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Öffentliche Durchsagen:Gespenstisch hier, beruhigend dort

Neuigkeiten per Ortsrufanlage

In Wipfeld am Main ertönt Marschmusik, dann folgt die Durchsage.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die meisten der etwa zwei Dutzend noch existierenden Ortsrufanlagen in Deutschland wurden in der Nachkriegszeit errichtet.
  • Sie geben kleineren Gemeinden eine akustische Struktur, ein Gefühl von Gemeinschaft.
  • Im Osten sind die Megafone bis heute behaftet mit der Erinnerung an den real existierenden Sozialismus.

Die Lautsprecher sind zurück. Gespenstisch wirkende, orwellsche Durchsagen, in Zeiten der Ausgangsbeschränkung besser daheimzubleiben und den Mindestabstand zu wahren. Blechern tönende Stimmen aus einer unheimlichen Welt. Neu für viele. Aber längst nicht für alle.

76 fest installierte Lautsprecher haben sie in Hügelheim, 40 Kilometer südlich von Freiburg. Über sie erreicht Ortsvorsteher Martin Bürgelin seine 1400 Bürger am schnellsten, wenn es mal wieder was zu vermelden gibt. "Ich bin mit dem Knacken der Verstärker aufgewachsen", sagt Bürgelin. "Für mich hat das nichts Bedrohliches."

Seit mehr als 50 Jahren erklingen Tschaikowskis Fanfaren aus dem "Capriccio Italien, op. 45" über Hügelheim. Per CD. Danach werden die Gemeindenachrichten verlesen, derzeit auch Aktuelles wie der Hinweis über die Spielplatzschließungen in Corona-Zeiten oder dass es Einkaufshelfer im Ort gibt. Früher übernahm so etwas ein Bote, den sie in Hügelheim schlicht den "Bott" nannten. Heute haben die regelmäßigen Durchsagen für die Hügelheimer etwas sehr Vertrautes, auch das Neubaugebiet soll bald feste Lautsprecher erhalten. Dagegen, findet man in Hügelheim, wirken die mobilen Corona-Durchsagen der Feuerwehr und der Polizei irgendwie bedrohlicher.

Ortsrufanlagen geben dem Dorf eine akustische Struktur

Um etwas weniger furchteinflößend zu klingen, haben Polizisten in London jüngst ihre Ansagen mit dem Monty-Python-Song "Always look on the bright side of life" eröffnet. Der klingt aufmunternder als das von einer Schellack-Platte stammende "Philips-Ankündigungssignal", mit dem die Bewohner in Pösing im Bayerischen Wald zum Zuhören aufgefordert werden. Immer wochentags um halb sechs am frühen Abend und samstags um zwölf Uhr. Durch mehr als 50 Lautsprecher und 3800 Meter Erdkabel sind hier rund 1000 Einwohner akustisch mit dem Rathaus verbunden.

"Zuletzt waren bei uns wegen Corona über die Anlage auch viele Absagen von Vereinsveranstaltungen zu hören", sagt Gisela Riederer, die den aus den Fünfzigerjahren stammenden Ortsruf betreut. Für Informationen zur Corona-Krise sei derzeit aber auch die Dorf-Whatsapp-Gruppe sehr gefragt.

Ortsrufanlagen geben kleineren Gemeinden eine akustische Struktur, ein Gefühl von Gemeinschaft. So wie Kirchenglocken oder woanders der Ruf des Muezzin. So waren sie schon in der Nachkriegszeit gedacht, in der die meisten der etwa zwei Dutzend noch existierenden Anlagen in Deutschland errichtet wurden.

Doch im Osten sind die Megafone bis heute behaftet mit der Erinnerung an den real existierenden Sozialismus, der von seinen Genossen vor allem eines verlangte: Gehorsam. Und dennoch gibt es sie, zum Beispiel in der thüringischen Gemeinde Rhönblick, Ortsteil Wohlmuthausen. Wenn auch die Durchsagen längst nicht mehr lauten: "In allen gesellschaftlichen Organisationen ist ein verstärkter Kampf gegen den westlichen Einfluss zu führen!" Heute wird eher der Termin für die Altpapiersammlung bekannt gegeben oder für das Fest auf dem Sportplatz. Wohltuend. Auch, dass die sogenannten "Reichslautsprechersäulen" der Nazi-Zeit längst verklungen sind.

"Es lebe der Sport" ertönt für Leibesübungen

Parteipropaganda via Lautsprecher, wie man sie auch aus den Filmen mit "Don Camillo und Peppone" kennt, ist heute tabu. "Eine Ortsanlage ist ja kein Volksempfänger", meint Gisela Riederer aus Pösing. Wer bei ihr im Dorf nach dem "Philips-Ankündigungssignal" Privates verlesen lassen möchte, der wirft die von ihm gewünschte Mitteilung ganz analog in einen Briefkasten.

In Kolitzheim-Zeilitzheim im Landkreis Schweinfurt sind die Zeiten mittlerweile vorbei, in denen zum Beispiel die Verkündigung einer diamantenen Hochzeit durch den 700-Einwohner-Ort schallte. "Unsere Lautsprecher gingen ständig kaputt", berichtet eine Gemeindemitarbeiterin. "Es wurde zu teuer. Also haben wir die Anlage abgeschaltet." Nun erklingt hier keine Marschmusik mehr, die im Todesfall selbstverständlich durch ein Streichquartett ersetzt wurde.

Im thüringischen Mehmels aber läuft der Ortsfunk noch. "Sieben Fässer Wein" als akustisches Schmankerl zum Winzerfest und "Es lebe der Sport" für Leibesübungen - das musikalische Programm ist breit gefächert. Aber auch Vorsicht bleibt bei Ortsdurchsagen angebracht: Im benachbarten Breitungen im Werratal sollen einmal zwei Gemeindemitarbeiter über andere gelästert haben - vor dem bereits eingeschalteten Mikrofon. Kam nicht so gut an.

"Erst am Sonntag habe ich zur aktuellen Corona-Ausgangsbeschränkung bei uns eine Durchsage gemacht", sagt Tobias Blesch, Bürgermeister von Wipfeld am Main. "Wie immer angekündigt mit unserer uralten Marschmusik-Kassette." Nach einem Blitzeinschlag hatte der Lautsprecheranlage samt Kassettenrekorder noch vor zwei Jahren das Aus gedroht. "Aber dann entdeckten wir auf Ebay geeignete Verstärker." Nun tönt gelegentlich auch mal wieder Hochzeitsmusik durch den 1200-Einwohner-Ort. "Zumindest, wenn am Standesamt gerade was los ist." Die Akzeptanz sei auch 70 Jahre nach der Inbetriebnahme noch groß, auch und besonders in Corona-Zeiten. So eine fest installierte, örtliche Stimme habe ja auch was Beruhigendes, meint Bürgermeister Blesch. "Nur die Touristen am Campingplatz schreckten zuletzt immer etwas auf, sobald sie den Lautsprecher knacken hörten. Aber wenn sie in diesem Sommer wiederkommen, so dürften sie den Klang ja auch aus ihren Gemeinden kennen."

© SZ/marli
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