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Anschlag auf BVB-Bus:"Habgier-Morde sind drastisch rückläufig"

Anschlag auf BVB-Bus

Bombenanschlag aus Habgier: Am 11. April detonierten drei Sprengkörper nahe des Dortmunder Mannschaftsbusses.

(Foto: dpa)

Das Motiv des Dortmunder Attentäters überrascht. Der Kriminologe Christian Pfeiffer erklärt, welche Eigenschaften Menschen haben, die wegen Geld morden wollen. Und warum das immer seltener vorkommt.

Interview von Thomas Hummel

Christian Pfeiffer, 73, ist einer der renommiertesten Kriminologen Deutschlands. Er leitete lange das Kriminologische Forschungsinstitut in Niedersachsen. Ein Fall, wie der mutmaßliche Attentäter auf Mannschaft und Bus von Borussia Dortmund, ist ihm noch nicht begegnet.

SZ: Herr Pfeiffer, waren Sie überrascht, als Sie von Tathergang und Motiv gehört haben?

Christian Pfeiffer: Das habe ich in 40 Jahren als Kriminologe noch nicht erlebt. Die Kombination aus einem professionellen Bombenbauer und der Gewinn-Spekulation auf Aktien - das ist schon höchst ungewöhnlich. Es ist bekannt, dass in den 1920er, 1930er Jahren die amerikanische Mafia mit solchen Methoden Geld gemacht hat, es ist also keine Neuerfindung. Aber hier geht es ja um einen Einzelkämpfer.

Es gab bereits solche Fälle?

Ich habe einmal einen Vortrag gehört in San Diego von einem Kriminalhistoriker. Der erzählte über verschiedene Tricks der Mafia, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Die Mafia hat ihm zufolge auf kriminelle Weise bei Firmen Aktieneinbrüche provoziert. Sie hat das aber vorher sorgfältig analysiert und nur solche Firmen angegriffen, die sich nach einem vorübergehenden Tief schnell wieder erholen würden. Das nutzte die Mafia in ihrer Anlagestrategie. Wichtig war dabei eine Arbeitsteilung: Die Gruppe der Attentäter durfte nichts mit den Aktienkäufern zu tun haben, damit die Polizei hier keine Verbindung herstellen kann.

Klingt nach einem Hollywood-Film.

Heute würde man vermutlich sagen: Jemand bereitet einen genial ausgedachten Cyberangriff vor, der eine Firma erst massiv in Schwierigkeiten bringt, so dass ihr Aktienkurs sinkt. Danach steigt er aber wieder, weil die Firma doch solide ist. Und das nutzen dann organisierte Kriminelle.

Zunächst wurde angesichts der Bekennerschreiben über islamistischen Terror spekuliert, auch an Links- oder Rechtsradikale oder an Hooligans wurde gedacht. Die Überraschung ist groß, dass der Täter aus Habgier gehandelt haben soll. Das Motiv scheint aus der Mode gekommen zu sein.

Es ist in dem speziellen Fall auch sehr unwahrscheinlich, dass man so an Geld kommen möchte. Generell muss man sagen: Wir haben in Deutschland einen Rückgang der Morde um mehr als 40 Prozent seit dem Jahr 2000. Was weniger abnimmt, sind die Morde im privaten Milieu aus Eifersucht, Neid oder Leidenschaft. Aber Fremdtötungen um der Habgier willen geschehen immer seltener. Typische Fälle sind ein Bankraub mit Waffengewalt, eine Entführung mit Todesfolge oder eine Schießerei im Drogenmilieu. Diese Habgier-Morde sind drastisch rückläufig.

Wieso?

Auf diese Weise reich werden zu wollen, bringt's heute nicht mehr. Die Leute haben begriffen: Damit hat man keine Chance, die Polizei ist zu gut geworden. Die Aufklärungsquoten liegen bei Habgier-Morden weit über 90 Prozent. Bankräuber werden erwischt, Entführungen klappen nicht, weil die Polizei die Geldübergabe verhindert. Und dann sitzt man lebenslänglich.

Die Leute trauen sich nicht mehr, weil die Polizei so gute Arbeit leistet?

Bei Habgier-Mord ist es ja oft ein Fremder, den man des Geldes willen umbringt. Und das klärt die Polizei fast immer auf. Das ist die große Verbesserung polizeilicher Arbeitsqualität in den vergangenen Jahren. Und wenn das Risiko, erwischt zu werden, zu hoch ist, dann lässt man es sein.

Christian Pfeiffer; aussen

Christian Pfeiffer

(Foto: Ole Spata/picture alliance/dpa)

Die Polizei hat im Dortmunder Fall wohl ihren Ruf bestätigt.

Ihr gebührt großer Respekt, das war eine Meisterleistung. Sie hat den Verdächtigen offenbar tagelang beschattet, ohne dass es dieser bemerkt hat. Es ist schon sehr beachtlich, die Geschichte so schnell in einem so schwierigen Umfeld aufzuklären.

Was weiß die Forschung über Menschen, die aus Habgier morden wollen?

Mordtäter kalkulieren, planen, versuchen, alles richtig zu machen, damit sie sicher ans große Geld kommen. Es sind oft gescheiterte Existenzen, die auf legale Weise nicht den angestrebten Erfolg erringen. Aber die Träume vom Reichsein prägen sie. Wenn alle Anstrengungen nichts gebracht haben, möchten sie auf andere Weise an die Macht kommen. Eigentlich geht es ja um Macht dabei, denn Geld verleiht Macht: Unabhängigkeit, Freiheit et cetera. Diesen Traum wollen sie dann auf kriminelle Weise umsetzen. Sie sind verzweifelt und denken: Irgendwo muss ich mal richtig Kohle herkriegen, die Hemmungen sinken. Und dann versuchen sie es auf eine ganz verrückte Weise. Der Attentäter von Dortmund hat sich wohl in eine solche Welt hineingedichtet. Er hat sich berauschen lassen von seinen Träumen und hat den Kontakt verloren zur Welt. Er ist ein Gescheiterter.

Sie halten ihn nicht für besonders schlau?

In meinen Augen war der Plan dumm. Er hat geglaubt, er könne mit dem Anschlag auf die Mannschaft die Aktiengesellschaft von Borussia Dortmund unter Druck setzen und die Kurse würden fallen. Er hat überhaupt keine Ahnung von dieser speziellen Aktie, denn sie dient vielen Inhabern vor allem als emotionales Papier. Die Besitzer schlafen wahrscheinlich in schwarz-gelber Bettwäsche und tragen schwarz-gelbe Unterwäsche. Die kaufen die Aktie nicht, um Gewinne zu machen, sondern um ihre Verbundenheit mit dem Verein zu dokumentieren. Deshalb glaube ich: Selbst wenn dabei zehn Spieler gestorben wären, wäre der Aktienkurs eher gestiegen, weil die Solidarität der Mitglieder und Fans keine Grenzen gekannt hätte.

Dass ein Einzeltäter das alles geplant und durchgeführt haben soll, wirkt dennoch erstaunlich.

Die Tat ist in mancher Hinsicht so amateurhaft betrieben worden, dass die Einzeltäter-These der Polizei glaubwürdig erscheint. Der Täter versteht zwar was vom Bombenbauen, hat aber keine Ahnung, welche Ermittlungsmöglichkeiten die Polizei hat und wie sie ihm auf die Spur kommen kann. Er war nur technisch bewandert, aber nicht in der Planung eines Verbrechens. Und dann hatte er noch falsche Erwartungen, dass er auf diese Weise ans große Geld kommen würde.

© SZ/gal

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