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Wasserverschmutzung:Mit dem Kanister in der Damentoilette

Das Wasser in Teilen Dietramszells könnte verschmutzt sein - und muss gechlort werden. Weil das Bürger stört, können sie neuerdings im Rathaus selbst frisch zapfen.

Sauberes Trinkwasser ist die wahrscheinlich wichtigste Ressource - und sprudelt trotzdem auch hierzulande nicht immer einwandfrei aus dem Hahn. Seit Jahren schon kämpfen einige Kommunen im Landkreis gegen wiederholte Verkeimungen, so auch Dietramszell. Nun setzen Verantwortliche dort auf eine unkonventionelle Form der Hilfe zur Selbsthilfe: Im Gemeindeblatt bietet Dietramszells Zweiter Bürgermeister Michael Häsch (CSU) Bürgern an, kostenlos im Rathaus Wasser abzufüllen. Das Gesundheitsamt aber, das die Chlorung angeordnet hatte, hat bei der Aktion Bedenken: Wie Landratsamtssprecherin Sabine Schmid bestätigt, empfiehlt Gesundheitsamtsleiter Franz Hartmann die Einstellung der Aktion, weil nicht sicherzustellen sei, dass die Abfüll-Behältnisse der Bürger keimfrei seien.

Hintergrund des Aufrufs vom Häsch: Seit April dieses Jahres muss das Trinkwasser für 15 Dietramszeller Ortsteile gechlort werden. Beendet werden kann das erst, wenn der undichte Hochbehälter am Jasberg, in den immer wieder Keime eindringen, durch einen Neubau ersetzt ist. Obwohl der Genehmigungsplanung bereits zugestimmt wurde, wird die Umsetzung noch mindestens bis Frühling 2017 dauern. Derweil ist manchen Betroffenen guter Rat teuer - und chlorfreies Wasser auch. "Uns erreicht immer wieder die berechtigte Kritik, dass viele teures Trinkwasser im Supermarkt kaufen müssen", schreibt Häsch im Gemeindeblatt. Auf Anregung seines Ratskollegen Stephan Ailler (CSU) habe er deshalb veranlasst, dass sich von der Chlorung betroffene Bürger ab sofort zu den Öffnungszeiten des Rathauses kostenlos mit Trinkwasser versorgen sollen - und sich dazu in den Waschräumen des Rathauses Wasser für den Eigengebrauch abzapfen können. Denn dort ist das Wasser bislang ungechlort: Der Ortskern von Dietramszell bezieht wie 24 weitere Ortsteile sein Wasser aus dem Brunnen Obermühltal und dem unproblematischen Hochbehälter am Trischberg. Wer im Rathaus tatsächlich etwas abfüllen möchte, den bittet Häsch allerdings "Kanister beziehungsweise Flaschen selbst mitzubringen" - was wiederum das Gesundheitsamt auf den Plan ruft.

In der Tat ist es die Damentoilette der Dietramszeller Rathaus-Waschräume, wo es konkret möglich ist, eine Flasche oder einen Kanister unter fließendes Wasser zu halten. "Wir haben diese Zapfmöglichkeit geschaffen, weil sich manche Bürger durch den Geruch des Chlors gestört fühlen", erklärt Geschäftsführer Andreas Lukas. Was da bei den Bewohnern des Versorgungsgebietes Baiernrain aus dem Hahn sprudle, weise zwar trotz Chlorung Trinkwasserqualität auf und sei unbedenklich zu verwenden. Dennoch wollte die Gemeinde "ein Zeichen setzen und ein Signal senden", wie Lukas sagt: "Es wird alles getan, um die Belastung abzuschwächen." Ähnlich begründet es Häsch: "Die Unannehmlichkeiten wegen der Chlorung des Trinkwassers können wir nicht beenden, aber auf diese Weise wenigstens einen kleinen Beitrag dazu leisten, diese zu mindern."

Angenommen hat das Angebot allerdings noch kein Bürger, weiß der Geschäftsführer. "Zumindest hat noch niemand nachgefragt oder ist aufgefallen mit ein paar Kanistern unterm Arm." Vielleicht auch, weil Geruchssensible vom Regen in die Traufe kommen könnten: Das Wasser hat in der Toilette zwar kein Odeur nach Chlor, dafür liegt über dem gesamten Raum der typische Duft nach Putzmittel.

Ob das Angebot tatsächlich bis zur Inbetriebnahme des neuen Hochbehälters am Jasberg bestehen bleibt, darf bezweifelt werden. Zwar äußert Hartmann seine Bedenken gegenüber der rathäuslichen Wasserabgabe derzeit nur als Empfehlung, sie nicht zu nutzen. Damit aber die Gemeinde nicht in Haftung geraten kann, sollte tatsächlich ein Bürger nach dem Genuss von selbstgezapften Rathaus-Wasser krank werden, warnt neuerdings ein Schild am Waschbecken: "Sie entnehmen hier Trinkwasser. Bitte beachten Sie, dass nach Abnahme eine natürliche Verkeimung (durch Behälter und Lagerung) entsteht."