Sprachkurse für Flüchtlinge:"Aus den geforderten Nationen habe ich maximal elf Leute"

Ausbildung von Flüchtlingen

Wer in einem staatlich geförderten Sprachkurs Deutsch lernen will, darf das nicht unbedingt.

(Foto: dpa)

Deutschlandweit sollen 100 000 Flüchtlinge an Sprachkursen teilnehmen können, 400 Plätze gibt es allein im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen - aber nur für vier Nationen. Das stellt Arbeitsagentur und Helfer vor neue Probleme.

Von Pia Ratzesberger

Manchen Geflohenen sind die Buchstaben noch völlig fremd, andere können bereits die erste Grammatik, unterhalten sich mit Hilfe der für sie so sonderbar klingenden, deutschen Wörter. Sie können mehr und mehr entziffern, was auf den Aushängen in der Ickinger Turnhalle geschrieben steht, welche Haltestelle der Bus anfährt, allein dank den Sprachkursen der Ehrenamtlichen. Denn wer kein anerkannter Flüchtling ist, dem blieb der Zugang zu staatlich geförderten Sprachkursen bisher verwehrt. Jetzt soll sich das ändern, auch hier im Landkreis - allerdings nur für Geflohene aus bestimmten Nationen.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) bietet einmalig zwei Monate lang Basis-Sprachkurse für Flüchtlinge an, die noch nicht anerkannt sind, doch eine "gute Bleibeperspektive" haben. Deutschlandweit sollen 100 000 Flüchtlinge teilnehmen können, die Kosten belaufen sich auf 54 bis 121 Millionen Euro. Im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen werden voraussichtlich etwa 400 Plätze geschaffen, die ersten Unterrichtsstunden beginnen schon am 16. November. Das Problem ist nur: Die Kurse bleiben Flüchtlingen aus Syrien, Eritrea, Irak und Iran vorbehalten. 217 Syrer leben im Landkreis, 123 Eritreer - aber gerade einmal vier Iraner.

Die größte Gruppe im Kreis sind mit 293 Flüchtlingen die Afghanen. Ihnen aber wird trotz einer bundesweiten Schutzquote von etwa 45 Prozent keine Bleibeperspektive unterstellt. "In meiner Klasse sind vor allem Pakistaner und Afghanen", sagt Eva Lederer vom Ickinger Helferkreis; sie weiß schon jetzt, dass ihre Sprachschüler ausgeschlossen bleiben.

Gisela Weber vom Helferkreis in Wolfratshausen ist sich nicht sicher, ob sie die 100 geplanten Plätze für ihre Region überhaupt füllen kann: "Aus den geforderten Nationen habe ich maximal elf Leute", sagt sie. Die BA hat das Angebot bis Ende des Jahres begrenzt, da danach ohnehin alle Integrationskurse für Asylbewerber ohne Anerkennung geöffnet werden sollen - allerdings auch dann nur für diejenigen mit Bleibeperspektive, so steht es im neuen Asylbewerberbeschleunigungsgesetz.

Diese Ausgrenzung stößt nicht nur bei den Ehrenamtlichen auf Unverständnis, sondern auch bei den Mitarbeitern der regionalen Arbeitsagenturen: "Ich habe überall danach gesucht, aber keine gesetzliche Grundlage gefunden, warum es gerade diese Länder sind", sagte Udo Kohnen am Mittwochabend bei einer Informationsveranstaltung, er ist der Geschäftsstellenleiter der Arbeitsagentur Bad Tölz-Wolfratshausen. Sein Kollege Jakob Grau, stellvertretender Leiter der Rosenheimer Agentur, findet es "bedauerlich, dass eine so große Gruppe von dieser Chance ausgeschlossen ist". Man habe aber keinen Spielraum, schiebt Kohnen nach.

Ohne die Helferkreise kein Kontakt zu den Asylbewerbern

Ihm bleibt nicht viel Zeit die Sprachkurse in Wolfratshausen, Geretsried und Icking zu organisieren, die Anmeldungen beginnen am kommenden Dienstag. Ohne die Helferkreise wäre es wohl kaum möglich, die Asylbewerber so schnell zu den Anmeldebüros zu schicken. "Ohne sie hätten wir nicht gewusst, wie wir überhaupt an die Leute rankommen sollen", sagt Kohnen. Er erhofft sich, dass die Bildungsträger am Ende der Kurse von jedem Flüchtling ein Profil in der Jobbörse der Arbeitsagentur anlegen, mit Lebenslauf und Qualifikationen, "sofern diese für den Arbeitsmarkt verwertbar sind". Verwertbar, ein Wort, das Kohnen an diesem Abend ziemlich oft ausspricht.

Dabei ist die Herausforderung erst einmal, die Kurse so zu koordinieren, dass die Teilnehmer problemlos aus ihren Gemeinden anfahren können - sowie genügend Teilnehmer zu finden. Die größte Sorge von Agenturleiter Grau nämlich ist mittlerweile alle Plätze voll zu kriegen. Interessenten gibt es sicher genug. Aber viele von ihnen dürfen nicht.

© SZ vom 06.11.2015/ratz
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