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Geschichte und Geschichten:Refugium der Füchsin

Die Künstlerkneipe'Simplizissimus' in München

Die Wirtin im Kreis ihrer Künstler: Kathi Kobus (links) in ihrem "Simpl" in Schwabing während seiner Blütezeit. Im Publikum zu sehen sind auch der Maler Schmutzler und der Kapellmeister Koppe. Oskar Maria Graf beschrieb Kobus als "gewissermaßen gewalttätig prunkend".

(Foto: SZ Photo)

185 Straßen gibt es in Wolfratshausen - nur eine ist einer Frau gewidmet. Kathi Kobus war wild, rau und warmherzig. Vor ziemlich genau 100 Jahren kehrte die Kultwirtin der Loisachstadt den Rücken.

Wer durch den Ort in Richtung Süden spaziert, hüte sich, sie zu übersehen: Wolfratshausens einzige Straße, die einen weiblichen Namen trägt. Von der Beuerberger Straße führt sie zielstrebig den kleinen Berg hinauf, so als hätte sie nur ein einziges Ziel: eine Villa, die wie ein gekentertes Schiff über dem Tal thront. Hier, am Kathi-Kobus-Steig 1, hat einst die Namensgeberin der Straße gewohnt.

Kathi Kobus war eine Gastwirtin. 1903, fünf Jahre, bevor sie die Villa in Wolfratshausen kaufte, eröffnete sie in der Münchner Maxvorstadt den "Simplicissimus". Mit dieser Kneipe wurde die Gastronomin eine Berühmtheit - in München und der ganzen Welt. Was machte die Faszination der Kathi Kobus aus? Wer war sie? Und was führte sie nach Wolfratshausen?

Niklasreuth im Landkreis Miesbach vor rund 150 Jahren: Ein aufgewecktes, rothaariges Mädchen verliebt sie sich in den adeligen Nachbarsjungen Ferdinand und wird von ihm schwanger. Seine Mutter verbietet die Hochzeit, der Vater des Mädchens enterbt es. Die "Kobusfüchsin", so wird sie genannt, flieht nach München. Wenige Monate nach der Geburt stirbt ihr Kind.

Von da an schlägt sich Kathi Kobus viele Jahre als Kellnerin durch. Bis sie, von ihren Stammkunden ermuntert, den Publizisten des Satiremagazins "Simplicissimus", ihre eigene Kneipe aufmacht. Das ist im Jahr 1903. Kobus ist mittlerweile 50 und eine raue Frau. Wer im Simplicissimus pöbelt, den zieht sie persönlich am Kragen auf die Straße. Wie eine "Frauenfigur von Goya" soll sie aussehen, "fett, faltig, fleischig, gewissermaßen gewalttätig prunkend", schreibt der Schriftsteller Oskar Maria Graf. Bevor sie ausgeht, wendet sie Stunden auf, um sich anzukleiden und ihr markantes Gesicht zu schminken. Ihr Verhalten ist listig und berechnend. "Kathi Kobus schenkte niemals jemandem etwas, ohne Gegenleistung zu fordern", schreibt Joachim Ringelnatz in seiner Autobiografie "Als Mariner im Krieg".

Und dennoch: Ihre Kneipe ist der Mittelpunkt der Münchner Boheme. Für eine Suppe oder ein paar Mark lässt Kobus täglich Künstlerinnen und Künstler im Simplicissimus auftreten. Die jungen Kreativen sind auf das Geld angewiesen. Manche, wie ihr Hausdichter Ringelnatz, dürfen so viel Freibier trinken, wie sie wollen. Bis in die Morgenstunden sitzen sie mit Kobus beisammen und begleiteten die alleinstehende Frau zu Ausstellungen und Konzerten.

In der Villa, die Kobus 1908 erwarb, empfing sie berühmte Künstler und betrieb das Café "Kathis Ruh".

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wo sie hingeht, wird die Frau mit dem "Charme ihrer Augen" bewundert, beobachtet Ringelnatz. "Sie wurde überall froh empfangen. Hunderttausende kannten und verehrten sie. Viele beschenkten sie mit Schmuck und anderen wertvollen Dingen, die Maler mit Bildern, von denen manche später wertvoll wurden."

Die Beschreibung Marietta di Monacos in ihrer Autobiografie ist wohl jene, die am meisten erklärt, was Kobus' Anziehungskraft ausmachte:

"Sie sprach nicht viel. Sie wusste wohl, dass sie kein großes Licht an Redegewandtheit war und dass gerade ihre Einfältigkeit die Anhänger im Banne hielt. Sie liebte die Geselligkeit und ließ sich bewundern. Charme hatte sie, viel Wärme im Tonfall ihrer Stimme - weibliche Reife verband sie mit kindlicher Naivität - und dazu sprach sie den bayerischen Dialekt, der allen Gebildeten und besonders bei denen nördlich der Donau so ausnehmend gefällt. Ihr Umgang mit den Gästen und die Art ihrer Begrüßung waren einmalig. Man fühlte sich wohl in ihrer Nähe."

Wolfratshausen, im Jahr 2020: Hinter dem Holzhaus taucht die Villa auf. Wie ein Schiffsrumpf trägt eine Betonmauer den Garten. Knorrige Bäume winden sich darauf. Grünes Moos kriecht empor. Drei Stockwerke ist das Gebäude hoch, ein kleines Dachgeschoss sitzt obendrauf. Das Haus ist längst nicht mehr so, wie es 1908 war. Und doch ähnelt es noch immer dem Charakter seiner ehemaligen Besitzerin. Es ist prunkvoll und rau zugleich, abweisend und kantig. Aber in den Fenstern über der dicken Mauer leuchtet es warm.

Als Kathi Kobus das Münchner Nachtleben zu viel wurde, kaufte sie im Jahr 1908 für 25 000 Reichsmark die Villa westlich der Loisach. Vier Jahre später gab sie den Simplicissimus auf. Sie wollte sich, nicht allzu weit von München entfernt, zur Ruhe setzen. "Kathis Ruh" hieß deshalb das Café in ihrer Wolfratshauser Villa, in dem sie Limonaden und Säfte, Kaffee und Tee anbot.

"Kathi nahm uns Künstler oft mit nach ihrer Villa Kathis Ruh in Wolfratshausen", erinnert sich Ringelnatz. Des nachts sollen oft Autos vor ihrer Einfahrt geparkt haben. Das ist nicht verwunderlich, denn: "Das Alleinsein mied sie wie einen Feind. Kathi hatte Budenangst und bummelte mit ihren Freunden und Gästen bis zum Morgen, Mittag oder Nachmittag des folgenden Tages durch", schrieb Marietta di Monaco über Kobus. Doch hatte die gesellige Gastronomin auch Kontakt zu den Wolfratshausern?

"Nein", vermutet Edgar Frank, der in dem Wolfratshauser Geschichtsbuch "Bürgertum und Boheme" einen Text über Kobus geschrieben hat. "Es gab zwei Welten: Zum einen die Welt der Literatur und der Touristen. Das war oben auf dem Berg. Unten gab es die Einheimischen, sie hatten wenig Kontakt", sagt der Deutschlehrer im Ruhestand. Anfang des 20. Jahrhunderts sind zahlreiche Touristen für Wanderausflüge nach Wolfratshausen gekommen. "Die Wolfratshauser sind nicht so ausgegangen", spekuliert Frank. Wie er zu dieser Annahme kommt? "Na, weil ich die Wolfratshauser kenne!", sagt der 82-Jährige.

Die Straße in Wolfratshausen, in der Kathi Kobus knapp zehn Jahre lang lebte, ist heute nach ihr benannt. Ihr einstiger Wohnsitz trägt die Hausnummer 1.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wie viele Gastronomen vor und nach ihr hatte Kobus nicht allzu viel Glück in Wolfratshausen. Der Krieg kam, die Villa wurde zum Lazarett und Kobus verlor ihr Vermögen. 1919 kehrte sie in den Simplicissimus zurück und arbeitete dort zehn weitere Jahre bis zu ihrem Tod. Noch heute gibt es in München den "Alten Simpl" in der Türkenstraße - wenn auch ohne Künstler. Als Kobus ihre Villa in Wolfratshausen aufgab, soll sie zu Marietta di Monaco gesagt haben: "Ja mei, der Gilardone hat ein Verwundetenheim draus g'macht; aber woaßt, Marietta, ois, wos recht is - mei'n Zaun hat er ma' hundsveigerlblau ogstricha!"

Was würde die berühmte Wirtin wohl heute sagen, wenn sie auf dem Hügel stehen würde? Unten im Tal ist nun Industriegebiet. Der Lärm der Bundesstraße steigt empor. Aber die Bergspitzen sind noch dieselben. Und die Kirche weit weg im Süden. Ganz bestimmt hat die Kobusfüchsin nicht geahnt, dass Wolfrathausens einzige Straße mit einem Frauennamen mal ihr gewidmet würde. Aber da sie Bewunderung liebte, hätte sie sich bestimmt gefreut.

© SZ vom 25.01.2020/aip
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