bedeckt München

Berlin:Das Geld liegt auf der Straße

Knapp zwei Meter hoch und einen halben Meter breit: In der Berliner Müggelstraße 22 sind die Bewohner nicht gerade glücklich über den Geldautomaten im Hauseingang.

(Foto: Verena Mayer/Verena Mayer)

In Berlin werden immer mehr Geldautomaten vor oder in Wohnhäusern aufgestellt. Das mag für Touristen praktisch sein, die Leute, die damit leben müssen, sind genervt.

Von Verena Mayer, Berlin

Der Berliner Bezirk Friedrichshain ist als Ort bekannt, an dem viele Leute ganz prinzipiell ein Problem mit dem Kapitalismus haben. In der Müggelstraße 22 gibt es dafür aber auch einen guten Grund. Dort steht der Kapitalismus nämlich mitten im Hauseingang, knapp zwei Meter hoch und einen halben Meter breit - ein Geldautomat.

Warum er hier ist, wissen die drei Mieter nicht, die an einem Augustnachmittag vor dem Haus stehen und auf die leuchtende, brummende und vor allem sehr raumgreifende Säule gucken. Sie wissen nur, dass vor einigen Wochen ein Sockel aus Beton in den Hauseingang gegossen und das Klingelschild abmontiert wurde. Wenig später war ein Geldautomat mit der Aufschrift "Cash" montiert, und man konnte nicht mehr klingeln und keine größeren Gegenstände durch die Tür bringen.

Niemand im Haus sei darüber informiert worden, sagt Alexander Bandilla, "da kommt einfach jemand und stellt so ein Ding auf". Sein Nachbar kann wegen der Brummgeräusche nicht mehr bei offenem Fenster schlafen, der Mann aus der dritten Etage fragt sich, wie er eine neue Couch nach oben transportieren soll. Und da ist noch die Berliner Feuerwehr. Die benötigt für die Durchfahrt im Notfall mindestens 1,25 Meter. Der Automat lässt aber nur noch einen Meter und acht Zentimeter Platz.

Kaum ein Laden, in dem nicht ein Geldautomat verbaut wäre

Ein Geldautomat, den keiner will und der alle behindert, das kann man als Berliner Kuriosität abtun. Doch der Automat steht für ein größeres Phänomen. Er ist nämlich bei Weiten nicht der einzige im Kiez. Wenn man ein paar Straßen abläuft, gibt es kaum ein Restaurant, ein Schaufenster oder einen Supermarkt, in dem nicht ein Geldautomat verbaut wäre. Die Geräte werden nicht von Banken oder Sparkassen aufgestellt, sondern von unabhängigen Geldautomatenbetreibern. Allein in Berlin gibt es tausend davon, viele befinden sich in Wohnhäusern, an der Fassade oder direkt im Eingang.

Warum es diese Geldautomaten gibt, ist klar. Die Banken und Sparkassen haben in den vergangenen Jahren ihre Filialnetze verkleinert und auch die Geldautomaten abgebaut, die wenig Gewinn abwerfen, dafür aber sehr wartungsintensiv sind. In diese Lücke sind dann Firmen wie Euronet Worldwide, Cardpoint, IC Cash Services oder Notemachine Deutschland gestoßen, die keine klassischen Geldgeschäfte anbieten, sondern an deren Geräten man nur Bargeld abheben kann. Wofür dann teilweise saftige Gebühren fällig werden.

Unklar ist jedoch, warum es in Zeiten des bargeldlosen Bezahlens so viele Geldautomaten braucht. Kersten Trojanus von der AG Geldautomaten, die die Interessen der unabhängigen Betreiber vertritt, sagt, dass die Bargeldquote in Deutschland noch immer sehr hoch sei. Besonders im Lebensmittelhandel würden die Abhebungen zunehmen, Touristen hätten ebenfalls einen enormen Bedarf an Cash. "Das Bargeld ist nicht totzukriegen", sagt Trojanus. 5000 unabhängige Automaten gibt es in Deutschland, Tendenz steigend. Besonders Berlin ist mit seinen dezentralen Kiezen und den vielen Besuchern der perfekte Standort für die Geldautomaten. Die Läden, die solche Automaten aufstellen, haben ebenfalls etwas davon. Sie bekommen Laufkundschaft und von den Automatenbetreibern eine Miete, die in guten Lagen sehr hoch sein kann. In der Müggelstraße sollen im Monat an die 1000 Euro Miete fließen, sagen die Bewohner. Die Hausverwaltung hat eine Anfrage der SZ dazu nicht beantwortet.

