie zum Donut-Essen ein und bittet: "Schreibe mir zurück, ob Du interessiert bist." Gleichzeitig veröffentlichte er seine Suche auf dem Nachrichtenportal Twitter.

Dort merkten einige sogleich an, dass so auch Horrorfilme beginnen: Junge sieht Mädchen. Junge verliebt sich in Mädchen. Junge verfolgt Mädchen. Die wahre Claudia solle sich bestenfalls ins Ausland absetzen. Sowas sei keine Tinderella Story, keine Liebesgeschichte aus dem 21. Jahrhundert, keine Version des zuckersüßen Bestsellers Train Man. Es sei die reale Version der morbiden Serie The End of the F***ing World, die gerade bei Netflix zu sehen ist. Darin freundet sich ein Jugendlicher mit einem Mädchen an, weil er sie unbedingt umbringen will.

Die echte Claudia, sie heißt Claudia Alley und ist 18 Jahre alt, setzt sich nicht ins Ausland ab, sie schreibt bei Twitter: "Der Typ hat jeder Claudia an der Missouri State geschrieben, um mich bei Tinder zu finden. Was für eine Ehre. Anscheinend bin ich die Siegerin." Moll antwortet sogleich: "Hey, ich kenne den Typen." Sein Streben war ganz offensichtlich nicht nur Haschen nach dem Wind, auch wenn die Liebe im 21. Jahrhundert ein noch seltsameres Spiel ist, als es ohnehin schon immer war.

Nun haben die beiden sich getroffen und beschlossen, tatsächlich auszugehen. "Wir sind in der Schule beschäftigt, aber das könnte schon klappen - wir haben uns sehr gut verstanden", sagt Claudia. Wie es weitergeht, wollen sie trotz aller Betteleien der Beobachter nicht verraten. Es geht ja auch niemanden was an - und sind die schönsten Filme, ob Romanze oder Thriller, nicht jene, bei denen am Ende der Bildschirm einfach schwarz wird?

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