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SZ-Kolumne "Alles Gute":Die Weltrettung kommt später

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Die Innovationsindustrie in Japan hat sich der vordringlichsten Themen der Corona-Krise angenommen. Nach Schwimmmasken für Bademeister hat jetzt Karaoke-Singen endlich wieder Sinn.

Von Thomas Hahn

Erfindungsgeist und Zweckdenken sind zwei japanische Tugenden, und beide kommen in der Coronavirus-Pandemie derart zum Tragen, dass die Welt sich ein Beispiel nehmen kann. Klar, auch im Inselstaat läuft die Suche nach Impfstoff und Therapiemöglichkeiten. Aber bevor die Weltrettung gelingt oder eben nicht gelingt, hat sich Japans Innovationsindustrie der vordringlichsten Themen der Gesundheitskrise angenommen. Karaoke singen mit Maske zum Beispiel.

Hygiene, Dienstleistung, Entertainment sind die Stichworte. Es geht um Lösungen für den Alltag, damit die Konsumgesellschaft weitermachen kann, ohne ständig neue Ansteckungen hervorzubringen.

Kürzlich hat zum Beispiel der Bahn-Betreiber JR East seine Roboterflotte für den neuen Bahnhof Takanawa im Tokioter Bezirk Minato zum Gruppenbild versammelt. Eine stattliche Mannschaft intelligenter Maschinen kam da zusammen, lauter rollende Charakterkästen in verschiedenen Formen und Größen, mit denen man auch den neuesten Toy-Story-Film besetzen könnte. Tatsächlich sollen die Roboter an dem Bahnhof eines Tages als autonome Desinfizierer, Gepäckträger und Getränkelieferanten arbeiten und so eine Zukunft mit weniger Viren bewerkstelligen. Allerdings erst von 2025 an, das ist der Haken.

Mit der Smart Mask kann man sogar SMS verschicken

Auf dem Maskensektor hingegen ist der Fortschritt in Japan längst angekommen. Mittlerweile gibt es gekühlte Masken, leichte Sommermasken, durchsichtige Plastikmasken für Coffeeshop-Angestellte, wasserundurchlässige Schwimmmasken für Bademeister. Ab September soll in limitierter Auflage auch eine sogenannte Smart Mask erhältlich sein, über die man Textnachrichten aufs Smartphone sprechen oder Anrufe tätigen kann.

Einen Durchbruch vermeldet auch ein Anbieter aus dem Unterhaltungssektor: Wirtschaftlern ist es gelungen, Karaoke-Maschinen mit einer neuen Funktion zu versehen, die den Gesang auch mit Maske hell und klar erklingen lässt. Die neue Einstellung verstärkt automatisch die Tonhöhen im mittleren bis hohen Bereich, die mit Tuch oder Filterpapier vor dem Mund gedämpft klingen.

Das ist eine beträchtliche Erleichterung für das Ursprungsland des enthemmten Selbersingens. Die Amateur-Popmusik zur Instrumental-Konserve hatte einen schweren Stand während der Pandemie. Lauter Gesang in engen Räumen mit vielen Menschen galt als Akt der Verantwortungslosigkeit, denn welcher Karaoke-Liebhaber wollte schon seine Starqualität und samtene Stimme hinter einem Mundschutz verbergen. Japans Nationalspaß war ein Infektionsrisiko. Jetzt ergibt Karaoke wieder Sinn. Die Party mit Maske ist möglich. So eine Freude.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/afis
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