Starkbierfest in Wolfratshausen:Vom Bunker auf die Bühne

Starkbierfest in Wolfratshausen: Psst, noch wird nichts verraten!

Psst, noch wird nichts verraten!

(Foto: Imago/Imago)

Im ehemaligen Kunstbunker in Geretsried probt die Loisachtaler Bauernbühne ihr Singspiel. Was hinter diesen Türen passiert, hält sie streng geheim. Einen kleinen Einblick gibt es trotzdem.

Von Veronika Ellecosta, Geretsried

Wenn die Loisachtaler Bauernbühne vor eitlen Stadträten oder neugierigen Journalistinnen Schutz sucht, zieht sie sich in ein altes Fabrikgebäude am Isardamm in Geretsried zurück, welches heute der Unternehmensgruppe Krämmel gehört und einst den etwas befremdlichen Namen "Kunstbunker" trug. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit probt die Schauspielgruppe dort auch in diesem Jahr wieder ihr Singspiel fürs Starkbierfest in Wolfratshausen. Wie ein Mantra wiederholt sie dabei, vorher nichts über das, was beim Anstich in der Loisachhalle auf der Bühne performt wird, zu verraten. Manch einer munkelt sogar, dass der Inhalt des Singspiels als bestgehütetes Geheimnis der Bauernbühne gilt.

Starkbierfest in Wolfratshausen: Es muss knallen beim Singspiel: Regisseurin Monika Schwenger.

Es muss knallen beim Singspiel: Regisseurin Monika Schwenger.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Was hat es mit dieser Geheimniskrämerei auf sich? Regisseurin Monika Schwenger zeigt sich da vor allem traditionsbewusst. Wie beim Münchner Nockherberg ist der Knall besonders groß, wenn die Überraschung sitzt, erklärt sie während einer der letzten Proben. Außerdem möchte man sichergehen, dass die Wolfratshauser Politprominenz, namentlich der Stadtrat, tatsächlich beim Starkbierfest in der Loisachhalle erscheint und sich den Spiegel vorhalten lässt für missliche Entscheidungen und Aufschiebereien. Ganz so, wie es ein gesundes Derblecken eben verlangt.

Die Herausforderung: Eine Geschichte dort finden, wo sich wenig verändert

Seit mehr als zehn Jahren führt Monika Schwenger Regie bei der Loisachtaler Bauernbühne. Trotz Erfahrungshorizont liegen die Nerven so kurz vor knapp mehr als blank, wird sie später während der Probe zugeben. Aber noch ist etwas Zeit, eine halbe Stunde kann sie für Fragen entbehren. Sie hockt sich auf die Eckbank im Proberaum, der bis zur Decke mit Regalen, Beleuchtung und Möbelstücken angefüllt ist. Um sie herum schwatzen fröhliche Darstellerinnen und Darsteller, die Bühnenbauer tragen schwere Möbelteile in den Raum hinein. Ein paar Biere ploppen auf.

Monika Schwenger setzt an, um den Inhalt zu umreißen, das, was nicht genannt werden darf. Etwa vier Schreiberlinge sind dafür verantwortlich, aus einem Jahr Stadtpolitik einen roten Faden zu entwickeln. Was nicht einfach ist, denn "Wolfratshausen hat sich in den vergangenen 15 Jahren nicht viel verändert", wie sie sagt. Vom Dauerbrenner S-Bahn-Verlängerung bis Städtesterben müsste das Schreibteam immer wieder eine neue spitzfindige Dramaturgie basteln.

Von Mitte Januar an geht alles schnell: Bühnenbild, Figuren, Kostüme, Text für Schauspiel- und Gesangsgruppe. Und am Ende, wenn dieser Prozess abgeschlossen ist und nur noch Proben anstehen, tut sich kurzfristig was in der Stadtpolitik. "Dann müssen wir das Grundthema ändern und den Text anpassen", sagt Monika Schwenger.

Die Geräuschkulisse wird lauter, zur vollen Stunde beginnen die Proben für die erste Szene. Vor der Glastür an der Hinterseite des Kunstbunkers werden eilig Zigaretten ausgesaugt, Bühnenbauer Max Prestel schraubt noch an einem Bühnenbild herum und mahnt mit strengen Worten zum Stillschweigen über die Kulisse, die er da gerade optimiert. Ein paar Schauspielerinnen und Schauspieler bringen sich in Stellung, manche haben schon einzelne Kostümteile an. Es passiert, was bei Proben eben passiert: Musik ertönt, wird gestoppt und neu gestartet, Schauspielerinnen kichern, Darsteller verhaspeln sich, wer gerade nur zuschaut, unterdrückt ein Prusten. Monika Schwenger fegt mit ihrem Regiebuch vor der Bühne hin und her, manchmal sagt sie Dinge wie "ein bisschen mehr Energie", oder "etwas akzentuierter", und immer, wenn sie Anweisungen gibt, fuchtelt sie mit ihren Händen durch die Luft. Manchmal muss sie auch zur Ruhe mahnen, weil einzelne sich doch zu viel amüsieren.

Die Reaktionen auf das Derblecken sind sehr unterschiedlich

Monika Schwenger hat vor langer Zeit bei der Bauernbühne als Schauspielerin angefangen und bei ihrem ersten Auftritt ganz bescheiden nur eine Aufzugtür auf der Bühne betätigt. Vor dem Regiefach hatte die gebürtige Hamburgerin anfangs Angst, das Bairische schien ihr eine Fremdsprache. Jetzt sagt sie von sich, dass sie gut erklären kann, dass ihr als Regisseurin ein Mix aus Führung und Freiheit gelingt. Gemeinsam mit ihrem Partner Max Prestel investiere sie "sehr viel Zeit" in die Bauernbühne. "Es ist unser beider Haupthobby", sagt sie ernst.

Nach einer Rauchpause müssen einige Schauspieler neue Textpassagen einstudieren, Monika Schwenger dreht ihr Regiebuch dafür des Öfteren um und weist auf betreffende Stellen hin. Lustig hat man es trotzdem, und, soviel darf gesagt sein: Die Stadtpolitik bekommt selbstverständlich ihr Fett weg. "Derblecken ist nicht streicheln", erklärt Monika Schwenger später mit einem breiten Lächeln. An Reaktionen ist sie einiges gewöhnt. "Manche Politiker nehmen es mit extrem viel Humor, andere sind auf den Tod beleidigt. Die haben den Sinn vom Derblecken nicht verstanden." Und manche bleiben dem Singspiel gar fern. Den Stadtrat Manfred Fleischer von der "Liste Wor" etwa hätte sie bisher nur einmal in den hinteren Saalbereich hereinschleichen sehen, sagt Monika Schwenger. Ein anderer hat der Bauernbühne nach dem Singspiel empfohlen, in Klausur zu gehen. Sie lacht. "Wir haben dann im Tegernseer Bräustüberl Klausur gemacht."

Es gibt nur eine Chance, zu zeigen, dass es knallt

Auch vonseiten des Publikums ist bei der Kritikpalette alles dabei, mal ist die Vorführung zu "spitz", mal zu wenig. Deshalb gibt es für Regisseurin Schwenger nur eine Bedingung: Das Stück muss in seiner Dramaturgie funktionieren. Und es gibt nur eine Chance, nur eine Aufführung, um zu beweisen, dass das Singspiel hinhaut. Monika Schwenger weiß, da muss es richtig knallen.

"Ich bin letztendlich nie zufrieden", sagt sie noch, bevor die Bauernbühne ihre Türen schließt und der Kunstbunker wieder zum Schutzraum vor der Presse wird. Zwar hebt sie die Leistung der Schauspieler hervor, aber ob sie sich an die ganzen Feinheiten, auf die sie heute hingewiesen hat, bei dieser einen Chance auf der Bühne erinnern werden?

Wenn am Freitagabend die Loisachtaler Bauernbühne also zum Singspiel ansetzt und die Stadtpolitik derbleckt, wenn das streng Geheime endlich öffentlich wird, vom Bunker auf die Bühne kommt: Dann wird Monika Schwenger in der Loisachhalle sitzen. Und sich freuen, wenn das "ein bisschen mehr Energie", und das "etwas akzentuierter" gelingt.

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