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Apotheker-Prozess:Zwölf Jahre Haft wegen gepanschter Krebsmedikamente

Apotheker vor Gericht in Essen

Der angeklagte Apotheker bekommt außerdem ein lebenslanges Berufsverbot.

(Foto: dpa)
  • Der Bottroper Apotheker Peter S. ist zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.
  • Im Urteil ist von mehr als 14 000 Medikamenten die Rede, die in ihrer Qualität erheblich gemindert waren.
  • Die Richter verhängten außerdem ein lebenslanges Berufsverbot.

Im Skandal um massenhaft gepanschte Krebsmedikamente hat das Landgericht Essen einen Apotheker zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Richter stellten in ihrem Urteil fest, dass in der Apotheke des Mannes aus Bottrop Infusionslösungen gestreckt, bei den Krankenkassen aber voll abgerechnet wurden.

Die vier Verteidiger des Krebsmittel-Panschers hatten noch am Donnerstag einen Freispruch für ihren Mandanten gefordert. Sie argumentierten, der achtmonatige Strafprozess habe trotz umfänglicher Expertisen und Analysen über die meist zu geringe, bisweilen sogar völlig wirkungslose Dosierung der Zytostatika für mehrere tausend Patienten keinen klaren Beweis für die Schuld ihres Mandanten erbracht. "Im Ergebnis sind wir genauso schlau wie zu Beginn des Verfahrens", sagte Ulf Reuker, der Anwalt von Peter S. Das sah das Gericht anders. Im Urteil ist von mehr als 14 000 Medikamenten die Rede, die in ihrer Qualität nicht unerheblich gemindert waren. Die Richter verhängten außerdem ein lebenslanges Berufsverbot.

Auch eine zweite Strategie der Verteidigung verfing nicht: Die Anwälte hatten behauptet, Peter S. sei wegen eines vor zehn Jahren erlittenen Schädel-Hirn-Traumas nicht wirklich verantwortlich für sein Tun. Ein Gutachter hatte dem Angeklagten jedoch volle Schuldfähigkeit bescheinigt - und dem Gericht berichtet, Peter S. habe in seinen Tests kognitive Schwächen und Gedächtnisprobleme offenbar vortäuschen wollen.

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Peter S., der am Tag des Urteils 48 Jahre alt wurde, hatte während der 44 Verhandlungstage geschwiegen. Meist starrte er seine früheren Patienteninnen, die ihm als Nebenkläger gegenüber saßen, regungslos an. So blieb die Frage nach dem Motiv offen: Warum ging Peter S. Tag für Tag das Risiko ein, Krebsmedikamente falsch abzumischen, miserabel zu protokollieren oder unter hygienisch unzulässigen Bedingungen - etwa mit seinem Hund im Labor - zu produzieren?

Der Richter bezifferte den Schaden auf 17 Millionen Euro und unterstellte ihm pure Habgier als Antrieb. Das hatten dem Bottroper Apotheker auch mehrere Anwälte von Opfern diese Woche in ihren Plädoyers vorgeworfen. Andere Deutungen zielten auf dessen Elternhaus: Allen voran die dominante Mutter des Angeklagten, die jetzt die Apotheke wieder führt, habe Peter S. gezwungen, als Erbe des Familienbetriebs einen Beruf zu ergreifen, den er nie gewollt habe.

Der blasse Mann auf der Anklagebank wollte selbst keinen Beitrag zur Motivforschung leisten. Als der Vorsitzende Richter Johannes Hidding ihm am Donnerstag das letzte Wort erteilte, da zog Peter S. zwar das Mikrofon zu sich, drückte eilig auf das Knöpfchen - um dann zu sagen: "Ich möchte mich nicht mehr äußern." Auch Appelle von Opferanwälten, einen Beitrag zur Aufklärung zu leisten und so durch verbesserte Kontrollen eventuell anderen Medikamentenfälschern künftig auf die Spur zu kommen, verhallten ohne Echo.

Dass es Krebsmittel-Panscher "nicht nur bei uns in Bottrop gibt", davon ist Renate Okrent überzeugt. Die 60-jährige Frau, selbst Krebspatientin und frühere Kundin des Angeklagten, verlangt schärfere, vor allem unangemeldete Kontrollen jener Apotheken, die Zytostatika in Deutschland herstellen dürfen. Ihre Mitstreiterin Christiane Piontek wertet das Urteil vom Freitag auch als Erfolg der Opfer. Die Krebspatientinnen hatten immer wieder Mahnwachen vor der Apotheke abgehalten, hatten gegen das Bottroper Rathaus protestiert, wo der Angeklagte lange Jahre als Mäzen des örtlichen Hospiz geschätzt worden war: "Ohne diesen Druck hätten wir es nicht bis zu diesem Urteil geschafft."

Peter S. wurde wegen Betrugs und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz verurteilt. Mord oder ein anderes Tötungsdelikt konnte ihm das Gericht nicht nachweisen: Weil schlicht niemand genau weiß, welcher Patient welche Therapie vom Angeklagten angerichtet bekam - und ob er oder sie gerade deshalb verstarb. Opfer und Hinterbliebene kritisierten, dass wichtige Fragen in dem Verfahren am Landgericht Essen offen geblieben seien. Vor allem konnte nicht geklärt werden, wie viele Patienten unterdosierte Medikamente bekommen haben. "Für Mord gibt es 15 Jahre, da ist diese Strafe jetzt näher dran, als ich zu Prozessbeginn erwartet hatte", sagt Piontek. Nicht alle haben diesen Moment miterlebt: Eine Patientin, auch Nebenklägerin, verlor vor zwei Wochen ihren Kampf gegen den Krebs und den Panscher.

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