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SZ-Kolumne "Alles Gute":Zimmer ohne Service

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Kein Klopfen am Morgen, kein Staubsauger im Raum, wenn man vom Frühstück kommt: Wer in Corona-Zeiten ein Hotelzimmer bucht, dem gehört es oft ganz allein.

Von Violetta Simon

So ein Hotelaufenthalt ist nicht immer ein Spaß. Mitunter kann er regelrecht in Stress ausarten. Das liegt an den Hotelzimmern, natürlich - und je behaglicher, desto schlimmer! Was kann der Gast schließlich dafür, dass er morgens nicht rauskommt aus dem gemütlichen Boxspringbett? Wie soll er es in die Vertikale schaffen, wenn ihn die flauschige Bettdecke derart verführerisch einwickelt? Und diese Vorhänge! Doppelt genäht und schwer, halten sie Lärm und Licht so hingebungsvoll von einem fern, dass man Raum und Zeit vergisst.

Wo da der Stress ist? Sagen wir, der Gast steht gerade unter der Dusche. Oder sitzt auf dem Klo. Am wahrscheinlichsten dreht er sich gerade ein weiteres Mal genüsslich im Bett um, das Zimmer in völliger Dunkelheit. Und dann das: Klopfen. Noch mal Klopfen. Danach ein Piepen, die Tür öffnet sich.

Feueralarm? SEK? Aufspringen, wirr ins Schwarze gucken. Autsch, etwas bohrt sich in die Fußsohle. Hektisch nach vorn-, wieder zurückrennen, stehen bleiben, zu sich kommen. Im nächsten Moment erkennen, dass man nackt ist. Und dass weder Polizei noch Feuerwehr in der Tür stehen. Sondern der Zimmerservice. Jemand entschuldigt sich und entschwindet wieder.

Schon wieder das "Do not disturb"-Schild vergessen

Der Kopf schwirrt, das Blut pocht im Hals - das kann nicht gesund sein für den Kreislauf. Und alles nur, weil man wieder vergessen hat, am Vorabend das "Do not disturb"-Schild rauszuhängen. Selbst wenn man nicht aus dem Schlaf fährt, sondern das Personal bei der Arbeit antrifft, wenn man vom Frühstücksraum zurückkehrt: Selten fühlt man sich so überflüssig und verloren wie auf dem Flur eines Hotels, wenn das eigene Zimmer gerade gereinigt wird.

Das System erinnert an die Trinkregeln von Kölsch: Kommt so lange automatisch, bis man den Deckel aufs Glas legt. Der Unterschied ist: Vom Kölsch ist das gewünscht. Beim Zimmerservice sollte es - gerade bei einem kurzen Städtetrip - andersrum sein: Statt ungebetenen Besuch durch ein Schild fernzuhalten, sollten Gäste die Reinigung explizit einfordern können.

Nachhaltig war das sowieso noch nie

Umso erfreulicher, dass immer mehr Hoteliers im Rahmen der Corona-Pandemie die tägliche Zimmerreinigung reduzieren, gerade wenn Gäste nur zwei, drei Nächte bleiben. So hofft man, überflüssige Interaktionen zu vermeiden - zum Beispiel eine Begegnung im Badezimmer, weil jemand unbedingt das Klopapier-Ende zum Dreieck falten muss.

Aus Gründen der Nachhaltigkeit war diese Maßnahme ohnehin lange fällig. Oft wurden Handtücher selbst dann gewechselt, wenn sie nicht am Boden lagen, sondern am Haken hingen. Und wer putzt schon täglich sein Badezimmer? Ist ja nicht so, dass man verzichten muss: Wer eine Reinigung wünscht, bekommt sie jederzeit auf Anfrage. Ein Schelm, wer dabei an Sparmaßnahmen denkt.

Der Gast denkt erst einmal gar nichts und legt sich wohlig seufzend wieder hin. Schwer genug, jeden Tag rechtzeitig zum Frühstück zu erscheinen. Und ans Auschecken wollen wir jetzt noch gar nicht denken. Also, please: Do not disturb!

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/vwu
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