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Wegen Corona:Im Netz der Baukunst

Eine klassische Entwurfsaufgabe für Architekten: Dieses Haus am Hang in Degerndorf verändert die Topografie nur geringfügig. Deshalb wurde es von einer Jury für die diesjährigen Architektouren ausgewählt und kann online begutachtet werden.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Architektouren der Bayerischen Architektenkammer finden in diesem Jahr online statt. Unter den 241 Vorzeigeprojekten im Land sind auch zwei aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen.

Die Digitalisierung erfährt gerade eine beispiellose Beschleunigung in allen Bereichen. Auch Veranstaltungen, die bislang durch ihre unmittelbare, physische Erfahrbarkeit hervorstachen, finden nun online neue Wege. So auch die Architektouren der Bayerischen Architektenkammer, die seit 1996 stets im letzten Juniwochenende stattfinden: Sie sind in diesem Jahr der Pandemie erstmals komplett digital zu erleben. Da die Adressen der Objekte auf der Website der Architektenkammer angegeben werden, sind zwar individuelle Außenbesichtigungen möglich. Häuser, die nicht von der Straße aus sichtbar oder nicht grundsätzlich öffentlich zugänglich sind, können jedoch ausschließlich über das Online-Angebot entdeckt werden. Führungen durch das Innere, regionale Bustouren und das Kinderprogramm in seiner üblichen Form als Gruppenangebot müssen ausfallen. Stattdessen werden am letzten Juniwochenende Kurzfilme und Audiobeiträge zu einzelnen Bauten im Netz zu sehen sein.

Die 241 Vorzeigeprojekte der Architektouren 2020 sind bereits online und können bequem von zu Hause aus über den Bildschirm entdeckt werden, darunter auch die diesjährigen zwei Projekte aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Wer allerdings nicht ganz auf ein haptisches Erlebnis verzichten will, für den gibt es seit Anfang des Monats das Architektouren-Booklet. Allerdings hat es eine geringere Auflage als noch in früheren Jahren und wird deshalb schnell vergriffen sein.

Das diesjährige Motto "Ressource Architektur" ist Ausdruck der aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen und des baukulturellen Diskurses in Bayern. Christine Degenhardt, Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer, dazu: "Architektur, Landschaftsarchitektur, Innenarchitektur und Stadtplanung sind unverzichtbare Kräfte für unsere gebaute Umwelt. Sie entfalten ihr volles Potenzial nicht nur bei Neubauten, sondern vor allem in einem verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit Bestandsgebäuden, damit auch die nachfolgenden Generationen von identitätsstiftenden und lebendigen Räumen profitieren können."

Architektouren 2020

Es muss nicht immer ein Gebäude sein: Die Kategorie Freiraumgestaltung/Landschaftsarchitektur vertritt die Renaturierung des Hochmoores Ascholdinger Filz.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Eines der beiden Projekte des Landkreises steht am Ortsrand von Degerndorf, auf einer zuvor landwirtschaftlich genutzten Wiese. Es ist ein Einfamilienhaus am Hang in Holzbauweise, geplant vom Münchner Büro Bathke Geisel Architekten. Ein Haus am Hang ist eine klassische Entwurfsaufgabe für Architekten, mit unterschiedlichen Lösungen. Dieses Haus "verändert die Topografie nur geringfügig - die Form artikuliert sich wie ,in den Hang gesteckt'", verrät Architekt Steffen Bathke über seinen Entwurf. "Auf Plateaus und Abgrabungen wurde verzichtet. Terrasse und Eingangsbereiche sind in das Haus eingeschnitten." Die innere Struktur des Hauses ist der Topografie angepasst. Gemeinsamer Treffpunkt ist der Ess- und Wohnbereich im Obergeschoss, er liegt zwischen der Wohnebene im Dach und dem Bereich der Kinder im Erdgeschoss. Beim Blick in das Innere kommen die Online-Architektouren an ihre Grenzen, Architekt Bathke beschreibt: "Zentrales, verbindendes Element ist der mit einer Tannenholzschalung ausgekleidete Treppenraum, der im Dachgeschoss mit einem Oberlicht abschließt." Der geschützte Hauseingang mit Sitzgelegenheit liegt an der Ostseite, eine stützenfreie Terrasse im Südwesten öffnet den Blick auf die Alpen. Das Haus ist als Holzständerkonstruktion errichtet, die Fassade besteht aus grau lasierten Lärchenholzbrettern, schlicht und modern zugleich passt sie perfekt in die bayerische Voralpenlandschaft. Die Idee der "Ressource Architektur" wurde vom Architekten ernst genommen. Mit seinem hohen Anteil an nachwachsenden Rohstoffen sowohl in der Konstruktion und im Ausbau, als auch bei der Wärmeerzeugung stellt das Haus einen Beitrag zur Nachhaltigkeit dar.

Das zweite Projekt im Landkreis ist die Renaturierung des Hochmoores Ascholdinger Filz bei Dietramszell. Es gehört in die Rubrik Freiraumgestaltung/Landschaftsarchitektur und wurde maßgeblich von der Logo verde Ralph Kulak Landschaftsarchitekten GmbH geplant. Das Klimaschutzprojekt umfasst eine Fläche von rund 17 Hektar, hier geht es um den natürlichen Schutz vor Hochwasser und um die Erhaltung des Lebensraumes seltener Pflanzen und Tiere.

Die Projekte der Architektouren 2020 sind mit Adresse, Kurzbeschreibung und Fotos online abrufbar unter https://www.byak.de/architektouren.html (das Jahr "2020" anwählen und auf "Suchen" klicken)

© SZ vom 20.06.2020/aip

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