Trauerfeier in Genua "Ein Riss im Herzen der Stadt"

Ein Mann nimmt zu Beginn der Trauerfeier für die Opfer der Brückenkatastrophe in Genua Abschied.

(Foto: dpa)
  • In Genua nehmen die Spitzen des Staates und mehr als 3000 weitere Menschen bei der offiziellen Trauerfeier Abschied von den Opfern des Brückeneinsturzes vom Dienstag.
  • In die Trauer mischt sich Wut, so boykottieren einige Hinterbliebene den Staatsakt und wollen lieber in privatem Rahmen um ihre Lieben trauern.
  • Rettungskräfte haben in den Trümmern am Fuß der Brücke ein weiteres Auto mit drei Opfern geborgen. Damit steigt die Zahl der Toten auf insgesamt 42.

Nach dem Brückeneinsturz in Genua hat der Erzbischof der Stadt, Kardinal Angelo Bagnasco, zu Solidarität und menschlicher Nähe aufgerufen. Nach dem "Riss im Herzen der Stadt" und den tiefen Verletzungen "spüren wir, wie notwendig die zwischenmenschlichen Bindungen sind", sagte er am Samstag bei der offiziellen Trauerfeier für die Opfer der Katastrophe vom Dienstag. Zu der Feier in einer Messehalle kamen am Samstagmorgen rund 3000 Menschen, unter ihnen Staatspräsident Sergio Mattarella und die Spitzen der Regierung.

Solche Beziehungen, so Bagnasco weiter, "gehören zum Gewebe einer Gesellschaft, die sich zivil nennt". Sie verlangten aber Vertrauen, um miteinander Freude und Leid zu teilen. "Wir Genueser wissen, aus unseren Herzen das Beste zu holen, wie viel Gutes und Großzügiges in uns lebt, das so oft verborgen ist", sagte Bagnasco unter Beifall der Gottesdienstteilnehmer. In der Halle standen 18 Särge aufgebahrt, darunter ein kleiner weißer mit der Leiche des jüngsten Opfers, des achtjährigen Samuele. Er war mit seinen Eltern unterwegs zur Fähre Richtung Sardinien, wo die Familie Ferien machen wollte.

Beifall für die Feuerwehr

Vor Beginn der Feier, die über Bildschirme in eine benachbarte Messehalle übertragen wurde, waren vor allem Angehörige der Feuerwehr, des Roten Kreuzes und des Zivilschutzes mit großem Applaus begrüßt worden. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass in den Trümmern am Fuß der Brücke ein weiteres Auto mit drei Toten gefunden wurde. Ein Feuerwehrsprecher erklärte am Samstag zudem, Helfer hätten die Leiche des letzten Vermissten gefunden, eines Arbeiters aus Genua. Damit stieg die Zahl der Toten auf insgesamt 42.

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An dem Staatsakt in der Genueser Messehalle nahmen nur die Angehörigen von 18 Toten teil. Die übrigen wollten sich privat in ihren jeweiligen Heimatorten von den Verunglückten verabschieden. Sie begründeten dies mit Wut und Enttäuschung über mutmaßliches Versagen des Staates und mit den Reaktionen einiger Politiker. Bereits am Morgen waren vier junge Männer in Torre del Greco bei Neapel beigesetzt worden.

Staatstrauer im ganzen Land

Der Samstag ist in Italien zu einem Staatstrauertag erklärt worden. Vor öffentlichen Gebäuden weht die Fahne auf Halbmast. Bei den Fußballspielen des Wochenendes tragen die Spieler schwarze Armbinden und legen eine Schweigeminute ein. Die Partien der beiden genuesischen Teams, Sampdoria und Genua, wurden verschoben.

Zudem haben die Behörden über die Provinz Genua einen zwölfmonatigen Ausnahmezustand verhängt. Regierungschef Giuseppe Conte teilte mit, ein Verfahren zum Entzug der Konzession für den Autobahnbetreiber Autostrade sei eingeleitet. Auch wenn die örtlichen Behörden bisher keine mögliche Ursache ausschließen, gilt es als wahrscheinlich, dass sich Seilaufhängungen und Pfeiler gesetzt haben.

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