Konzertkritik:"Verleih uns Frieden"

Konzertkritik: Festival der hohen Stimmen: Die Augsburger Domsingknaben beim Konzert in der Tölzer Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt.

Festival der hohen Stimmen: Die Augsburger Domsingknaben beim Konzert in der Tölzer Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die Augsburger Domsingknaben zeigen beim Tölzer Knabenchorfestival eindrucksvoll, dass Musik schon immer Trostsuche in großen Krisenmomenten war.

Von Paul Schäufele

Seit über tausend Jahren klingen die Knabenstimmen durch die Kirchen. Sie versuchen, mit schwebendem, reinem Ton den Frommen beim Beten zu helfen und ihnen dabei eine Vorstellung jenseitiger Schönheit zu vermitteln. Nun hat sich die Funktion der Knabenchöre in den meisten Fällen ein wenig gewandelt, doch um Schönheit geht es immer noch, wie das Bad Tölzer Knabenchorfestival eindrucksvoll zeigt, nachdem es drei Jahre lang aussetzen musste. Einer der vier bayerischen Chöre, die heuer in der Stadtpfarrkirche auftreten, ist der Kammerchor der Augsburger Domsingknaben. Mit einem Programm von der frühen Renaissance bis in die Jetztzeit geben die jungen Sänger einen Eindruck von den Möglichkeiten, die ein Knabenchor besitzt, klanglich wie programmatisch.

Denn die Auswahl an Stücken steht unter dem Motto "Verleih uns Frieden". Das Programm stand zwar schon seit einem knappen Jahr fest, doch die aktuellen Entwicklungen zeigen, wie sich diese Musik schon immer mit den großen menschheitlichen Krisenmomenten eingelassen hat. So sieht es auch Umberto Kostanić, der dieses Jahr sein Debüt als Dirigent beim Tölzer Knabenchorfestival hat. Die Komponisten, die hier im Mittelpunkt stehen, haben alle existentielle Leiderfahrungen durchgemacht. Heinrich Schütz hat den Dreißigjährigen Krieg überlebt, Claudio Monteverdi eine Pestepidemie. "Es ist uns wichtig, diese Emotionen, die mit dem Leiden verbunden sind, in ihrer Vielfalt zu zeigen", sagt Kostanić.

Schütz, dessen 350. Todestag dieses Jahr auch begangen wird, steht nicht ohne Grund am Anfang: "Ich bin eine rufende Stimme", heißt die Motette aus der "Geistlichen Chormusik" des Dresdner Hofkapellmeisters. Der Prediger in der Wüste kündigt darin das Kommen des Christus an, dessen Trostversprechen an denen wirksam werden soll, die sich taufen lassen. Schütz, Meister des textnahen Vertonens, lässt die Stimmen auf das Wort "rufende" einen Oktavsprung nach oben vollführen, an den sich eine absteigende Bewegung anschließt. Schon mit diesen wenigen Takten haben die Augsburger sich qualifiziert. Sie eröffnen mit sensiblem, naturschönem Ton einen Klangraum zwischen dem ruhigen Anfangsthema und dem zweiten, das mit punktierten Rhythmen und bewegter Melodieführung den "Weg des Herrn" beschreibt. Die Domsingknaben unter Kostanić agieren flexibel und agil, ohne den weit ausschwingenden Hall der Tölzer Stadtpfarrkirche außer Acht zu lassen. Ihnen gelingt der Balanceakt, ein expressiv fließendes Singen mit der Echo-Akustik zu versöhnen. An jeder Stelle sind die Stammsilben prononciert hörbar und dabei klanglich ausgestaltet.

Damit entsprechen die Sänger ganz dem Ideal der Aufführung Schütz'scher Musik. Auch bei den in der Mitte des Programms stehenden Motetten ist das so. "Die mit Tränen säen" beginnen die Domsingknaben mit einem zarten, quasi körperlosen Piano, das aus dem Nichts zu kommen scheint. Abgelöst wird es durch einen im Kontrast dazu ganz handfesten, tänzerischen Dreiertakt auf den folgenden Halbsatz "werden mit Freuden ernten". Hier greift eine der Qualitäten, die auch Kostanić an den Domsingknaben hervorhebt: ihre Reaktionsgeschwindigkeit und ihre Fähigkeit, sich ganz auf den gesungenen Text und den damit eingeforderten Affekt einzulassen. So erklärt sich auch die dynamische Bandbreite des Chores, die eine demütige Bitte wie "Verleih uns Frieden" in sanftem Piano erklingen lässt, während in Domenico Scarlattis "Te Deum" das abschließende "Non confundar in aeternum" (Möge ich nicht zuschanden werden in Ewigkeit) als dringliches Forte den Raum füllt.

Das gilt für diese wundervollen, aber im Ganzen doch recht ernsten Stücke ebenso wie etwa für Jan Pieterszoon Sweelincks doppelchörige Vertonung des letzten Psalms. "Or soit loué l'Eternel" (Nun sei der Ewige gepriesen) klingt hier als lebendiges Schöpferlob. Die stimmliche Beweglichkeit der Domsingknaben nimmt hier geradezu instrumentale Qualitäten an, wenn im französischen Text vom Lob durch Harfen, Pauken und Orgel die Rede ist. Fast meint man, diese Instrumente hören zu können im heiteren Dialog des geteilten Chors.

Wenn es darum geht, den Augsburger Chor zu charakterisieren, darf das nicht außen vor gelassen werden: Die Domsingknaben sind seit ihrer Gründung im fünfzehnten Jahrhundert - das genaue Jahr ist nicht bekannt - hauptsächlich für die Musica Sacra der Augsburger Kathedrale zuständig, wobei der Marien-Verehrung besonderes Gewicht zukommt. Das gilt heute, nach der Neugründung des Chores 1976, genauso. Mit der zeitgenössischen Komposition "Ave maris stella" (Meerstern, sei gegrüßt) des Passauer Komponisten Matthias Deger zeigt das der Chor, mit der ihm eigenen ungekünstelten Schönheit.

Die Augsburger Domsingknaben sind ein Beispiel der bayerischen Knabenchortradition, die ein eingeschworenes Publikum berührt. In Bad Tölz kann man diese Tradition an vier Tagen in ihrer Vielfalt erleben. So versteht sich von selbst, dass unter den Konzertgängern dieser der Abschiedsgruß der Wahl ist: "Bis morgen!"

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: