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Tiktok in Ägypten:Junge Frauen bleiben in Haft

Mit ihren Clips auf Tiktok wurden sie in Ägypten berühmt: Haneen Hossam (l.) und Mawada el-Adham, die zu Gefängnisstrafen und hohen Geldstrafen verurteilt wurden.

(Foto: Khaled Desouki/AFP)

Erst wurden die harten Urteile gegen Tiktok-Userinnen aufgehoben - doch nun erhebt die Justiz neue Vorwürfe.

Von Moritz Baumstieger, München

Endlich schienen einmal wieder gute Nachrichten aus Ägypten zu kommen. In Kairo traten vergangene Woche Berufungsrichter zusammen und beugten sich über ein Urteil ihrer Kollegen von Juli 2020, das international Reaktionen zwischen Kopfschütteln und Empörung ausgelöst hatte: Vier junge Frauen, die auf der aus China stammenden Videoplattform Tiktok zu kleinen Berühmtheiten aufgestiegen sind, waren damals wegen "Verstößen gegen familiäre Werte" und dem "Bruch der öffentlichen Moral" abgeurteilt worden. Bis zu zwei Jahre Haft, dazu Geldstrafen in Höhe von umgerechnet jeweils fast 16 000 Euro - das erschien auch der nächsthöheren Instanz absurd. Sie hob das Urteil auf.

Die Vergehen, die den Frauen um die zwanzig vorgeworfen wurden, erscheinen in der Tat kaum wert, Vergehen genannt zu werden: In den 15-Sekunden-Clips, die sie auf der Plattform veröffentlichten, riefen die Frauen weder zum Sturz der Regierung auf, noch zeigten sie sich allzu freizügig. Wenn Haneen Hossam beispielsweise, deren Kanal zu Spitzenzeiten 1,3 Millionen Menschen abonniert hatten, zu ägyptischen Popsongs tanzte, trug sie stets ein Kopftuch. Anwälte, die eine Klage gegen sie einreichten, und auch die Richter, die sie verurteilten, störten sich jedoch daran, dass Hossam in einem Clip andere Frauen darauf hinwies, dass man mit kurzen Videos im Netz Geld verdienen könne. Sie witterten einen Aufruf zur Prostitution.

Kaum freigesprochen warten zwei der vier auf ein neues Verfahren

Dass die ägyptische Justiz sich genau einen Tag, bevor die Handball-WM trotz aller Corona-Hemmnisse im Land startete, zu einer Kurs- und Imagekorrektur durchrang, mag Zufall gewesen sein. Menschenrechtler weltweit - auch die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik, Bärbel Kofler - zeigten sich erleichtert. Zu früh, wie sich nun herausstellt: Kaum freigesprochen, warten zwei der vier Frauen auf ein neues Verfahren. Statt in regulärer Haft befinden sie sich nun seit Freitag in Untersuchungshaft. Die horrenden Geldstrafen für die allesamt aus eher niedrigen sozialen Schichten stammenden Frauen bleiben hingegen bestehen.

Neben der 20-jährigen Haneen Hossam wird auch die 22-jährige Mawada el-Adham weiter festgehalten, zunächst für 15 Tage. Dann soll ihnen vor einem Gericht im Norden Kairos erneut der Prozess gemacht werden. Die Begründung liest sich auch dieses Mal schwammig bis absurd: Die beiden hätten Akte verübt, "die den Prinzipien und den Werten der ägyptischen Gesellschaft" widersprechen, heißt es in den staatsnahen Medien. Das investigative Onlineportal Mada Masr, das bisher wie durch ein Wunder das harsche Vorgehen der ägyptischen Regierung gegen unabhängige Medien überlebt hat, weiß mehr: Menschenhandel wird den beiden Frauen nun vorgeworfen - weil in ihren Videos teils auch nur für Sekunden Minderjährige zu sehen waren.

Männliche ägyptische Sportler präsentieren stolz halbnackt ihre Muskeln in den sozialen Netzwerken

Dass die Justiz am Nil bei den Netz-Aktivitäten junger Frauen schnell aktiv wird, während sie sich kaum dafür interessiert, wenn männliche ägyptische Sportler und Schauspieler in den sozialen Netzwerken stolz halbnackt ihre Muskeln präsentieren, liegt meist an ultra-konservativen Anwälten, die vermeintliche Sittenverstöße schnell zur Anzeige bringen. Dem Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sisi, das drastisch gegen jede Opposition vorgeht und nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mehr als 60 000 Bürger aus politischen Gründen inhaftiert hat, kommen Prozesse gegen Influencer nach Angaben von Beobachtern ganz recht: Als Warnung an die Szene, dass der Staat letztendlich am längsten Hebel sitzt - schon bei apolitischen Inhalten, bei politischen aber erst recht.

© SZ/hy
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