bedeckt München 17°

Attentäter Breivik sagt in Oslo aus:Agenda eines Terroristen

73 Minuten redet der Angeklagte, gibt quälend lang Einblick in sein menschenverachtendes Weltbild: An seinem ersten Tag im Zeugenstand versucht Anders Behring Breivik, seine Motive für die Morde an 77 Menschen zu erläutern. Er habe Norwegen mit seinen Taten spalten wollen, sagt er. Und nennt al-Qaida als Vorbild für seinen Terror.

Dienstagmorgen, zehn Minuten nach zehn in Oslo, das ist also der Moment, den viele Norweger in den vergangenen Wochen mit Bangen erwartet haben. Der Massenmörder Anders Behring Breivik geht zum Zeugenstand. Er tut es betont lässig, fast schlendert er, und setzt sich. Mit strenger Stimme legt Richterin Wenche Elizabeth Arntzen dann die Regeln fest, die für die nun folgende Erklärung gelten sollen. Breivik soll sich auf die Sache konzentrieren, die Straftat. Er soll Rücksicht nehmen auf die Gefühle der Opfer. Und er soll den vereinbarten Zeitrahmen einhalten: 30 Minuten.

Der Angeklagte wirkt zunächst unsicher. Er hat ein 13-seitiges Manuskript vorbereitet. Es könne vielleicht ein bisschen länger dauern, sagt er, und bittet, zu Ende sprechen zu dürfen.

Darf er? Das abzuwägen, ist ein Balanceakt für das Gericht. Einerseits hat jeder Angeklagte das Recht, sich zu verteidigen. Außerdem gibt es berechtigtes Interesse daran, Breivik zu hören. Er soll erklären, was seine Motive für die Morde an 77 Menschen waren. Andererseits hören auch viele Angehörige der Opfer und Überlebende der Anschläge dem Prozess zu. Für sie ist es schwer zu ertragen, wenn der Mörder den Prozess für seine rechtsextreme Propaganda nutzt. Und genau das versucht Breivik.

Breivik beklagt "Meinungstyrannei" der Medien

In seiner Erklärung finden sich viele Gedanken, die bereits aus dem Pamphlet bekannt sind, das er Stunden vor den Anschlägen übers Internet verschickte. Breivik stellt sich im Zeugenstand als einen "Kulturkonservativen und Nationalisten" dar und beklagt sich in langen Tiraden darüber, dass er angeblich wegen seiner Meinung diskriminiert werde. Anderen gehe es genauso, behauptet er, und nennt die internationalen Proteste gegen die österreichischen Haider-Populisten und das Minarettverbot in der Schweiz als Beispiele.

Breivik beklagt "Meinungstyrannei" der Medien, die seiner Ansicht nach von Repräsentanten einer "multikulturalistischen Ideologie" unterwandert sind. Er fühlt sich unterdrückt, wähnt sich im Krieg. Und er glaubt, dass er nicht alleine ist. Mehrfach nimmt er Bezug auf die Zwickauer Terrorzelle NSU und Peter Mangs, den mutmaßlichen Heckenschützen von Malmö, der die schwedische Stadt von Oktober 2009 bis Oktober 2010 in Angst versetzte. Er hält diese Leute für Gesinnungsgenossen, und nennt sie "Ritter der nationalistischen Revolution".

Als er den sozialdemokratischen Jugendverband AUF, dessen Zeltlager er auf Utøya attackierte, mit der Hitlerjugend vergleicht und behauptet, seine Opfer seien keine unschuldigen Kinder gewesen, sondern indoktrinierte Parteisoldaten, unterbricht ihn die Richterin zum ersten Mal.

"Breivik, Sie haben versprochen, Ihre Rhethorik mit Rücksicht auf die Opfer zu dämpfen." - "Ja, schlimmer als so wird es nicht."

