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Corona in Afrika:Plötzlich nüchtern

Somali men chew khat in Mogadishu

In Ländern wie Somalia kauen etwa 70 Prozent der Männer und etwa ein Drittel der Frauen täglich Khat.

(Foto: Feisal Omar/REUTERS)
  • In manchen Ländern Ostafrikas und der Arabischen Halbinsel kauen etwa 70 Prozent der Männer und etwa ein Drittel der Frauen täglich Triebe des Khat-Strauches.
  • Anbau und Vertrieb sind ein Milliardengeschäft, von dem Regierungen sowie Islamisten profitieren.
  • Wegen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ist der Handel derzeit vielerorts unterbrochen.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

Während im Rest der Welt die Angst regiert, die Toten gezählt werden, kann Sumeya Nur Farah derzeit wenig Schlechtes sagen über die Corona-Pandemie. Sie hat ihr den Vater zurückgebracht. "Diese Woche hat er mir jeden Tag Geld, Gemüse, Mangos, Fleisch und Essen gebracht", sagt die Neunjährige in Somalias Hauptstadt Mogadischu der Nachrichtenagentur Reuters. "Ich liebe ihn jetzt. Das Leben ist super."

Bis vor ein paar Wochen gab es in ihrem Haushalt nur wenig zu Essen. Der Vater ließ sich erst in den frühen Morgenstunden blicken, wenn ihm das Geld fehlte, um noch mehr Khat zu kaufen, jenen grünen Strauch, dessen junge Blätter und Zweigspitzen in großen Teilen Ostafrikas und im südlichen Teil der Arabischen Halbinsel gekaut wird.

In Ländern wie Jemen, Dschibuti oder Somalia kauen etwa 70 Prozent der Männer und etwa ein Drittel der Frauen täglich Khat, Anbau und Vertrieb sind ein Milliardengeschäft, der Konsum prägt das Leben ganzer Gesellschaften. Bis vor einigen Tagen. Der Beertakhat, der größte Khatmarkt Mogadischus ist mittlerweile wie leer gefegt, in Teilen Kenias wurde der Handel und Gebrauch von Khat verboten, im Jemen mangelt es an Ware. Flugverbote und hygienische Bedenken haben den Khatnachschub für Millionen Menschen durcheinandergebracht, in Somalia, einem der Hauptabnahmeländer, ist er komplett zusammengebrochen. "Die Leute müssen erkennen, dass dies nicht die Zeit ist, um Khat zu kauen", sagte Somalias Transportminister Mohamed Abdullahi Omar.

Khat enthält Cathinon, eine Substanz, die einem schwächeren Amphetamin gleicht. Geringe Mengen Khat haben die Wirkung von Kaffee. Bei intensiverem Kauen stellt sich Euphorie ein, die Konsumenten berichten, sich wacher und konzentrierter zu fühlen, keinen Hunger oder Müdigkeit zu verspüren. Man fühle sich gezwungen, irgendetwas zu tun, witzelte ein Korrespondent der New York Times, der Khat offenbar probiert hatte, in den 60er-Jahren: "Laufen, rennen, Holz zerkleinern, lautstark Gedichte rezitieren oder eine Handgranate werfen". Ganz falsch ist das nicht, in Somalia wurde Khat lange in geselliger Runde genossen, Gedichte und Geschichten entstanden. Heute profitieren auch die Islamisten von al-Shabaab vom Khat-Handel.

Die Droge sichert vielen Staaten einen Teil ihrer Steuereinnahmen

Der Strauch wird vor allem in Äthiopien und Kenia angebaut, gekaut werden nur die jungen Triebe, möglichst rasch nach der Ernte, schon nach wenigen Tagen haben die Sträucher ihre Wirkung verloren.

Am Horn von Afrika hat sich deshalb eine erstaunliche Lieferkette etabliert; Alte russische Antonov-Transportmaschinen und Kleinflugzeuge verteilen die Sträucher in der Region. Allein in Somalia sollen täglich bis zu 35 Flugzeuge gelandet sein, die etwa jährlich Khat im Wert von 800 Millionen Dollar anliefern. In Dschibuti kommen täglich bis zu zwölf Tonnen an und bringen dem Staat wie vielen seiner Nachbarn einen Teil seiner Steuereinnahmen.

Der Vertrieb wird in dem kleinen Küstenstaat von der Frau des Präsidenten organisiert, vom Flughafen werden die Blätter mit Lastwagen in die Provinz gebracht, dann geht es mit dem Motorrad weiter in die kleinsten Nester.

"Ohne Khat gäbe es hier vielleicht eine starke Opposition"

Zehntausende Menschen in Ostafrika leben vom Anbau oder dem Verkauf von Khat, das hier überall legal ist. Es ist eine Droge, die nach dem Geschmack der Herrscher ist, die weite Teile der Bevölkerung leicht berauscht, aber nicht so sehr, dass sie auf dumme Gedanken kommen. "Ohne Khat gäbe es hier vielleicht eine starke Opposition", sagt ein politischer Beobachter in Dschibuti. Tausende Menschen leiden an Diabetes, weil viele zum Kauen des bitteren Khat Unmengen von Cola trinken.

Dennoch halten viele Forscher den Strauch für weit ungefährlicher als Alkohol. Im Jahr 2013 befand eine die Regierung beratende Forschungsgruppe in Großbritannien, dass es "nur unzureichende Belege" gäbe, dass Khat zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen führe. Dennoch verbot die britische Regierung ein Jahr später die Einfuhr und den Verbrauch.

Dagegen hätten auch viele Familien in Ostafrika nichts einzuwenden, deren Väter das Geld mit Khat durchbringen. Das Leben sei durch Corona großartig geworden, sagt die kleine Sumeya Nur Farah in Mogadischu. "Aber bitte bring uns nicht um."

© SZ/vwu
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