Flüchtlinge Wenn Helfer Hilfe brauchen

Essen verteilen, Kleidung sortieren, bei Behördengängen begleiten: Viele Helfer sind seit Monaten im Dauereinsatz für Flüchtlinge. Neue Seminare sollen sie in ihrer Arbeit unterstützen.

(Foto: dpa)
  • Ehrenamtliche nehmen sich die traumatischen Geschichten der Flüchtlinge häufig sehr zu Herzen, sodass auch sie manchmal Hilfe brauchen.
  • Schulungen können helfen, mit den Erzählungen besser umgzugehen.
  • Dabei ist es auch wichtig, dass sich Flüchtlingshelfer untereinander austauschen.
Von Klaus Schieder

Sadija Klepo hebt den rechten Ellbogen und wirft die Hand hinters Ohr. Eine Geste, die ziemlich harsch ausdrückt, dass jemandem eine Angelegenheit völlig egal ist. Einer der etwa 300 Mitarbeiter im Verein "Hilfe von Mensch zu Mensch" sah diese Armbewegung immer wieder, als er mit eritreischen Flüchtlingen sprach.

"Er kam zu mir und sagte, die lehnen mich ab", erzählt die Gründerin und Geschäftsführerin des Vereins. In Wirklichkeit verhielt es sich genau andersherum. In Eritrea bedeutet die Geste, die hierzulande abschätzig gemeint ist, große Freude, ja Begeisterung. Eine neue Fortbildungsreihe, die das katholische Kreisbildungswerk mit dem Münchner Verein anbietet, soll die Flüchtlingshelfer im Landkreis in ihrer ehrenamtlichen Arbeit stärken und ihnen auch kulturelle Unterschiede näher bringen.

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Man muss auch klar Nein sagen können

Dabei geht es um mehr als den divergierenden Sinn von Gesten. Die freiwillig Engagierten lernen, wie sie politische und gesellschaftliche Stolperfallen umgehen können, wie sie den Erwartungen von Asylsuchenden gerecht werden, indem sie ihre Wünschen respektieren und erfüllen, aber auch einmal klar Nein sagen. "Interkulturelle Herausforderungen meistern" - das ist eines von sechs Modulen der Schulung.

Ein anderes dreht sich um das Problem, dass sich Flüchtlingshelfer im Dauereinsatz mitunter selbst überfordern und dann irgendwann resignieren. Sie sollen an einem Seminartag lernen, wie sie ihre persönlichen Grenzen, ebenso die Schranken ehrenamtlicher Arbeit erkennen und akzeptieren.

Weitere Bausteine der Reihe sind die richtige Teambildung - wenn zum Beispiel ein neuer Helferkreis entsteht - und ein Kurs über zielführenden Umgang mit Behörden. Unter der Überschrift "Willkommen und Auf Wiedersehen" arbeiten die Flüchtlingshelfer auch daran, wie sie von lieb gewonnenen Menschen Abschied nehmen, die in ihre Heimat zurückgehen müssen oder wollen.

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Helfer können selbst traumatisiert werden

Viele Schutzsuchende haben dramatische Erlebnisse hinter sich, sei es im Krieg, durch Verfolgung oder auf ihrem Fluchtweg. Ihre Geschichten nehmen manche Ehrenamtlichen stark mit, weshalb sie Gefahr laufen, selbst traumatisiert zu werden. Waltraud Bauhof, Koordinatorin des Helferkreises Dietramszell, erzählt von zwei Mitstreiterinnen, "die ich sehr geschätzt habe".

Beide Frauen hätten sich die Geschichten von Flüchtlingen so stark zu Herzen genommen , "dass sie selbst fast kaputt gegangen sind". Sie habe ihnen dringend zu einer Auszeit geraten und gesagt: "Du kannst nicht abends zu Hause sitzen und weinen." Wichtig sei es, eine innere Distanz aufzubauen, etwa wie eine Krankenschwester zu den Patienten. Auch darum geht es an einem Schulungstag.

Die Fortbildungen organisiert Ursula Menke. Die Themen hat die pädagogische Mitarbeiterin des Kreisbildungswerks nicht am Reißbrett zusammengestellt, sie wurden von Flüchtlingshelfern an sie herangetragen. "Ich bin angesprochen worden, wo Bedarf besteht", sagt sie.

Erfahrungen auszutauschen kann helfen

Die jeweils vierstündigen Schulungen werden zwei Mal im Monat angeboten, einmal im Norden, einmal im Süden des Landkreises, und erstrecken sich vorerst über ein Jahr. Referentin ist stets die Sozialpädagogin und systemische Familientherapeutin Diana Eichmüller. Daneben sollen die Teilnehmer Zeit haben, um Erfahrungen auszutauschen. "Es geht nicht darum, dass jemand einen Vortrag hält, die Ehrenamtlichen sollen sich gegenseitig helfen", sagt Klepo.

Das Kreisbildungswerk finanziert die Reihe und stellt seine Bildungsbeauftragten in den Gemeinden zur Verfügung, die sich um Räume kümmern und als Ansprechpartner fungieren. "Die Flüchtlinge müssen nachhaltig integriert werden", sagt Geschäftsführer Andreas Käter. Das klinge simpel, sei aber eine Herausforderung und "mit normalen sozialen Dienstleistungen nicht zu beantworten". Wichtig sei ein Verständnis für die jeweils andere Kultur auf beiden Seiten. Da hat auch Bauhof noch etwas lernen müssen.

Sie begleitete eine hochschwangere Syrerin, die weder Deutsch noch Englisch versteht. Wenn sie mit ihr redete, blickte die junge Frau stets auf den Boden, sprach nicht, lächelte nicht. "In Deutschland ist das unhöflich", sagt Bauhof. In Syrien gilt es als Ausdruck des Respekts. Auch so ein Missverständnis.

Die Seminare für Flüchtlingshelfer sind kostenlos. Sie finden in den Pfarrheimen Geretsried (Hl. Familie), Reichersbeuern, Wackersberg, Münsing und Wolfratshausen-Waldram statt, unter der Woche von 16 bis 20 Uhr, samstags von 10 bis 12 Uhr. Die Teilnehmerzahl ist auf 20 begrenzt. Anmeldung und weitere Informationen beim Kreisbildungswerk, Salzstraße 1 in Bad Tölz, Telefon 08041/60 90, E-Mail: info@kbw-toelz.de

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