Sachsenkam/Bad Tölz:Verflossener Glanz

Fassbier Mühlfeldbräu Reutberg Genossenschaftsbrauerei muss weggeschüttet werden

So kennt man den Josefibock von der Klosterbrauerei Reutberg: bernsteinfarben und mit einer stabilen Schaumkrone. Aber auch dieses Jahr kann das Bier nicht ausgeschenkt werden - zumindest nicht beim Josefifest.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Bier ist in Bayern ein Kulturheiligtum. Doch weil die Gaststätten als Abnehmer ausfallen, muss es vielerorts weggeschüttet werden. Auch in der Region müssen Brauereien zu diesem Mittel greifen

Von Benjamin Engel

So leer das Festgelände am Fuß des Reutbergs derzeit ist, so voll sind die Lagerräume im Keller der Brauerei. Bereits zum zweiten Mal in Folge hat der Genossenschaftsbetrieb das traditionelle Josefifest wegen der Pandemie absagen müssen. Wäre Corona nicht, hätten sich am kommenden Freitag zum Festauftakt schon Tausende Besucher das Bier schmecken lassen. So aber bleibt der Gerstensaft nun im Fass - zumindest vorläufig. Denn sobald das Haltbarkeitsdatum abläuft, bleibt den Mitarbeitern der Klosterbrauerei kaum etwas anderes übrig, als das Bier wegzuschütten.

Natürlich hat dieser zwangsläufige Bierfrevel nicht nur mit der Absage des Josefifests allein zu tun. Auch viele andere Veranstaltungen sind vergangenes Jahr ausgefallen. Und weil die Gastronomie seit Monaten geschlossen ist, haben einige Betriebe bereits bestelltes Fassbier auch schon wieder zurückgegeben.

Einen Teil des Fassbiers einfach so entsorgen zu müssen, fällt dem Mitarbeiterteam der Brauerei schwer. "Freilich ist das schlimm", sagt Geschäftsführer Stephan Höpfl auf Nachfrage. Ein Bier herzustellen und schließlich aus dem Fass ausschenken zu können, sei ein aufwendiger, wochenlanger Prozess. Aber der Absatzmarkt für Fassbier fehle eben. Gerade in diesem Segment setzen die Einschränkungen durch die Pandemie der Braubranche allgemein stark zu. Das schlägt sich direkt in den Geschäftszahlen nieder. Um die 22 000 Hektoliter Bier hat die Reutberger Genossenschaftsbrauerei im Jahr 2019 hergestellt. 2020 sei der Ausstoß beim eigenen Bier im Vergleich um die zehn Prozent zurückgegangen, schätzt Höpfl. Rechne man das gesamte Getränkesortiment inklusive Limonaden mit ein, seien es mehr als zehn Prozent.

Zwei gegensätzliche Entwicklungen überlagern sich in der Branche seit Beginn der Pandemie. Einerseits können die Brauereien in der Regel mehr Flaschenbier verkaufen. In Reutberg gab es laut Höpfl Zuwächse im einstelligen Prozentbereich. Das reicht allerdings nicht, um die Verluste bei den großen Abnehmern auszugleichen. Die Reutberger beliefern mit ihren Getränken im regionalen Umkreis von bis zu 80 Kilometern knapp 80 Gasthäuser sowie weit mehr als hundert Veranstaltungen pro Jahr.

Weil damit kein Geschäft mehr möglich war, hat die Brauerei laut Höpfl für den Großteil der knapp 20 Mitarbeiter inzwischen Kurzarbeit angemeldet. Gebraut werde im Betrieb aber weiter, sagt Höpfl. Schließlich brauche es Reserven. Im Moment könne die Brauerei aber nur abwarten, wann und wie Gasthäuser wieder öffnen und wann Veranstaltungen wieder möglich würden.

Einige Kilometer weiter westlich, in der Kreisstadt Bad Tölz, ist Maximilian Liebhart froh, mit seinem wesentlich kleineren Brauereibetrieb nicht so stark von der Gastronomie abhängig zu sein. Dieses Segment macht laut dem Geschäftsführer des Mühlfeldbräus nur etwa 20 bis 25 Prozent des Umsatzes aus. Der Großteil des Fassbiers wird im an die Brauerei angeschlossenen Wirtshausbetrieb an der Bahnhofstraße an Gäste ausgeschenkt. Weil die Gastronomie vergangenen Herbst so abrupt schließen musste, sind ebenso Fassbestände übrig geblieben, deren Haltbarkeitsdatum etwa vier Monate nach dem Brauen langsam ausläuft. "Mir ist es ein Anliegen, dass wir das nicht sinnlos wegschütten müssen", sagt Liebhart aber. Mit der Tölzer Stadtverwaltung verhandelt er derzeit deshalb, wie er das Fassbier, etwa über einen Hofverkauf, trotzdem an die Kunden bringen kann. Allerdings, schränkt er ein, sei das mit seiner kleineren Brauerei auch leichter zu machen als bei der größeren Konkurrenz. Bei ihm gehe es um weit geringere Mengen, die sich dem Haltbarkeitsdatum näherten, sagt Liebhart. Das Mühlfeldbräu produziert im Jahr um die 1000 bis 1100 Hektoliter Bier, ein Bruchteil etwa des Ausstoßes der Reutberger Genossenschaftsbrauerei. Finanziell werde er mit einem "blauen Auge" davon kommen, sagt Liebhart. "2020 haben wir einen Umsatzverlust von um die fünf Prozent gemacht." Dafür sei der Absatz von Flaschenbier um zehn bis 15 Prozent gestiegen.

Daher hat Liebhart die Pandemie auch als Chance begriffen, sich weiterzuentwickeln. Neu aufgestellt hat das Mühlfeldbräu etwa den Online-Shop. Darüber bietet der Betrieb sein Bier auch im Abonnement an. "Unser Craft-Beer-Abo geht gut", schildert Liebhart. Das liegt für ihn aber nicht nur an der Pandemie. Vielmehr komme dem Betrieb zugute, dass sich Kunden zunehmend für die Produkte von lokalen Herstellern interessierten. Das habe sich bereits vor Ausbruch der Pandemie abgezeichnet. "Der Regionalgedanke ist wieder in den Fokus gerückt."

Nur der ebenfalls etablierte Hofverkauf hat sich bis auf ein paar Stammkunden nicht so stark entwickelt. Das liegt für Liebhart allerdings daran, dass das Click-&-Collect-Modell eben etwas aufwendiger sei als in die nahen Supermärkte zu gehen. Dort bekämen die Mühlfeldbräu-Kunden das Bier schließlich auch.

© SZ vom 10.03.2021
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