Und da sind noch die Leute, die mit den Automaten leben müssen. Anwohnerinnen und Anwohner, die nicht nur von den Geräuschen, dem Licht und den Videokameras genervt sind, sondern auch von den Automatenkunden, die sich zu jeder Tageszeit im Hauseingang herumdrücken. Alexander Bandilla glaubt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis jemand seinen Unmut gegen den Kapitalismus an dem Automaten in der Müggelstraße 22 auslässt. "Da ist viel Emotionalität." Und was, wenn jemand auf die Idee kommt, den Geldautomaten auszurauben oder gar zu sprengen?

Tatsächlich werden der AG Geldautomaten zufolge die Geräte in Berlin wesentlich öfter Ziel von Vandalismus als anderswo in Deutschland. Allerdings sei die Hürde, so exponierte Automaten zu attackieren oder auszurauben, höher als in Bankfilialen, in denen man eine Tür zumacht und das Kabel der Überwachungskameras durchtrennt, so Kersten Trojanus. Aber er sagt auch, dass die Firmen inzwischen gezielt auf private Hauseigentümer zugehen, um ihre Automaten aufzustellen. Es sei schließlich einfacher, von Privaten eine Genehmigung zu bekommen als im öffentlichen Raum, wo oft mehrere Behörden im Spiel sind.

In Amsterdam will die Verwaltung gegen die Geldautomaten vorgehen

In der Branche hört man zudem, dass gerade die amerikanischen Unternehmen beim Aufstellen der Automaten sehr zahlengetrieben vorgehen und es mit den Regeln nicht immer ganz genau nehmen würden. So wie der in der Müggelstraße. Dort hat sich nun der zuständige Baustadtrat des Bezirks Friedrichshain eingeschaltet. Weil der Automat den Rettungsweg der Feuerwehr blockiere und eine unerlaubte Brandlast darstellte, soll nun die Bauaufsicht Schritte einleiten, "die gegebenenfalls auch eine Beseitigungsanordnung beinhalten können".

Am deutschen Standort der Firma Euronet, die den Automaten betreibt, äußert man sich auf mehrere SZ-Anfragen nicht, aus dem Hauptsitz im US-Bundesstaat Kansas heißt es, die Firma betreibe in Deutschland 2000 Automaten. Es werde beim Aufstellen stets geprüft, wie die kommunalen Vorgaben sind.

Der Friedrichshainer Baustadtrat will die Automaten in den Hauseingängen nun zu einem politischen Thema machen. Wegen dieser zunehmend "um sich greifenden Praxis" solle es den Berliner Bezirken möglich sein, dagegen vorzugehen. In Amsterdam, dessen touristisches Zentrum ebenfalls mit zahlreichen Geldautomaten vollgestellt ist, gibt es einen ähnlichen Vorstoß. Dort will man in den Fassaden von Läden keine neuen Automaten mehr genehmigen.

Vielleicht ändert sich aber auch einiges durch die Corona-Krise: In den ersten Monaten der Pandemie sind in den vom Tourismus geprägten Innenstädten die Abhebungen an den Automaten massiv eingebrochen.

© SZ/olkl

SZ PlusFlughafen Berlin-Brandenburg
:Willkommen in der Vergangenheit

Nussbaumholz, Muschelkalk und überall Säulen: Das Drama um den Flughafen Berlin-Brandenburg scheint tatsächlich endlich ein Ende zu finden. Die Frage ist nur, was für eins. Ein Besuch im Terminal 1.

Von Peter Richter

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite