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Film:"Irgendwann hatte ich das Gefühl, wir drehen die Parodie auf Easy Rider"

Markus J. Schindler (hinten links) die Wittmann-Brüder Thomas und Julian (mit Helm) auf ihrer Moped-Fahrt von New York nach Las Vegas. Unterstützt von seinem Assistenten Georg Lanz (hinten rechts) und Tonmeister Christian Kastl

"Wie in einem Familienurlaub": 45 Tage begleitete Kameramann Markus J. Schindler (hinten links) die Wittmann-Brüder Thomas und Julian (mit Helm) auf ihrer Moped-Fahrt von New York nach Las Vegas. Unterstützt von seinem Assistenten Georg Lanz (hinten rechts) und Tonmeister Christian Kastl sammelte er auf der Reise 500 Stunden Filmmaterial.

(Foto: Privat/oh)

Zwei Brüder in Lederhosen fahren auf alten Mopeds durch Amerika. Das ist die Geschichte von "Ausgriss'n". Der Greilinger Kameramann Markus J. Schindler hat sie begleitet - und dafür einen Preis gewonnen.

Interview von Stephanie Schwaderer

Vor drei Jahren hat sich der Greilinger Markus J. Schindler auf ein filmisches Abenteuer eingelassen. Mit der Kamera begleitete er die Brüder Julian und Thomas Wittmann aus Lengdorf (Landkreis Erding), die es sich in den Kopf gesetzt hatten, auf zwei alten Zündapp-Mopeds von New York nach Las Vegas zu fahren. 500 Stunden Filmmaterial hat Schindler in 45 Drehtagen gesammelt und in dem 95-Minüter "Ausgriss'n" verarbeitet. Nun wurde der 31-Jährige dafür mit dem deutschen Arri-Kamerapreis in der Kategorie "Nachwuchs" belohnt.

SZ: Herr Schindler, ein Film ganz ohne Drehbuch - warum haben Sie sich auf dieses Projekt eingelassen?

Markus J. Schindler: Thomas Wittmann hat mich eines Tages angerufen. Wir kannten uns von den Dreharbeiten zu Sommer in Orange. Das war 2010. Ich machte damals mein erstes Kamera-Praktikum bei Marcus H. Rosenmüller. Und Thomas war als Kinderschauspieler dabei. Er und sein Bruder haben mir von der Idee erzählt, auf dem Moped durch Amerika zu fahren. Und sie haben mich gefragt, ob ich Lust hätte, sie zu begleiten, auch wenn sie mich nicht bezahlen könnten. Ich fand: Das klingt spannend.

Und dann sind Sie ins Blaue gefahren?

Der Zeitrahmen war grob abgesteckt. Es war klar, wann wir in New York starten würden. Ich bin geflogen, die Brüder sind mit dem Containerschiff hingefahren. Auch mein Rückflug-Ticket von Las Vegas hatte ich gebucht.

Aber für die Zeit dazwischen gab es keinerlei Pläne oder Vorgaben?

Nein, das war sehr ungewohnt für mich. Normalerweise gibt es ein Konzept und Recherchen, Autoren, die genaue Vorstellungen haben. Wir haben uns darauf eingelassen, ins Unbekannte zu fahren. Und wir mussten erst herausfinden: Was ist die Sprache des Films? Wie baut man so etwas auf? Kriegen wir genügend interessantes Material zusammen? Das war eine tolle Erfahrung. Und nur weil es ein Low-Budget-Projekt war, konnten wir das überhaupt machen. Experimentieren, ausprobieren, auch viel wegschmeißen natürlich. Wir haben uns gut aufeinander eingegroovt.

Die Juroren des Arri-Preises loben Ihre Kamera als "immer wertschätzend, neugierig und liebevoll gegenüber den Protagonisten". Zudem sind Ihnen stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen gelungen. Wie viel Regie-Arbeit steckt dahinter?

Manche Szenen wiederholt man, manches stellt man her, manches passiert im Moment. Insgesamt war wenig Planung dabei, aber man muss ein offenes Auge haben. Gerade in Amerika gibt es viele ikonische Bilder, die man kennt. Und es gibt natürlich die Vorbilder-Filme. Irgendwann hatte ich das Gefühl, wir drehen die Parodie auf Easy Rider. Die Herausforderung, die ich mir gestellt habe, lautete: Weg von der Reportage, hin zu einer Erzählung, in die man eintauchen kann.

Markus J. Schindler am Set

Sein erstes Kamera-Praktikum absolvierte Markus J. Schindler vor elf Jahren bei Marcus H. Rosenmüller.

(Foto: Privat/oh)

Das Ganze ist eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation geworden. Es gibt eine fiktive Rahmenhandlung in einem Wirtshaus. Und in den Reisesequenzen sind die Wittmann-Brüder in ihren Lederhosen zu sehen. Zu wievielt waren sie tatsächlich unterwegs?

Zu fünft. Ich hatte noch meinen Kameraassistenten Georg Lanz und einen Tonmeister, Christian Kastl, dabei. Wir haben zu dritt in einem alten deutschen Wohnmobil gehaust, das wir mit dem Containerschiff nach Amerika bringen mussten. Im Wohnmobil waren die Mopeds verstaut. Die hätten wir anders nicht transportieren dürfen. Eine komplizierte Geschichte. Im Land der riesigen luxuriösen Wohnmobile waren wir drei jedenfalls mit dieser alten billigen Kiste unterwegs.

Vom Wohnmobil aus konnten Sie schlecht filmen. Wie sind beispielsweise die Aufnahmen in New York entstanden?

Dazu haben wir uns ein Auto gemietet und hatten das Glück, als Upgrade einen Pick-up zu bekommen. Wir haben uns dann einfach auf die Ladefläche gesetzt und sind zehn, zwölf Stunden durch die Straßen gefahren, um ein paar gute Impressionen einzufangen. Ich wäre ja gerne noch länger in New York geblieben, aber die Zeit hat gedrängt.

Gibt es Szenen, auf die Sie besonders stolz sind? Wofür hat sich die Reise gelohnt?

Das Tollste war, diesen ganzen Prozess durchzumachen. Und ein Höhepunkt war für uns alle wohl die Begegnung mit Hells Angels in New Mexico. Da hat alles gepasst. Eine gruslige Begegnung, die aber wie ein Geschenk dahergekommen ist. Alle im Team waren in diesem Moment virtuos, da bin ich auch stolz auf meine Kameraarbeit.

Sie haben viele Bekanntschaften entlang des Weges gefilmt - einen Waffenfanatiker, einen Aussteiger, einen Motorrad-Sammler. Mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

Überhaupt nicht, da sind die Amerikaner ganz anders als die Europäer. Die Kamera war kein Problem. Die Leute waren sogar scharf drauf, sich filmen zu lassen.

Gab es auch Tiefpunkte?

Schon. Die harten Momente gibt es immer. Wenn man den dreißigsten Tag dreht und gar nicht mehr weiß, wo man ist. Wir hatten ja auch nicht das Geld, uns gut zu ernähren. Immer die Frage, wo schlafen wir heute. Und jeder wird mal krank - wie in einem Familienurlaub. Dann muss man zusammenhalten, auch wenn man mal aneinandergerät. Im Endeffekt ist man stolz, wenn man so etwas miteinander durchgemacht hat. Uns hat es zusammengeschweißt.

Haben Sie schon ein Nachfolgeprojekt im Auge?

Nächste Woche fliegen wir nach Sardinien, um einen Trailer mit dem 80-jährigen Aussteiger und Weltumsegler Clemens Gangerl zu drehen. Mit ihm würden wir gerne eine ganze Serie machen. Thomas Wittmann als Produzent, Julian Wittmann als Regisseur und ich als Kameramann.

Das heißt, Sie drei sind miteinander ausgerissen und jetzt ein festes Team?

Ja, und die besten Freunde sind wir auch. Wir planen und schreiben und hoffen, dass es weitergeht.

"Ausgriss'n" ist derzeit auf der Plattform Amazon Prime zu sehen.

© SZ vom 10.06.2021
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