Bekannte Hasstiraden

Das Beklemmende an Breiviks Ausführung ist, dass vieles, vor allem die zahlreichen islam- und fremdenfeindlichen Passagen, so bekannt klingt. Man kann ähnliche Parolen auch in Internetforen lesen oder an manchem Stammtisch hören. Eine der wichtigsten Fragen in der Debatte um den Prozess ist darum, welchen Stellenwert man der bizarren Ideenwelt Breiviks einräumen muss.

Einblick in das menschenverachtende Weltbild eines Massenmörders: Am zweiten Prozesstag in Oslo hat Anders Behring Breivik eine 13-seitige Erklärung verlesen.

(Foto: AFP)

Ist er, so wie er selbst behauptet, Vertreter einer gefährlichen rechtsextremen Ideologie, die auch von anderen Menschen in Europa geteilt wird? Oder ist er ein Irrer, der sich im Internet ein paar Gedankensplitter zusammenkopiert hat, um seine Mordlust politisch zu rechtfertigen?

Richterin Arntzen muss den Angeklagten an diesem Vormittag noch mehrmals ermahnen. Als er in einem längeren Exkurs Japan und Südkorea als perfekte Vorbilder lobt, weil er sie für "monokulturalistische Länder" hält, in denen außerdem Frauen "eine untergeordnete Rolle im Wirtschaftleben" spielen, sagt sie: "Kommen Sie jetzt bitte zum Schluss." Doch Breivik verweist auf sechs Seiten, die er noch vortragen müsse: "Alle sind relevant." - "Das was Sie über Japan und Südkorea sagen, ist weniger relevant. Können Sie sich bitte wenigstens auf Norwegen konzentrieren."

Die Aufmerksamkeit scheint ihm zu schmeicheln

Wenig später meldet sich auch Mette Yvonne Larsen, die Sprecherin der Nebenklageanwälte, zu Wort und fordert, die Erklärung des Rechtsradikalen zu verkürzen. Mehrere Angehörige und Opfer hätten sich bei ihr gemeldet und gesagt, es müsse jetzt genug sein. Staatsanwalt Svein Holden ergreift daraufhin das Wort und bittet, den Angeklagten ausreden zu lassen. Breiviks Ansichten seien wichtig für die Anklage.

Am Ende redet Breivik 73 Minuten. Er fordert Freispruch.

Nach der Mittagspause nehmen die beiden Staatsanwälte den Zeugen Breivik ins Verhör. Er soll genau erläutern, wann und wie er die Anschläge plante. Breivik behauptet weiterhin, einer Organisation mit dem Namen "Knights Templar" anzugehören. Er habe sie in seinem Manifest ein bisschen heroisiert, räumt er ein. In Wahrheit sei sie nicht besonders groß, sondern bestehe nur aus ein paar Individuen. Es gebe noch "zwei weitere Zellen". Staatsanwalt Holden hatte bereits am Montag bei der Prozesseröffnung erklärt, dass die Ermittler ihm in diesem Punkt nicht glauben.

Breivik wirkt während des Verhörs zunehmend entspannt. Das Interesse an seiner Person scheint ihm zu schmeicheln. Er lächelt breit, während er über die Vorbereitungen der Tat spricht. Als Vorbild nennt er unter anderem das Terrornetzwerk al-Qaida, von dem er mit offener Bewunderung spricht. Von der extremistischen Gruppierung habe sich seine Kreuzritterorganisation viele Anregungen erholt, sagt er mit leuchtenden Augen. "Zum Beispiel die Verherrlichung des Märtyrertodes."

Schließlich will Staatsanwältin Inga Bejer Engh wissen, welches Ziel er eigentlich verfolgte. Was hoffte er, mit seinen Morden zu erreichen? Breivik erklärt, immer noch lächelnd, er sei ein Ultranationalist. Er habe gehofft, die Anschläge würden eine "Hexenjagd" auf gemäßigte Konservative auslösen. Er wolle die Gesellschaft polarisieren und radikalisieren. "Ich will den Konflikt." Das ist die Agenda eines Terroristen.

Breiviks Vernehmung soll bis zum kommenden Montag andauern.