bedeckt München 28°

Integration:Zwei Flüchtlinge bei der Freiwilligen Feuerwehr

Die Flüchtlinge Wahid Mohammady (links) und Reza Haydari (rechts) absolvierten bei der Kochler Feuerwehr ihre Prüfung. Foto: Harry Wolfsbauer

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In Kochel am See machen zwei junge Afghanen jetzt bei den Brandrettern mit. Ob sie in Deutschland bleiben dürfen, ist ungewiss.

Von Petra Schneider, Kochel am See

Mit den Namen hat Kreisjugendwart Martin Lampl leichte Schwierigkeiten: "Reza Haydari" und "Wahid Mohammady", liest er langsam und überreicht beiden die bronzene Anstecknadel der Jugendfeuerwehr. Reza und Wahid haben den Wissenstest der Stufe eins bestanden, der einmal im Jahr geschrieben wird. Wahid strahlt, auch Reza lächelt stolz. Beide tragen schon die Ausrüstung: blaue Hose, orange-blaue Jacke, Gummistiefel, Schutzhelm - zwei Flüchtlinge bei der Jugendfeuerwehr.

Reza ist 16 und ohne seine Familie aus Afghanistan geflohen. Seit zehn Monaten lebt er in Kochel, wohnt wie sein Freund Wahid in einem Haus in Altjoch und geht in die Tölzer Berufsschule. Seine Familie ist im Iran, Reza weiß nicht, wann er sie wieder sieht. Ob er in Deutschland bleiben darf, ist ebenso ungewiss. Wie lange sein Asylantrag noch dauert, wisse er nicht. Nach dem Infoabend für Flüchtlinge in der Vollmar-Akademie vor zwei Wochen, bei dem sich diverse Vereine vorgestellt haben, meldete Reza sich bei Feuerwehrkommandant Hubert Resenberger. "Ich finde es interessant bei der Feuerwehr. Man kann anderen Menschen helfen." Reza ist ein zurückhaltender junger Mann. Bei der Prüfung im Schulungsraum der Kochler Feuerwehr sitzen er und Wahid am Rand. Sein Deutsch sei noch nicht so gut, sagt er. Immerhin - für die Prüfung hat es gereicht. "Man musste lernen", erklärt Reza. Weil er zuvor nur einmal beim Unterricht war, hat ihm Jugendwartin Lisa Heigl das Unterrichtsmaterial zum Lernen mit nach Hause gegeben.

"Wer muss sicherstellen, dass die Geräte der Feuerwehr regelmäßig geprüft bzw. gewartet werden?" Oder "Wer bezahlt die Ausrüstung der Jugendfeuerwehr?" - zehn Fragen mussten die Prüflinge beantworten, geschafft haben es alle 23 Teilnehmer der Jugendfeuerwehren Kochel, Schlehdorf und Bichl. Fünf Flüchtlinge hätten ihn schon beim Infoabend angesprochen, sagt Kommandant Resenberger. "Der Reza ist dann tatsächlich gekommen und hat gesagt, er macht mit." Nun sei auch sein Freund Wahid dazu gekommen.

Resenberger freut das. Momentan gebe es zwar keine Nachwuchsprobleme bei der Feuerwehr in Kochel. Aber man brauche immer möglichst viele Leute, weil nicht alle der derzeit 80 Aktiven im Ort arbeiteten und im Falle eines Einsatzes erreichbar seien. "Wer bei uns mitmacht, muss in die Gruppe passen", sagt Resenberger. Das sei entscheidend, und nicht, wo einer herkomme.

Wie ist es, wenn es mit der Sprache noch hapert? Kommunikation und Vertrauen seien bei der Feuerwehr natürlich entscheidend, sagt der Kommandant. Aber noch seien Reza und Wahid ja bei der Jugendfeuerwehr. Ausrücken dürfen sie erst, wenn sie 18 sind. "Da haben sie noch zwei Jahre Zeit, gut Deutsch zu lernen."

Die beiden werden künftig einmal die Woche in der Jugendgruppe von Lisa Heigl mitmachen, praktische Übungen, Gerätekunde und Theorie lernen. Die 19-jährige Kochlerin betreut die Gruppe mit 15 Teilnehmern zwischen 14 und 18 Jahren. "Der Reza ist heute das zweite Mal dabei. Das haut ganz gut hin", sagt Lisa. Die anderen in der Gruppe seien schon ein bisserl erstaunt gewesen, dass da jetzt ein Flüchtling aus Afghanistan bei der Kochler Feuerwehr mitmachen wolle, erzählt Lisa. Aber man habe ja schon Erfahrung mit Neuzugängen aus dem Ausland: Seit eineinhalb Jahren ist der Spanier Marlon bei der Gruppe. "Und der ist auch lieb aufgenommen worden".

Am Donnerstag macht Marlon den Test der Stufe zwei und sitzt mitten zwischen seinen jungen Kollegen. Ja, das mit dem Marlon laufe gut, sagt einer der Burschen. Wichtig sei halt, dass man sich verständigen könne. Mit dem Reza habe er sich bisher noch nicht unterhalten, der sei ja ganz neu. Nach der Prüfung gibt es im Florian-Stüberl eine Brotzeit, Reza und Wahid sitzen zwischen den anderen am Tisch. Was, wenn die beiden doch abgeschoben werden? "Dann wäre das schade für uns", sagt Kommandant Resenberger. "Aber dann haben sie trotzdem was gelernt, was sie auch woanders brauchen können."

© SZ vom 12.12.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB