Abend in der Loisachhalle:Mit Heine und syrischem Rap für die Freiheit

Abend in der Loisachhalle: Zeichen für den Frieden: Bei der Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung halten die Kinder des Schulchors der Realschule Geretsried Peace-Symbole in die Luft.

Zeichen für den Frieden: Bei der Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung halten die Kinder des Schulchors der Realschule Geretsried Peace-Symbole in die Luft.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Beim Gedenken an die Bücherverbrennung in Wolfratshausen zeigen Schüler und in ihren Heimatländern verfolgte Schrifststeller, dass Zensur und Gewaltherrschaft auch aktuelle Themen sind.

Von Veronica Bezold

Andächtig still wird es in der Loisachhalle als Grundschülerin Anna Schurek die zahlreichen Gäste mit "Schlaf, Kindlein, schlaf" auf ihrer Geige begrüßt. Schauspieler und Synchronsprecher Jürgen Jung trägt den zugehörigen Text vor, hat jedoch eine traurige Strophe zu ergänzen. So sei heute nicht mehr nur das "Pommerland", wie es eine traditionelle Version des Kinderlieds erzählt, sondern auch das "Ukrainerland" abgebrannt. Zwar hat das Gedenken an die Bücherverbrennung 1933 im Landkreis mittlerweile Tradition, doch nun scheint es aktueller denn je.

Nach einer corona bedingten Zwangspause kehrte das vom Erinnerungsort Badehaus und dem Historischen Verein Wolfratshausen organisierte Programm vergangenen Dienstag zurück - diesmal mit speziellem Fokus. "Das Besondere an dieser Veranstaltung soll sein, dass wir die jungen Leute miteinbinden, damit der Stab der Erinnerung weitergegeben wird", betont Badehaus-Vorsitzende Sybille Krafft. Man habe eine besondere historische Verantwortung.

Abend in der Loisachhalle: "Ukrainerland ist abgebrannt": Grundschülerin Anna Schurek begrüßt die Gäste mit einem Kinderlied auf der Geige.

"Ukrainerland ist abgebrannt": Grundschülerin Anna Schurek begrüßt die Gäste mit einem Kinderlied auf der Geige.

(Foto: Hartmut Pöstges)

So sehen das auch die Schüler der sechsten Klasse der Realschule Geretsried. "You raise me up, so I can stand on mountains. You raise me up, to walk on stormy seas", singen sie gemeinsam vorm großen Publikum. Zum ersten Mal hätten sie das Lied im YouTube-Video eines ukrainischen Kinderchors gehört. Einige sind in Blau und Gelb gekleidet. Man wolle Verbundenheit mit den ukrainischen Altersgenossen zeigen. Eine von ihnen ist an diesem Abend bereits mitten unter den Schülern: Danina Semenova musste ihr Heimatland aufgrund der russischen Invasion zusammen mit ihrer Mutter Oksana verlassen. In ukrainischer Tracht präsentiert sie ein Volkslied über die Schönheit ihrer Heimat und begleitet sich dabei selbst auf der Bandura, nachdem ihre Mutter auf Ukrainisch aus dem Werk Oksana Sabuschkos vorträgt. Die deutsche Übersetzung übernimmt Jürgen Jung.

Die Ethikschüler der zehnten Klasse der Realschule Wolfratshausen leiten ihren anschließenden Auftritt mit den Worten Erich Kästners ein: "Seit Bücher geschrieben werden, werden Bücher verbrannt." In einer kleinen, aber umso kreativeren Präsentation stellen sie das "Writers-in-Exile-Programm" des PEN Zentrums Deutschland vor. Die Schriftstellervereinigung vergibt, wie Sybille Krafft ergänzt, "lebensrettende Stipendien" an verfolgte Autoren aus aller Welt. Sie ermögliche auch die Arbeit einiger der teilnehmenden Gäste. Es folgen eindrückliche Interviews mit der eritreischen Autorin Yirgalem Fisseha Mebrahtu, die von der grausamen Haft in ihrem Heimatland berichtet, und mit einem Freund des nordkoreanischen Untergrundkünstlers Sun Mu.

Abend in der Loisachhalle: In traditioneller Tracht treten die Ukrainerinnen Oksana Semenova und ihre Tochter Danina, die vor dem Krieg geflüchtet sind, in der Loisachhalle auf, links Landtagsvizepräsident Wolfgang Heubisch.

In traditioneller Tracht treten die Ukrainerinnen Oksana Semenova und ihre Tochter Danina, die vor dem Krieg geflüchtet sind, in der Loisachhalle auf, links Landtagsvizepräsident Wolfgang Heubisch.

(Foto: Hartmut Pöstges)

"Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Dieses Zitat Heinrich Heines habe die Schüler der Mittelschule Wolfratshausen auf die Idee gebracht, den Zuschauern aus von verschiedenen Regimen der Welt geächteten Werken vorzulesen - darunter auch Schriften der anwesenden Autoren. "Das muss man sich in diesem Alter erst einmal trauen", lobt Sybille Krafft den Auftritt. Anschließend erzählt Ayeda Alavie von der extremen Zensurkultur in ihrer Heimat Iran. "Deutsch ist ein sicherer Raum für meine Literatur." In ihrem Herkunftsland würde womöglich gerade einmal ein Viertel ihres vorgestellten Buches "Ein Bild von mir" veröffentlicht werden können.

Überrascht werden die Gäste dann von einem eher unerwarteten Thema: Syrischer Rap. Zwar seien Bedrohungen und Festnahmen von Oppositionellen an der Tagesordnung, dennoch gebe es in Syrien "eine boomende Hip-Hop Kultur", erklärt Sybille Krafft. Aus diesem Grund haben sich angehende Geretsrieder Abiturienten mit Rapper Amer Wakka unterhalten. "Meine Heimat gibt es nicht mehr, sie ist tot", singt der nach Deutschland geflohene Musiker in seiner Muttersprache. Auf die Frage der Schüler, was das Beste an Deutschland sei, antwortet er sofort: "Freiheit!"

Abend in der Loisachhalle: Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu musste aus Eritrea nach Deutschland fliehen.

Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu musste aus Eritrea nach Deutschland fliehen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das Publikum hört noch viele weitere, nicht weniger berührende Geschichten von teils eigens für die Gedenkveranstaltung in Wolfratshausen angereisten Schriftstellern und Medienschaffenden aus Kurdistan, Afghanistan und der Türkei. Der letzte Schülerbeitrag kommt von der Beruflichen Oberschule Bad Tölz. Ein junges Paar sitzt Arm in Arm auf der Couch und schaltet durch für die Zuschauer auf eine Leinwand projizierte Fernsehkanäle. Hin und her geht es zwischen der Tagesschau zum russischen Einmarsch in die Ukraine, Teleshopping, Tatort-Wiederholungen und Beiträgen zur Bücherverbrennung - die beklemmende Banalität des Medienkonsums dargestellt in wenigen Minuten. Für den krönenden Abschluss des Abends sorgt dann die ugandische Dichterin Stella Nyanzi. Nach zweimaliger politischer Gefangenschaft und Folter in ihrer Heimat nahm sie 2018 den Weg über Kenia nach Deutschland auf sich. Den Vortrag ihres Gedichts "Exile" beendet sie so: "Ich verweigere mich eurem Namen des Exilanten, mein Name ist Stella Nyanzi!"

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