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Wirtschaft im Oberland:Künstliche Intelligenz aus dem Konvent

Roy Hengstmann entwickelt in einem Gebäude des Klosters Reutberg Zukunftstechnologien.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Hinter den Mauern des Klosters Reutberg sitzt eine Firma, die moderner nicht sein könnte: Hengstmann Solutions.

Von Marie Hesslinger

Als die Firma Hengstmann Solutions vor mehr als zehn Jahren ins Kloster Reutberg einzog, fragten die Biergartenbesucher: "Macht Ihr neue Abfüllautomaten?" Sie haben weit gefehlt. Roy Hengstmann und seine fünf Mitarbeiter helfen nicht beim traditionellen Bierbrauen, sondern nutzen Zukunftstechnologie: Mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) entdecken sie Fehler in den Produktionsabläufen anderer Firmen. Aufschwung bekamen ihre KI-Systeme dabei ausgerechnet durch die Spieleindustrie.

In den drei Büroräumen hinter der Klostermauer finden sich überall Gegenstände, die Roy Hengstmann und seine Mitarbeiter auf Fehler prüfen: Kaffeekapseln und Kartonagen, Leuchtstifte und Automobil-Teile. Manche haben kleine Schlieren, die unauffälliger nicht sein könnten, andere hält Klebeband zusammen. Bei allen geht es um die Frage: Wie lässt sich die mangelhafte Ware in den Produktionsstätten ihrer Firmen aussortieren, oder gar gleich vermeiden? "Wann immer ein Kunde Ausschuss produziert, ist es ja nicht nur Material, das verloren geht, sondern auch Maschinenlaufzeit", sagt Firmenchef Roy Hengstmann. 2005 gründete der Physiker sein Fehlervermeidungs-Unternehmen. Seit acht Jahren nutzt es dafür künstliche Intelligenz. Und die verarbeitet Bildmaterial.

Zwei Kameras richten sich auf ein kurzes Fließband im Werkstattraum. Das Fließband kommt vom Kunden, einem Spülmaschinenhersteller. Hengstmann stellt einen Spülmaschinenkorb darauf. Er und sein Team haben über das Fließband einen Überbau mit Kameras gebaut. Aktuell prüfen sie, wo die Kameras am besten angebracht wären, um Fehler an jenen Stellen der Spülmaschinenkörbe aufzuspüren, wo sie für die Endverbraucher am sichtbarsten sind: An der Frontseite außen, und an der Innenseite hinten.

Fehler, das sind in diesem Fall kleine Bläschen, die sich nicht vermeiden lassen, wenn die Metallkörbe in Kunststoff getaucht werden. Hengstmann sucht in einem Körbestapel nach einem Beispiel und findet keines. Wenn die Bläschen so winzig sind - sind sie es dann der Mühe wert, aussortiert und ausgebessert zu werden? Ja, sagt Hengstmann. "Wenn die Hausfrau das nicht reklamieren würde, würde der Hersteller nicht einen Haufen Geld in die Prüfung von Ausschuss investieren."

Das Unternehmen Hengstmann Solutions ist ein Unternehmen, dass sich auf industrielle Bildverarbeitung und Automatisierungstechnik spezialisiert hat.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Von den beiden Kameras führen zwei Kabel weg ins Leere. Ein Kollege Hengstmanns arbeitet gerade im Nebenraum am dazugehörigen Computer. Er programmiert eine Software so, dass sie von alleine lernt, Fehler zu finden - er entwickelt künstliche Intelligenz.

Vor gerade einmal einem Jahrzehnt war das noch nicht möglich. Hengstmann und seine Mitarbeiter programmierten die Computer damals noch so, dass sie nur ganz bestimmte Fehlermuster in den Kameraaufnahmen erkennen konnten. Sobald ein Fehler nicht dem vorgegebenen Muster entsprach, versagten die Programme. Ihr Repertoire musste dann nachträglich um einzelne Fehler erweitert werden. Hengstmann illustriert das mit einem Beispiel.

"Der Programmierer hat sich 10 000 Äpfel und 10 000 Apfelsinen angeguckt und überlegt, wie sich der Unterschied mathematisch beschreiben ließe", sagt er. Sei der Sommer im darauffolgenden Jahr jedoch besonders sonnenreich und die Äpfel besonders leuchtend geworden, "dann meint die Software: Ey, das sind alles Apfelsinen!" Heute nutzen Hengstmann und seine Kollegen deshalb KI. Ihre Programme lernen von alleine, was gute und was schlechte Ware ist. Die Programmierer legen der Software, um beim Beispiel zu bleiben, die Fotos von tausenden Äpfeln und Apfelsinen vor. Die KI lerne dabei wie ein Schüler - und habe ebenso die Tendenz, zu mogeln.

"Wenn ich der KI neue Bilder zeige und sie macht plötzlich wieder Fehler, dann weiß ich, sie hat nur auswendig gelernt anstatt zu verstehen", sagt Hengstmann. Mit einem Vorteil: "Bei einem Schüler kann ich den Kopf nicht aufmachen und sagen: Jetzt sorge ich dafür, dass Du besser lernst." Und doch sei KI-Software im Vergleich zu jedem Schüler dümmlich. "Jedes Kleinkind hat schon mehr Rechenleistung im Gehirn als ein Supercomputer." Der Computerspielekonsum von Schülern indes trägt dazu bei, dass Hengstmanns KI immer intelligenter wird. "Wir leben eigentlich von der Spieleindustrie", sagt der 66-Jährige. Ein herkömmlicher Computer ist dem Physiker zufolge dazu in der Lage, neun bis 16 Prozesse gleichzeitig zu verarbeiten. Das entscheidende für Hengstmanns künstliche Intelligenz aber sei nicht der PC, sondern dessen Grafikkarte: "Auf einer guten Grafikkarte können 4000 bis 45000 Prozesse parallel laufen." Früher, sagt er, habe es noch keine richtigen Grafikkarten gegeben. "Da war ein Rechner mehr zum Rechnen da." Heute jedoch entwerfen Spieleentwickler komplexe Spielelandschaften und nutzen dafür hochleistungsfähige Grafikkarten. "Das ist genau das, was wir brauchen", sagt Hengstmann.

Die von ihm entwickelte Software auf den Spielecomputern wird dabei nicht nur eingesetzt, um die Fehler anderer technischer Geräte zu kontrollieren. Auch Menschen werden damit kontrolliert. In manchen Produktionsstätten leiten Hengstmanns Programme die Werksmitarbeiter mit Audio- und Videoaufnahmen an, bestimmte Handgriffe Schritt für Schritt auszuführen. Sobald ein Mitarbeiter einen Fehler macht, erkennt die Software das über die Kamera. Der Mitarbeiter wird darauf aufmerksam gemacht.

Für manchen mag das nach unheimlichem Überwachungsapparat klingen. In Hengstmanns Darstellung ist es eine soziale Jobbeschaffungsmaßnahme. Als Beispiel nennt der Gründer einen Firmenkunden, der so komplexe elektrische Systeme herstellte, dass Ingenieure die kleinteilige Arbeit ausführen mussten. Diese jedoch seien mit ihrer Arbeit unzufrieden gewesen, weil sie sich intellektuell unterfordert fühlten. Anderes Personal habe der Werksleiter jedoch nicht gefunden. Mithilfe des KI-Programmes sei es möglich gewesen, für die kleinteilige Arbeit Mitarbeiter einzusetzen, die dafür keinen qualifizierten Abschluss hatten. Da Fehler sofort entdeckt wurden, sei zudem die Endkontrolle weggefallen. "Damit spart der Unternehmer einen Haufen Geld", sagt Hengstmann.

© SZ vom 08.06.2021
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