SZ-Adventskalender Gemeinschaft erleben

Mit der Umbenennung ihres Schwerbehindertenausweises wollen Tausende Deutsche zur Inklusion beitragen.

(Foto: dpa)

Im Landkreis treten zahlreiche Vereine aktiv für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein. Sie kümmern sich darum, dass Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen nicht im Abseits bleiben. Die SZ stellt drei von ihnen vor

Von Claudia Koestler

Wenn Erika Werner mit ihren Vereinsmitgliedern in das Becken taucht, wird das Lenggrieser Hallenbad für eine bestimmte Zeit zu einem kleinen und im wahrsten Sinne des Wortes bunten Utopia. Menschen jeden Alters, jeder Nationalität und jeder sozialen Schicht, die ganz selbstverständlich miteinander agieren und dabei zusammen viel Spaß haben. Doch es gibt auch noch ein anderes Wort dafür: Inklusion. Bei dem Verein im Becken handelt es sich um die Behinderten- und Versehrtensportgruppe Lenggries. Die Mitglieder haben körperliche Einschränkungen, durch die sie sich aber eines nicht nehmen lassen: Gemeinschaft statt Ausgrenzung zu erfahren durch sportive Angebote, vom Schwimmen bis hin zur Reha-Gymnastik. Und die rund 105 Mitglieder zeigen damit etwas, was eigentlich für die ganze Gesellschaft längst selbstverständlich sein sollte. Deshalb nimmt es auch nicht Wunder, dass das Wort der Inklusion eher eine andere Konnotation weckt: "Dass ich als Preußin mal einen oberbayerischen Verein leiten würde, hätte ich nie für möglich erachtet", sagt Erika Werner und lacht. "Da hat die Inklusion schon mal funktioniert". Werner ist angekommen an der Spitze des Versehrten- und Behindertensportvereins - und kann sich ohne die Gemeinschaft längst keinen Alltag mehr vorstellen. "Denn es macht einfach ungeheuren Spaß, in der Gemeinschaft Sport zu treiben", bringt sie es auf den Punkt.

Erika Werner leitet die Lenggrieser Behindertensportgruppe.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Sabine Lorenz ist die Geschäftsführerin des Vereins "Freunde psychisch Behinderter".

(Foto: Hartmut Pöstges)

Lothar Fritzsche hilft Schwerhörigen.

(Foto: Claudia Koestler)

Doch eigentlich wollte sie alles andere als das Amt in einem der ältesten Vereine in Lenggries zu übernehmen. "Ich musste es aber meinem Mann versprechen", erzählt sie. Die "Liebe ihres Lebens" hatte 25 Jahre lang an einem Gehirntumor gelitten und den Behinderten- und Versehrtensportverein geleitet. Als ihr Mann vor einigen Jahren starb, musste sie ihm schwören, den Verein weiterzuführen. "Es war ihm wichtig, dass die Gruppe nicht untergeht", sagt sie. Werner hat aber selbst eine Behinderung von 90 Prozent, auch wenn man das der agilen Frau nicht sofort anmerkt. Mit 19 Jahren schwamm sie im zu kühlen Chiemsee und zog sich dabei eine Nierenbeckenentzündung zu. Bei den Untersuchungen verletzten Ärzte eine Arterie. "Ich war damals eine der ersten, die einen Bypass kriegen mussten", erzählt sie. Weil die Durchblutung des Beines schwierig blieb, stand sie mehrfach vor der Amputation, weitere Bypässe folgten. "Und dann kamen noch andere Probleme hinzu, mit dem Herzen etwa", erzählt Werner. Doch über ihren gesundheitlichen Einschränkungen sei sie nicht böse. "Denn so habe ich schließlich meinen Mann kennengelernt, damals im Krankenhaus".

Eines sei ihr in all den Jahren immer wichtig gewesen: Sich nicht gehen zu lassen. Dieses Credo halte sie heute noch hoch: "Deshalb ist auch der Sport so wichtig." In ihrem Lenggrieser Verein mit seinen 105 Mitgliedern "sind Arbeiter, Handwerker, Bauern, Rentner und Mittelständler dabei", sagt sie. Oft versperre eine knappe finanzielle Lage den Menschen den Zugang zu Erlebnissen und Erfahrungen in der Gemeinschaft, weiß Werner. Auch bei ihr im Verein hätten viele keine üppigen Renten. Was der Verein deshalb an Geld benötige, sammelten die Mitglieder, da es nur wenig Fördermöglichkeiten gebe. Mit selbstgemachtem Kunsthandwerk und eingekochten Marmeladen etwa, die sie auf Märkten verkaufen. Doch für die Anschaffung von größeren Geräten und Hilfsmitteln, die so dringend gebraucht werden, reichen solche Einnahmen nicht. "Da hoffen wir immer ein bisschen auf ein Weihnachtswunder", sagt Werner.

Es muss allerdings nicht immer ein singuläres Ereignis sein wie ein Unfall. Manchmal schleicht sich eine Beeinträchtigung, eine Behinderung, auch ganz langsam ein. Der Verlust des Hörens etwa, bedingt durch genetische Voraussetzungen, eine Krankheit oder Medikamente, manchmal aber auch einfach durch Lärm oder durch das Alter. Wenn irgendwann das Vogelgezwitscher verstummt, bemerken das viele erst nicht. Nur, wenn dann auch die Sprache anderer Menschen schlechter wahrgenommen wird, zeigt sich das Problem deutlicher. Doch was dann? Für solche Fälle steht die Gehörlosen-Selbsthilfegruppe Oberland mit Rat und Tat zur Seite. Hier zeigen sich die Mitglieder gegenseitig, dass Schwerhörigkeit nicht automatisch Rückzug und Isolation bedeuten muss.

Insbesondere die individuelle Beratung und Hilfestellung liegen Lothar Fritzsche, dem Initiator und Leiter der Selbsthilfegruppe, am Herzen. Der Eglinger ist selbst seit Kindertagen schwerhörig. Im Alter von zwei Jahren erlitt er eine Gehirnhautentzündung, die ihn fast komplett taub werden ließ. Unterkriegen ließ er sich davon nicht: Nach der Schule lernte er zunächst in einer Porzellanmanufaktur, wechselte dann zu Siemens und war dort mehr als 30 Jahre lang tätig. Durch die Arbeit gewann Fritzsche an Selbstvertrauen, wie er sagt. Weil er nicht nur über ein Hörgerät und das Lippenlesen interagieren kann, sondern auch die Gebärdensprache beherrscht, ist er auch als Gebärdendolmetscher tätig. Mit dieser Fähigkeit stellt er heute eine Art Bindeglied dar zwischen den Gehörlosen und den Schwerhörigen. Beide Gruppen dürfe man nämlich nicht über einen Kamm scheren, betont er, denn die Ansprüche und Bedürfnisse könnten sehr unterschiedlich sein.

1998 half Rudolf Gast vom Landesverband Bayern der Gehörlosen, die Selbsthilfegruppe Oberland aufzubauen. Das erste Treffen fand im Wolfratshauser Gasthaus zur Linde statt, mehr als 50 Interessenten stießen dazu. Offizielle Zahlen, wie viele Gehörlose oder Schwerhörige es im Landkreis gibt, kann Fritzsche nicht nennen, Schätzungen zufolge sind es mehrere Hundert. Die Gruppe traf sich seit 1998 regelmäßig monatlich, mal in Wolfratshausen, mal in Bad Tölz, mal in Geretsried. Doch vor einigen Jahren gab es Probleme mit einem passenden Raum für die Treffen. Und weil bis heute keiner im Landkreis zu finden ist, nutzt die Selbsthilfegruppe seither die Räume des Münchner Schwerhörigenvereins für Treffen, Vorträge, Informationen und Beratungen. Dort gibt es allerdings ein Problem: Die induktive Höranlage ist zu alt und funktioniert nicht mehr richtig. Nun braucht die Selbsthilfegruppe eine neue - möglichst eine mobile - um in absehbarer Zeit eben auch wieder im Landkreis Treffen abhalten zu können. Doch die Kosten übersteigen die Möglichkeiten: "Wir sind eben auf Spenden angewiesen, die Förderungen reichen bei Weitem nicht aus", sagt Fritzsche.

Nicht nur körperliche Gebrechen machen das Leben beschwerlicher. Auch die Psyche kann Menschen beeinträchtigen. Um sie zu unterstützen, wurde im März 2002 der Verein "Freunde psychisch Behinderter" in Geretsried gegründet. 2009 wurden dem Verein vom Bezirk Oberbayern Pflegeplätze für psychisch Kranke und Behinderte in einer betreuten, sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft an der Blumenstraße genehmigt. Dieses einzigartige Projekt bietet den Bewohnern eine Zwischenstufe, beispielsweise nach einem stationären Aufenthalt, als ersten Schritt zurück in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt - und zu einer eigenen Wohnung.

Ausgebildete Krankenschwestern, Heilerziehungspfleger und Sozialpädagogen betreuen die Bewohner, die Geschäfte des Vereins führt die Psychiatrie-Krankenschwester Sabine Lorenz. Ist das Ziel erreicht, nämlich die Rückkehr in ein selbständiges Leben in einer eigenen Wohnung, werden die Klienten noch ein bis zwei Jahre nachbetreut. Auch wenn das Modell sehr gut läuft - "die Wartelisten sind lang", sagt Lorenz. Für so manchen Bewohner gibt es dennoch einen permanenten Schmerz. Denn psychisch kranke Mütter können in der Einrichtung nicht dauerhaft mit ihren Kindern leben. Diese immer nur kurz zu besuchen und dann wieder an Pflegeeltern abgeben zu müssen, zerreiße allen oft das Herz, weiß Lorenz. Deshalb arbeitet sie an einer Lösung: ein ähnliches Modell wie die WG, eigens für psychisch kranke Schwangere und Mütter. "Was uns dazu jedoch fehlt, ist eine passende Wohnung", sagt sie. Sollte sie eine bezahlbare Vier- bis Fünf-Zimmer-Wohnung im nördlichen Landkreis finden, sei die größte Hürde geschafft - denn das Fachpersonal werde sie bekommen, ist sich Lorenz sicher. Bis dahin sind es kleine Wünsche, die sie hegt: "Einmal einen Ausflug unternehmen zu können mit unseren Bewohnern, das wäre schön", sagt sie und lächelt. Denn das sei wie bei jedem anderen auch: "Rauskommen tut einfach gut."