Dierektkandidaten im Stimmkreis 111:Fassungslosigkeit statt Jubel

Dierektkandidaten im Stimmkreis 111: Der Grünen-Direktkandidat Jakob Koch verfolgt ein zermürbendes Kopf-an-Kopf-Rennen mit der AfD.

Der Grünen-Direktkandidat Jakob Koch verfolgt ein zermürbendes Kopf-an-Kopf-Rennen mit der AfD.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Stimmung auf den Wahlpartys bleibt wegen der hohen AfD-Zugewinne verhalten.

Von Celine Chorus, Veronika Ellecosta, Benjamin Engel und Alexandra Vecchiato, Bad Tölz-Wolfratshausen

CSU-Landtagskandidat Thomas Holz nimmt die erste Hochrechnung in der Kochler Pizzeria "La Pineta" mit Erleichterung zur Kenntnis. "37 Prozent sind nicht schlecht", sagt er. "Über mehr hätte ich mich gefreut, über weniger geärgert." Ratlosigkeit macht sich in der Runde breit, als die ersten Ergebnisse des Stimmkreises 111 eingehen. Das gute Abschneiden des AfD-Kandidaten, der sich nie im Stimmkreis habe sehen lassen, macht Holz fassungslos. Den scheidenden CSU-Landtagsabgeordneten Martin Bachhuber hält es nicht auf dem Stuhl. Sollte das so weiter gehen, werde er auswandern, schimpft er.

Dierektkandidaten im Stimmkreis 111: Wahlparty der CSU mit Alexander Radwan, Werner Weindl, Thomas Holz und Martin Bachhuber (von links).

Wahlparty der CSU mit Alexander Radwan, Werner Weindl, Thomas Holz und Martin Bachhuber (von links).

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Gegen 21 Uhr, noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt, führt Holz deutlich bei den Direktkandidaten, bleibt aber hinter den Zweitstimmen seiner Partei zurück. "Gesetzt den Fall, ich habe gewonnen, freue ich mich natürlich riesig", sagt er. Sein Ziel habe er erreicht, aber überschwänglich sei er nicht. "Das Ergebnis stimmt mich nachdenklich. Das Ergebnis der AfD ist erschreckend." Themen wie Migration oder Bürgergeld müssten aufgearbeitet werden.

Dierektkandidaten im Stimmkreis 111: Direktkandidat Ingo Hahn (AfD) im Maximilianeum.

Direktkandidat Ingo Hahn (AfD) im Maximilianeum.

(Foto: Johannes Simon)

Die Freien Wähler (FW) und die Alternative für Deutschland (AfD) haben als einzige bei der Landtagswahl Prozentpunkte dazu gewonnen. Entsprechend entspannt wirkt Ingo Hahn, als er um 18.15 Uhr vor dem Maximilianeum eintrifft. "Ich bin froh, dass wir stärker geworden sind als vor fünf Jahren", sagt der AfD-Direktkandidat für den Stimmkreis 111. Zu diesem Zeitpunkt sieht die Prognose seine Partei bei etwa 15 Prozent, also um die fünf Prozent höher als 2018. Die Bürger seien "aufgewacht", sagt Hahn.

Bei den Freien Wählern herrscht Feierstimmung. "Mir geht es sehr gut", sagt der Direktkandidat Florian Streibl. "Es ist das beste Ergebnis, dass die Freien Wähler jemals in Bayern erreicht haben." Das sei einer guten Gemeinschaftsleistung zu verdanken. Für das gute Abschneiden der AfD macht er vor allem die Bundesregierung verantwortlich. Die Ampelkoalition nähre die Angst und Unsicherheit der Menschen. "Das ist das Lebenselixier für die AfD."

Dierektkandidaten im Stimmkreis 111: "Es ist das beste Ergebnis, das die Freien Wähler jemals in Bayern erreicht haben", sagte Florian Streibl.

"Es ist das beste Ergebnis, das die Freien Wähler jemals in Bayern erreicht haben", sagte Florian Streibl.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Im Stimmkreis können die Freien Wähler das Ergebnis von 2018 (14,5 Prozent Erststimmen) auf 18,3 Prozent steigern. Dort gebe es große Herausforderungen, sagt Streibl, der als Direktkandidat 21,4 Prozent holen kann. Als Beispiel nennt er die Kreisklinik Wolfratshausen, die es zu erhalten gelte.

Dierektkandidaten im Stimmkreis 111: Die Grünen um Jakob Koch feiern im Gasthaus Tölz.

Die Grünen um Jakob Koch feiern im Gasthaus Tölz.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Grünen-Direktkandidat Jakob Koch zählt Feiern zu seinen Hobbys. Das hatte sich der 25-Jährige auch für diesen Sonntag vorgenommen - umgeben von seiner Familie und Freunden im Tölzer Gasthaus. Im Gewölbekeller haben sich knapp 20 Menschen versammelt, die das Kopf-an-Kopf-Rennen verfolgen, das sich die Grünen mit den Freien Wähler und der AfD um Platz zwei hinter der CSU liefern. Mit jeder Prognose, die den Rückstand auf die AfD wachsen lässt, wird die Stimmung an den Tischen gedrückter. "Die Gesamtsituation trübt ein bisschen die Feierlaune", sagt Koch, mit dem vorläufigen Ergebnis seiner Partei könne er aber gut leben. "Wir haben heute einen Erfolg verbucht", sagt er nach den ersten Hochrechnungen mit hörbarer Erleichterung in der Stimme: "Unsere Inhalte sind bei den Wählern offenbar gut angekommen."

Trotz der Anfeindungen, denen die Grünen auf den Straßen ausgesetzt gewesen seien, hätten sie sich den Mut nicht nehmen lassen. Das Ergebnis zeige: "Wie mit uns umgegangen wurde, ist nicht das, was die Leute wollen."

Dierektkandidaten im Stimmkreis 111: Ernüchternder Blick auf die Hochrechnungen: Benedikt Hoechner bei der Wahlparty der SPD in Schlehdorf.

Ernüchternder Blick auf die Hochrechnungen: Benedikt Hoechner bei der Wahlparty der SPD in Schlehdorf.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Im Klosterbräu Schlehdorf haben sich etwa 20 Genossinnen und Genossen bei Bier und Schnitzel versammelt. Als am Bildschirm der erste Zwischenstand auf Landesebene verkündet und damit der Abwärtstrend der SPD bestätigt wird, geht ein Raunen und Seufzen durch die Stube. "Ja scheiße. Bei all der guten Arbeit, die wir machen", entfährt es einer Frau, und sie erntet bitteres Gelächter. Sie nimmt schon vorweg, was Bernhard Lorenz vom Kreisverband in seiner kurzen Ansprache summiert: "Wir haben gute Themen, die kaputt gemacht wurden von denen, die Angst propagieren." Als der erste Schock verwunden ist, spenden sich die Genossinnen und Genossen gegenseitig Trost, und machen ihrem Frust über den Zugewinn der AfD Luft.

Direktkandidat Benedikt Hoechner verweist darauf, dass er mit 5,3 Prozent der Erststimmen (Stand 21 Uhr) immerhin über den Prozenten liege, die sein Vorgänger Robert Kühn 2018 für die SPD erzielt hat. "Ums positiv zu sehen, zeigt das, dass man sich als Kandidat mit viel Engagement auch gegen einen Trend stellen kann." Zum schlechten Abschneiden der SPD sagt Hoechner: "Wir haben es nicht sehr leicht. Aber man geht nicht in die Politik, um zu gewinnen, sondern weil man zu dieser Politik und den Themen steht."

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