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Ehrung für Ickinger:Willy-Brandt-Medaille für Gerd Jakobi

Kunstturm am Schwankl-Eck

Höchste Ehre (v.l.): Karin Siebert, Julian Chucholowski, Beatrice Wagner, Klaus Barthel und Elisabeth Jakobi bei der Verleihung an Gerd Jakobi (4.v.l.).

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das politische Urgestein aus Icking erhält die selten vergebene höchste Auszeichnung der SPD.

Von Susanne Hauck, Icking

"Heute ist doch nicht mein 100. Geburtstag", kommt Gerd Jakobi aus dem Staunen nicht mehr heraus, als die Überraschungsgäste am Montag vor seiner Tür stehen. Die Ickinger SPD-Ortsvorsitzende Beatrice Wagner und Kreisvorsitzender Klaus Barthel haben die höchste Auszeichnung ihrer Partei dabei, die nur langjährige Mitglieder von außerordentlicher Bedeutung erhalten. Als Jakobi erfährt, dass er die selten vergebene Willy-Brandt-Medaille bekommt, ist er zu Tränen gerührt. "Damit hätte ich nicht gerechnet." Schon weil im tiefschwarzen Bayern die Ehrung von roten Genossen eine echte Rarität ist.

Dass Jakobis ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl in der SPD eine politische Heimat fand, habe ausgerechnet mit einer Ohrfeige begonnen, berichtete Wagner aus der Biografie des waschechten Arbeiterkinds aus dem Ruhrgebiet. Es war in der Nachkriegszeit, die Väter malochten unter schlimmsten Bedingungen in den Minen, bis zu 56 Stunden pro Woche. Als sie beim Generalstreik 1948 für ihre Rechte kämpften, ging der 13-Jährige mit. Am nächsten Tag folgte die Quittung des Schuldirektors, der die beteiligten Jugendlichen "wie zu einer Exekution" in einer Reihe aufstellen ließ, um jedem für ihre Solidarität eine brutale Ohrfeige zu verpassen.

1963 trat Jakobi in die SPD ein, in einer Zeit des Aufbruchs, die auch eng mit der Person Willy Brandts verknüpft ist, der für das gebeutelte Industriegebiet kurz davor die Parole ausgegeben hatte "Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden". 1969, Jakobi hatte sich längst vom kleinen Postlehrling zum Elektroingenieur hochgearbeitet, kam er aus beruflichen Gründen nach Icking, wo es damals noch keinen SPD-Ortsverein gab. Er gehörte nur ein Jahr später zu dessen Mitbegründern, der zu seinen Besonderheiten zählt, dass er mit dem "Schaukasten" nicht nur eine eigene Zeitung herausgibt, sondern lange auch ein rühriges Laientheater betrieb. Letzteres machte selbst Willy Brandt neugierig, wovon es ein Beweisfoto der Ickinger Genossen mit ihrem Theaterstand beim Essener Parteitag anno 1984 gibt.

In einer der reichsten Gemeinden Deutschlands sei es Jakobi immer ein Bedürfnis gewesen, sich für die Schwächeren in der Gesellschaft einzusetzen, so Wagner. "Dir war ein Ickinger 'Reichenghetto' immer zuwider, das ist ein ganz typischer Gerd-Ausspruch." Unermüdlich habe er sich nicht nur in seiner 14-jährigen Amtszeit als Gemeinderat um das Wohl der Kommune bemüht. Er brachte sich unter anderem beim Einheimischenmodell, dem Erhalt der Dorfstraßen, der Kostensenkung beim Ausbau der Abwasserkanalisation mit ein. "Ohne den Gerd geht nix", erinnert sich Barthel an viele gemeinsam Wahlkämpfe, und Landtagsabgeordneter Florian von Brunn lässt den "echten Aktivposten" schön grüßen.

Dass der Ickinger Gemeinderat kürzlich fand, Jakobi habe trotz seiner kommunalpolitischen Verdienste keine Ehrenmedaille verdient, ist am 86. Geburtstag des SPD-Urgesteins nur am Rande Thema. "Die SPD ist da weniger knausrig", sagte Wagner trotzig. Und auch Gerd Jakobi kann als stolzer Träger der Brandt-Medaille das Gebaren der Gemeinde mit Humor nehmen. "Diese hier hat schon eine ganz andere Dimension", sagt er.

© SZ vom 03.02.2021
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