SZ-Adventskalender:Durchs Leben geputzt

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Nach schwieriger Kindheit, gescheiterten Ehen, Reinigungsjobs und Obdachlosigkeit erleidet Ninka E. einen Schlaganfall. Seither lebt sie von einer Mini-Rente.

Von Klaus Schieder

Die zwei winzigen Zimmer sind mit allerlei kleinen Deko-Artikeln und Spielsachen geschmückt. Sie stehen in den Regalen, in der Vitrine des Schranks, auf dem Tisch. Ninka E. (Namen geändert) hat sie meist aus dem Müll geholt und geputzt, um die kleine Wohnung mit den dunklen Möbeln vom Carisma-Markt der Caritas heimeliger zu gestalten. Nur ein alter Funkwecker auf dem Tisch stammt noch aus ihrem früheren Leben, das von einer lieblosen Mutter und vielen Enttäuschungen, von gering bezahlter Arbeit und Obdachlosigkeit geprägt war. "Ich habe mich die letzten 26 Jahre durchs Leben geputzt", sagt die 61-Jährige. Bis sie vor zwei Jahren einen Schlaganfall erlitt. Seither lebt sie von einer kleinen Erwerbsminderungsrente. Im Monat bleiben ihr nur rund 300 Euro zum Leben.

Ninka E. stammt aus einer Kleinstadt nahe Leipzig. Sie wächst in einem Haus mit Garten auf, hat eine Oma, die ihr den katholischen Glauben nahe bringt, und ihren Vater, sie besucht die Polytechnische Oberschule. Ihre Kindheit in der damaligen DDR sei eigentlich schön gewesen, sagt sie. Eigentlich. Denn da ist auch noch ihre Mutter. Zu ihr habe sie ein sehr schwieriges Verhältnis gehabt, erzählt Ninka E. All ihr Werben um die Liebe der Mutter sei stets vergeblich geblieben. Von ihr habe sie nur gehört: Du kannst nichts, Du kriegst das nicht hin, von Dir kann man ja nichts erwarten. Ein Selbstwertgefühl, sagt die 61-Jährige, habe sie so nicht mitbekommen. "Das habe ich mir später erarbeiten müssen, das hat sehr lange gedauert."

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Sie heiratet früh, auch um aus dem Elternhaus heraus zu kommen. Aber die Ehe mit ihrem Mann geht in die Brüche, im Nachhinein erfährt sie, dass er eine andere Frau und mit ihr auch ein Kind hat. Die zweite Ehe hält nicht lange. "Ich war noch nicht richtig verheiratet, da hatte ich einen fremden Mann in der Wohnung", sagt sie. "Er hat mich geschlagen, er war jähzornig."

In der DDR ist Ninka E. beim Wohlfahrtsverband "Volkssolidarität" angestellt, nach der Wende verliert sie ihren Job. Sie geht zum Arbeitsamt, will "etwas mit Computern" machen. Aber man habe ihr gesagt, dass sie dafür schon zu alt sei, so Ninka E. Daraufhin geht sie als Reinigungskraft arbeiten. Erst in einer Klinik im Allgäu, dann in einem Restaurant. Sie unterzieht sich einer sogenannten Rückführungstherapie bei einem Heilpraktiker. Dadurch, sagt sie, habe sie "schlagartig begriffen", dass sie für Verwandte und Freunde nicht von Wert und nicht von Nutzen sei. Die Folge: "Ich habe nichts mehr gemacht." Sie zahlt keine Rechnungen mehr, am Ende steht die Zwangsräumung. Ninka E. landet auf der Straße. Sie kommt in die Herzogsägmühle in Peiting, wo man ihr nach eigenen Angaben mühsam gesparte 50 Euro klaut, dann 2009 nach Bad Tölz.

Als sie am Bahnhof ankommt, wäre sie am liebsten wieder umgekehrt, erinnert sie sich. Wegen der Betrunkenen, die sich dort aufhielten. Sie fragt Passanten nach der Obdachlosenunterkunft Jakobushaus. Eine Wende zum Besseren bekommt ihr Leben durch einen Besuch im Jobcenter. Dort vermittelt man sie als Reinigungskraft zum BRK-Kleidermarkt. "Das war die Startposition, die ich brauchte", sagt sie. Vor allem die damalige Leiterin Eva Ellenbeck steht zu ihr. "Ich bin ihr heute noch dankbar, dass sie mich damals nicht rausgeschmissen hat." Denn zu dieser Zeit, meint die 61-Jährige, sei sie alles andere als umgänglich gewesen. Aber Ellenbeck habe ihr gesagt, "so schlimm bist du nicht".

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Vor zwei Jahren setzt sich Ninka E. in ihrer winzigen Wohnung an den Tisch und merkt plötzlich, dass ihr arg unwohl ist. Sie geht zum Nachbarn, der ihre beste Freundin verständigt. Noch rechtzeitig wird sie mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht, später in eine Reha-Klink. Seither kann sie nicht mehr richtig sehen. Aber es hätte alles schlimmer kommen können, meint sie. Der Job als Reinigungskraft ist passé. Nun lebt sie von 637,83 Euro Rente im Monat, davon gehen gut 350 Euro an Miete und Nebenkosten weg. Ihr Essen bekommt sie von der Tölzer Tafel. Was sie sich wünscht: ein Ersatz für den gebrauchten Kühlschrank, den sie vor sieben Jahren von Carisma bekommen hat, und für die alte Waschmaschine, die schon seltsame Geräusche von sich gibt.

Und sonst? Ninka E. ist dankbar. Dem Tölzer Zahnarzt, der 2017 ohne Vorwürfe ihr sämtliche Zähne gerichtet hat, den Mitarbeitern des Kleidermarkts, ihrer besten Freundin. "Sie hat mir aus dem Selbstmitleid herausgeholfen." Sie sei nun mal kein Mensch, der auf andere zugeht, sagt die 61-Jährige. "Aus Angst, weggeschoben zu werden."

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