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Amsterdam:Kiffen nur mit niederländischem Pass

Coffeeshops in Amsterdam

Der Coffeeshop "The Grasshopper" in Amsterdam. 166 solcher Läden gibt es derzeit noch, Touristen dürfen künftig nicht mehr hier kaufen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Lange wollte sich Amsterdam das Geschäft mit den Coffeeshop-Touristen nicht verderben, nun denkt die Stadt um - und will an ihrem Image arbeiten.

Von Thomas Kirchner

Amsterdam ist eine der schönsten Städte der Welt. Die Grachten, die prächtigen Handelshäuser, das Licht. Man muss nur hinfahren, dann sieht man es sofort. Dazu kommt die reiche Kultur, die lässigen, witzigen, außergewöhnlich interessanten Menschen.

Wenn man aber ehrlich ist, wird der Ruf der niederländischen Hauptstadt überlagert von etwas anderem: dem bitter-würzigen Geruch, der aus den Coffeeshops dringt, die es an jeder Ecke gibt. Viele, sehr viele und vor allem junge Menschen kommen nur deshalb nach Amsterdam, weil man da so prima kiffen kann. Rein in den Laden, ein Tütchen Super Haze, Laughing Buddha oder White Widow gekauft, und ab geht es in die Wallen.

Amsterdam hat mächtig profitiert von diesem Image. Wirklich nachhaltig ist es aber nicht, das wissen die Stadtverantwortlichen schon lange und machen nun Ernst mit dem Versuch, den Titel als Weltcannabishauptstadt loszuwerden. Wie Amsterdam am Freitag bekannt gab, sollen Touristen bald kein Gras und Hasch mehr kaufen dürfen. Nur Einheimische erhielten künftig noch Einlass in die Drogenverkaufsstellen, in denen man auch Kaffee trinken kann.

Polizei, Justiz und viele Bürger unterstützen den Vorschlag

Der Vorschlag der grünen Bürgermeisterin Femke Halsema wird von Polizei, Justiz und vielen Bürgern unterstützt. Stimmt der Stadtrat zu, wäre das ein großer Schritt für Amsterdam. Im Rest der Niederlande gilt die Regel eigentlich schon seit 2012. Damals führte die konservativ-liberale Regierung den "wietpas" ein, den Einheimische gegen Angabe von Namen und Adresse beziehen konnten. Touristen müssen seither draußen bleiben. De facto aber nur in einem Teil des Landes: vor allem in grenznahen Städten wie Maastricht, das zuvor von Deutschen sozusagen abgegrast worden war.

Amsterdam hingegen ignorierte die Vorgabe. Offiziell mit dem Hinweis auf den illegalen Straßenhandel, der dann wieder blühen und zur Vermischung des weichen mit dem harten Drogengeschäft samt der begleitenden Kriminalität führen würde. Doch war stets klar, dass es der Stadt auch darum ging, sich das Geschäft nicht zu verderben. Stattdessen versprach man, die Zahl der Coffeeshops weiter zu reduzieren und einen vergrößerten Schutzparameter um Schulen herum. Von einstmals fast 300 Läden blieben 166 übrig.

Doch dann passierte, was auch Paris und Venedig widerfuhr: Amsterdam wurde von Gästen aus aller Welt überrannt, die Einwohner fürchteten um ihren Lebensraum, und die Behörden begannen damit, Touristen gezielt zu vergrämen. Im Visier sind vor allem jene, die grölend durch die Gassen torkeln, was sich angesichts der gestiegenen THC-Werte, die durchschnittlich sehr viel höher als früher sind, auch nach nur einem Joint kaum vermeiden lässt.

Und der gefährliche Straßenhandel?

"Wir wollen lieber nicht die Touristen, die nur hierher kommen, um betrunken und stoned rumzulaufen", sagte Halsema. Bei einer Umfrage gaben 57 Prozent der Besucher im Rotlichtviertel an, vor allem wegen der Drogen angereist zu sein. Die Nachfrage nach Gras und Haschisch habe deutlich zugenommen, etwa 1,5 Millionen Mal im Monat werden die Amsterdamer Coffeeshops frequentiert. Das blieb auch im Corona-Jahr 2020 so, obwohl die Läden für ein paar Wochen schließen mussten.

Und der gefährliche Straßenhandel, auf den Kriminologen und die Vereinigung der Coffeeshop-Besitzer am Freitag reflexartig hinwiesen? Halsema hält das für kein so großes Problem. Denn das interessierte Publikum aus Deutschland, Frankreich oder Großbritannien bleibe schlicht weg aus Amsterdam, wenn es nicht mehr in den Coffeeshops konsumieren dürfe, das wisse man aus Untersuchungen. Alle anderen könnten ja weiterhin einkaufen. Nur reichten dafür, auch das zeigten Untersuchungen, etwa 70 Läden. Und in Maastricht gelang es durch zusätzliche Kontrollen, den zunächst florierenden Straßenhandel in den Griff zu bekommen.

Amsterdam will künftig auch genauer auf die Belieferung der Coffeeshops schauen, einen stetigen Quell von Kriminalität und Gewalt. Denn der Verkauf von Cannabis wird zwar in gewissen Mengen geduldet, Anbau und Großhandel sind aber weiterhin verboten. Deshalb müssen sich Coffeeshops ihre Ware illegal über die Hintertür besorgen und dürfen nur maximal 500 Gramm vorhalten. Auch dies will die Regierung seit Längerem ändern. In mehreren großen Städten soll ein Modellversuch beginnen mit staatlich kontrolliertem Anbau durch ausgewählte Produzenten. Amsterdam macht allerdings nicht mit.

Hinweis: In einer früheren Version des Textes stand, allen Ausländern bleibe der Zugang zu Amsterdamer Coffeeshops verwehrt. Tatsächlich ist das i-Kriterium entscheidend (i wie niederländisch ingezetenen, also Einwohner). Menschen mit ausländischen Pass und einem dauerhaften Wohnsitz in den Niederlanden würden vermutlich nicht unter die geplante Regelung fallen.

© SZ
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