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SZ-Kolumne "Alles Gute":Gehet hin und wiederholet euch

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Wenn jeden Sonntag Weißer Sonntag ist: Im Corona-Sommer sind die katholischen Pfarrer gefangen in einer Zeitschleife.

Von Nadeschda Scharfenberg

Am Ende des Gottesdienstes wird der Herr Pfarrer flapsig, ernste Zeiten lassen sich auch in der katholischen Kirche mit Humor besser ertragen. "Gehet hin in Frieden", sagt er, "und vor allem: Geht gescheit feiern! Lasst es richtig krachen, ihr habt es euch verdient. Amen."

Eine angemessene Schlusspointe für eine Erstkommunion in Zeiten dieser biblisch anmutenden Plage. Aber ob sich der Pfarrer den Gag spontan ausgedacht hat? In genau diesem Moment, da genau diese sechs Drittklässlerinnen und Drittklässler vor ihm mit gebührendem Sicherheitsabstand um den Altar sitzen, die Masken griffbereit für den Auszug aus dem spärlich besetzten Gotteshaus? Nun, es handelt sich bei dem Schlussgag um einen Running Gag, in neun Gottesdiensten schon neunmal gebracht. Und gleich, in zwei Stunden, folgt die nächste Wiederholung.

Die Kirche hat es gerade auch nicht leicht. Erst wochenlang alles zugesperrt, dann das Klingelbeutel- und das Singverbot, ja, selbst dem Weihwasser wurde am Zeug geflickt, mögliche Infektionsquelle, Segen hin oder her. Und jetzt auch noch die Erstkommunion, mitten im Sommer, heißer Sonntag statt Weißer Sonntag. Oder eher: ein heißer Weißer Sonntag nach dem anderen.

In normalen Jahren finden in den Gemeinden ein, zwei oder vielleicht drei Kommunion-Gottesdienste statt, im Jahr der Großveranstaltungsverbote sind es zehn, zwölf, vierzehn, manchmal sogar zwei direkt hintereinander.

Für die Kommunionkinder und ihre liebe Verwandtschaft stellt sich die Zersplitterung des kirchlichen Groß-Events als Segen heraus. Kein Hauen und Stechen in aller Herrgottsfrühe um Sitzplätze in der Kirchenbank, es reicht, fünf Minuten vorher da zu sein. Jedes Kind wird mit Namen angesprochen, alle kommen bei der Fürbittenverlesung zur Geltung. Und kein Kleid verblasst in einem Meer aus weißem Tüll.

Die Pfarrer aber, sie sind im Corona-Sommer gefangen in einer punxsutawneyhaften Zeitschleife. Sonntag für Sonntag für Sonntag die aufgeregte Meute bändigen, Sonntag für Sonntag für Sonntag hören, wie der Organist beim Eingangslied an derselben Stelle in die Synkope reinrasselt, Sonntag für Sonntag für Sonntag "Dies ist ein besonderer Tag" sagen und sich dabei bloß nicht anmerken lassen, dass ein zwölfmal gehaltener Gottesdienst für den, der ihn hält, nicht mehr ganz so besonders ist. Immerhin reicht in diesem Jahr eine einzige Predigt für den ganzen Sommer. Und der Pfarrer trägt sie, höchste Katholikenkunst, so vor, als käme sie gerade frisch vom Heiligen Geist.

Bald ist es geschafft, dann sind auch im letzten Bundesland Sommerferien. Für die Kinder. Und Kommunionferien. Für die Pfarrer. Dann gilt auch für sie: Gehet hin und feiert. Ihr habt es euch verdient.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/marli
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