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Corona und Sprache:Von AHA-Regel bis Zoomparty

Gabenzaun in München während der Corona-Krise, 2020

Ein sogenannter Gabenzaun für Obdachlose in München. Das Wort ist eine von etwa 1000 Corona-Neuschöpfungen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sind rund 1000 neue Wörter entstanden, die das Leibniz-Institut in einer eigenen Liste zusammengetragen hat. Viele sind sperrig, viele sind englisch - und manche sind sogar schön.

Von Alexander Menden

Während des ersten Corona-Lockdowns im vergangenen Frühjahr hatte vorübergehend ein Phänomen Konjunktur, das wohl als eine der menschenfreundlichsten Hervorbringungen dieser Pandemie gelten darf: Eine Zeit lang hängten Menschen Tüten mit Lebensmitteln an Zäune. Von dort konnten Bedürftige sie sich gratis herunterpflücken. Ein anhaltender Trend wurde dieser sogenannte Gabenzaun nicht. Dennoch schaffte es dieser durchaus schöne Begriff auf eine Liste von Corona-Wortneuschöpfungen des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS).

Das Mannheimer Institut dokumentiert sprachliche Entwicklungen im Deutschen. Nun hat das IDS eine Bilanz für die vergangenen zehn Jahre im Allgemeinen und das Jahr 2020 im Besonderen gezogen. Dabei stellt sich heraus, dass allein die Gruppe neu geschaffener Begriffe, die irgendwie mit Corona im Zusammenhang stehen, mittlerweile rund 1000 Wörter umfasst. Das reicht von der sogenannten "AHA-Regel" (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) über den (noch immer nur als Idee existierenden) "Immunitätspass" bis zum "Corona-Sex", für den gleich zwei Definitionen existieren: Sex mit Schutzkleidung, also zum Beispiel mit Mund-Nasen-Schutz, sowie Sex, für den man während der Corona-Pandemie mehr Zeit und Gelegenheit hatte.

Hotspot, Superspreader, Lockdown - Anglizismen haben Konjunktur

Auffällig, wenn auch wenig überraschend, ist die große Anzahl an Anglizismen, die mit den Corona-Wellen in den deutschen Sprachgebrauch geschwappt sind: "Hotspot", "Superspreader" oder "Lockdown light" müssen weder erklärt noch übersetzt werden. Eine weitere Gruppe bilden Begriffe, die nicht in jedem Fall durch Corona entstandene, von der Pandemie wohl aber vergrößerte Bruchstellen in der Gesellschaft umschreiben helfen: "Impfgegner" gab es natürlich auch schon zuvor, sie haben aber mit den "Hygienedemonstrationen" eine neue Plattform erhalten. Das IDS hat beobachtet, dass im Zusammenhang mit diesen Demonstrationen bereits in vorangegangenen Jahren etablierte Neologismen wie "Reichsbürger" verstärkt Verwendung finden. Andere Begriffe aus diesem Bereich sind "Pegidist" oder "Identitärer".

Fußballspiele im "Geistermodus", also ohne Zuschauer, gab es ebenfalls bereits vor Corona. Früher waren sie allerdings Ausnahmen, sie wurden zum Beispiel als Strafen für Klubs verordnet, deren Fans sich besonders schlimm danebenbenommen hatten. Nun ist dieser Modus Standard.

Neue Nicht-Corona-Wörter haben oft etwas mit Social Media zu tun

In den vergangenen zehn Jahren sind, auch abseits von Corona, viele neue Begriffe entstanden. Viele davon haben natürlich mit sozialen Medien zu tun, zum Beispiel das "Phubbing" - "das als störend empfundene (exzessive) Nutzen von mobilen Kommunikationsgeräten, durch das soziale Interaktionen unterbrochen oder ihr Zustandekommen verhindert werden". Oder der "Social Bot", also ein "in sozialen Netzwerken menschliches Verhalten nachbildendes und als (falscher) Account agierendes Computerprogramm meist mit dem Zweck der Meinungsbeeinflussung".

Als besonders wirksam erwiesen sich solche Bots bei der Beeinflussung des EU-Referendums in Großbritannien vor vier Jahren. Damals entstanden die Begriffe "Brexiteer" und "Remainer" für Brexit-Befürworter beziehungsweise -Gegner. Sie werden wohl auch über den Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der EU am Ende dieses Jahres hinaus Verwendung finden - ebenso wie jener Begriff, der in der Regierungszeit des gegenwärtig noch amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten entstand: der "Trumpismus".

© SZ/nas
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