bedeckt München 14°

Ägypten:Festnahme wegen geschmackloser Törtchen

Schlüpfrig dekorierte Törtchen auf einem Junggesellinnenabschied - das kann schon mal vorkommen, nicht nur in Ägypten. (Symbolbild)

(Foto: Mauritius Images/Alamy/IS)

Die ägyptische Polizei nimmt eine Konditorin in Gewahrsam, die für einen Junggesellinnenabschied erotisch verzierte Cupcakes gebacken hat. Das klingt wie eine Posse, offenbart aber die im Land herrschende Doppelmoral.

Von Moritz Baumstieger

Der "Gezira Sporting Club" ist einer jener Orte, an dem sich seit mehr als hundert Jahren die urbane Elite Kairos trifft. Zunächst als königliche Gärten angelegt, diente das Gelände auf der Nil-Insel Zamalek später britischen Offizieren als Klubgelände, schließlich wurde die grüne Oase verstaatlicht. Fortan sollten Ägypter jeder Klasse Zutritt haben, Sportarten wie Golf und Tennis üben hier aber weiter vor allem jene aus, die für sich in Anspruch nehmen, über Geld und Status zu verfügen, über Bildung und guten Geschmack.

Über letzteren lässt sich bekanntlich streiten - und das tut man in Ägypten derzeit heftig, wegen kleiner Törtchen, die am Montag im Sporting Club serviert wurden. Dass die süßen Gebäckstücke, über die sich gerade das halbe Land echauffiert, nicht gemundet haben, ist dabei nicht das Problem. Politiker und Medienschaffende, aber auch die Strafverfolgungsbehörden des Landes stießen sich eher an der Form der Törtchen: Manche waren männlichen Genitalien nachempfunden, andere mit Glasur dekoriert, auf die aufreizende Unterwäsche aufgemalt war.

Als ein Gast ein Foto des phallischen Gebäcks online stellte, teilten es Tausende Menschen in Ägypten in den sozialen Medien teils belustigt, teils empört - doch dann hatte der virale Hit im Netz heftige Folgen in der Offline-Welt: Die Polizei stürmte das Haus der mutmaßlichen Täterin, sprich Konditorin, und führte die weinende Frau ab.

Freilassung auf Kaution, fast 300 Euro

Später wurde die Bäckerin wieder freigelassen, gegen eine Kaution von 5000 ägyptischen Pfund, fast 300 Euro. Eine Anklage soll folgen, einflussreiche religiöse Institutionen sprachen von "einem Angriff auf das Wertesystem und einen kruden Missbrauch der Gesellschaft", Parlamentarier fordern Strafen für die Bäckerin und die Mitglieder des Sportklubs.

September 13, 2009, Cairo, Al Qahirah, Egypt: Gezira Sporting Club, As Seen From Cairo Tower At Dusk, Cairo, Al Qahirah,

Ort des Geschehens: der noble Gezira Sporting Club in Kairo.

(Foto: Peter Langer/Imago Images/ZUMA Press)

Dass das provokante Naschwerk überhaupt öffentlich wurde, liegt wohl an der Verwechslung eines Kellners: Anstatt das Gebäck diskret den Teilnehmerinnen eines Junggesellinnenabschieds zu servieren, die die schlüpfrigen Küchlein bestellt hatten, brachte er sie einer Runde älterer Damen. Als eine von ihnen wird in ägyptischen Medien die 75-jährige Soheir El-Attar zitiert, die in eben jenem Gezira Sporting Club noch vor zwei Jahren eine Silbermedaille bei der Senioren-Schwimm-WM gewann. El-Attar gab schlicht an, "überrascht" über die Form der Kuchen gewesen zu sein. Als Medizinprofessorin dürfte sie in ihrem Leben noch Expliziteres gesehen haben.

Die Kuchenaffäre vom Sporting Club könnte man nun als Skurrilität aus einem Land abtun, in dem sich immer wieder Abgeordnete und Anwälte als selbsternannte Sittenwächter hervortun und vermeintlich Unmoralisches zur Anzeige bringen - zuletzt ging die Justiz etwa gegen Influencerinnen vor. Kritische Stimmen aber merken an, dass sich hier im Zentrum Kairos die Doppelmoral offenbare, nach der die ägyptische Justiz funktioniert: Am Nilufer gegenüber dem Gezira Sporting Club liegt das Fairmont-Hotel, das in Ägypten zum Synonym für die laxe Haltung der Behörden gegenüber Sexualstraftätern wurde. 2014 fand hier eine Gruppenvergewaltigung statt, als im vergangenen Jahr die aus der Oberschicht stammenden Täter feststanden, dauerte es Wochen, bis Haftbefehle erwirkt wurden. Eine Konditorin, die etwas geschmacklose Törtchen backe, setze man hingegen innerhalb von Stunden fest, schrieb der bekannte Blogger TheBigPharao auf Twitter.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Coronavirus - Luxus-Maske in Israel

Corona
:Israelischer Juwelier arbeitet an millionenschwerer Maske

Längst ist der Mundschutz Statussymbol. Nach der Smart Mask und der Schwimmmaske soll es bald eine Luxusmaske geben - aus 18-Karat-Gold und mit 3600 Diamanten besetzt.

Lesen Sie mehr zum Thema