Brückeneinsturz in Genua Feuerwehr prüft Knirschgeräusche an Brücken-Resten

  • Die Einsatzkräfte haben auffällige Geräusche registriert, die von dem in Teilen eingestürzten Brücken-Bauwerk ausgingen.
  • Deswegen dürfen heute auch nicht wie geplant Bewohner in ihre geräumten Wohnungen unterhalb der Morandi-Brücke zurück.
  • Eigentlich sollte ihnen heute erstmals seit dem Unglück am Dienstag vergangener Woche die Gelegenheit gegeben werden, Privatgegenstände aus den als nicht mehr bewohnbar geltenden Gebäuden zu holen.

Die Bergungsarbeiten in den Trümmern und an den noch stehenden Teilen der Morandi-Brücke in Genua gelten nach wie vor als extrem gefährlich. Es ist immer noch nicht auszuschließen, dass weitere Teile der Brücke einstürzen. Auch von den mehrere zehn Meter großen, herabgestürzten Trümmerteilen geht Gefahr aus, heißt es. Sie gelten vielfach als instabil, drohen auseinanderzubrechen. Für die Helfer gilt daher, wachsam alle Veränderungen zu registrieren.

Wegen knirschender Geräusche hat die Feuerwehr nun am Montagmittag einen Einsatz unterhalb des Bauwerks unterbrochen. Eigentlich hätten Bewohner evakuierter Häuser heute erstmals Gelegenheit bekommen sollen, ihre Habseligkeiten aus den verlassenen Wohnungen zu holen. Die Möglichkeit, dass der Wind die Geräusche verursachte, wurde laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Ansa ausgeschlossen. Der Rumpf der Brücke, der über evakuierten Wohnhäusern verläuft, mache Geräusche, die sich von denen in den vergangenen Tagen unterschieden, sagte Feuerwehr-Sprecher Luca Cari am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

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Einem Bericht des italienischen Magazins Espresso zufolge, wussten Experten des italienischen Infrastruktur- und Transportministeriums spätestens seit Februar von Problemen mit der Brücke. Damals sollen einer gemischte Technikerkommission Berichte vorgelegen seien, wonach die Belastbarkeit des Betons um zehn bis 20 Prozent reduziert gewesen sein soll, woraufhin Instandsetzungsarbeiten beschlossen worden waren. Zur Ursache der Katastrophe, bei der 43 Menschen ihr Leben verloren, sagte am Montag der Chef der Untersuchungskommission des Infrastrukturministeriums, Roberto Ferrazza, man müsse von einer Reihe von Ursachen ausgehen. Augenzeugeberichte legten nahe, dass sich "die Brücke erst verbogen hat, dann ist sie eingestürzt." Die konrkete Einsturz-Dynamik sei aber unklar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mangelnder Wartung und Konstruktionsfehlern als möglichen Unglücksursachen.

Der Verdacht richtete sich von Anfang an auf die Träger, die von den 90 Meter hohen Pfeilern abgehend die Fahrbahnkonstruktion halten. Sie sind aus Spannbeton, später wurden sie mit Stahltrossen verstärkt um sie elastischer zu machen. Videos und Augenzeugenberichte sprechen dafür, dass ein oder zwei Träger rissen. Ob das der Anfang der Katastrophe war oder nur ein nachfolgender Teil einer bereits an anderer Stelle losgetretenen Kettenreaktion, ließe sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, heißte es. In jedem Fall müsse etwas gebrochen sein, so Ferrazza, das die ganze Konstruktion aus dem Gleichgewicht gebracht haben und so die Fahrbahnkonstruktion zerriss. Dass diese zuerst nachgab, hält die Autobahngesellschaft für sehr unwahrscheinlich, dafür hätte es zuvor Anzeichen geben müssen. Auch dass zuerst der Pfeiler 9 brach, gilt als ausgeschlossen.

Eine Überprüfung der Ursache für die am Montag festgestellen Geräusche sei in Gang. Die Räumung der Trümmer des eingestürzten Brückenteils wurde fortgesetzt.

Unter einem anderen Abschnitt der Brücke wurden Wohnhäuser geräumt, in denen mehr als 600 Menschen lebten. Einige der Häuser gelten als nicht mehr bewohnbar. Am Montag sollten die ersten betroffenen Familien neue Bleiben bekommen, kündigte der Regionalpräsident von Ligurien, Giovanni Toti, auf Twitter an. Bis zum 20. September sollten weitere 40 Wohnungen zur Verfügung stehen, bis Ende des Monats weitere 100. "Innerhalb von maximal acht Wochen gibt es ein Zuhause für alle", versprach er. Mehr als 500 Genuesen hatten ihre Wohnungen verlassen müssen.

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