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Ein Schreiner aus Schäftlarn:Der Meister-Geselle

Ein Designerstück ist der Campingherd, den Benjamin Supé für seine Gesellenprüfung geschreinert hat. Im Frühjahr könnte er sich für die Weltmeisterschaft qualifizieren. Foto: Hartmut Pöstges

(Foto: Hartmut Pöstges)

Benjamin Supé hat den bayerischen Innungswettbewerb gewonnen und könnte sich für die Weltmeisterschaft in Shanghai qualifizieren

Von Marie Hesslinger

Die Miniaturküche ist ein Designerwerk: Dunkelbraunes Nussbaumholz, eine elegante Schiebetür, hinter der sich die Campingtöpfe verbergen. An der Deckelinnenseite eine Magnetplatte für die Gewürze, außen zwei Fächer für Teller und Holzbesteck - natürlich von Hand gedrechselt. Selbst die Griffe eigenständig entworfen und vom Schmied gefertigt. Reine Materialkosten: Mehr als 1000 Euro. Das ist das Gesellenstück des Schäftlarner Schreiners Benjamin Supé. Im Vergleich dazu wirkt die Brotbox, mit der er die Bayerische Meisterschaft in Garmisch-Partenkirchen als bester Geselle gewann, geradezu blass.

Sechs Stunden hatte er Zeit, das Brotkasterl aus Zirbenholz mit klassischen Holzverbindungen zu schreinern. Glatt und gleichmäßig sollte es werden, leicht zu öffnen, sauber gearbeitet, ohne Schlitze oder Überstände. Am Ende hatte Benjamin Supé noch Zeit, einem seiner fünf Mitbewerber der bayerischen Innungsmeisterschaft zu helfen. "Ich bin eher mit Freude reingegangen", sagt der 20-Jährige, "und mit wenig Ehrgeiz, weil es mir nicht so wichtig war zu gewinnen." Er gewann.

Eigentlich sollte er im November zur Deutschen Meisterschaft antreten. Dazu aber kam es wegen Corona nicht. Der Bundeswettbewerb wurde auf kommendes Frühjahr vertagt. Supé könnte sich dabei für die Weltmeisterschaft in Shanghai qualifizieren, die ebenfalls um ein Jahr aufgeschoben wurde. Verrückt wirkt diese Aussicht auf einen Schreiner-Weltmeistertitel, wenn man sich überlegt, dass das Leben des Schäftlarners vor vier Jahren beinahe einen ganz anderen Verlauf genommen hätte.

Vor vier Jahren ging der damals 16-Jährige nach seiner Mittleren Reife an der Montessorischule in Starnberg für eine Woche probeweise an die weiterführende Schule in Freimann. "Dann hab ich gemerkt, dass es nicht die Erfüllung oder den Spaß bringt", sagt Supé heute, die Stimme knabenhaft, ein Lederkettchen unterm T-Shirt, die blonden Haare zu einem Dutt im Nacken verzwirbelt. Er sitzt im kleinen Büro- und Küchenraum der Schreinerei Steiger und Lankes in Hohenschäftlarn, wo er nun arbeitet. "Dann hab' ich beschlossen, dass ich das ausprobieren möchte", sagt er. Statt ans Gymnasium zu gehen, absolvierte er ein Jahr lang Praktika bei Handwerksbetrieben. Und kehrte dahin zurück, wo er offenbar hingehörte.

Benjamin war ein Kindergartenkind, als ihm sein Großvater eine kleine Werkbank baute, mit Schraubstock und dicker Eichenplatte. Er war sieben, als seine Eltern begannen, eigenhändig ihr Haus zu bauen, die Mutter Architektin, der Vater Maschinenschlosser. Und er war zwölf, als er sich eine Drechselbank wünschte - und seine Leidenschaft entdeckte.

Supé erinnert sich, wie er damals die großen Holzschalen bestaunte, die eine Künstlerin auf einem Handwerksmarkt ausstellte. "Ich wünsch' mir auch eine Drechselbank", habe er zu seiner Mutter gesagt. Wenige Wochen darauf stand eine unter dem Weihnachtsbaum.

Schmuckschatullen und Salatschalen, Würfelbecher und Flaschenöffner fertigte Supé bald damit an. In seinem freien Jahr nach der Schule verkaufte er sie auf einem Weihnachtsmarkt. "Oft können Christkindlmärkte ein bisschen kitschig sein", sagt Supé. "Da ging es dann eher um das Handwerkliche, das fand ich ganz schön." Und dann beginnt er von seinem Hobby, dem Drechseln, zu erzählen.

Er holt einen Stift, ein Blatt Papier, malt einen Baumstamm mit Ringen, dazu Schalen, die darin liegen könnten. Er erzählt, wie er gefällte Stämme von Nachbarn und Bekannten bekam, wie er Rohlinge aussägte, die ein Jahr trocknen müssen. "Wenn diese Spannung verloren gegangen ist, weil die Feuchtigkeit raus ist, dann kann man sie fertig bearbeiten." In seinem freien Jahr bekam er erstmals sogar einen ganzen Baum - die Linde seiner früheren Schule.

Von seiner Schule scheint er vieles mitgenommen zu haben, mehr noch als eine Linde. "Da kommt ihm schon der Schultyp zugute, wo der Schwerpunkt ist, in Zusammenhängen zu denken", lobt sein Chef Christian Lankes Supés Arbeitsstil. Außerdem merke man, dass der Junge schon in einem "goldenen Alter" mit dem Schreinern begonnen habe.

Jedes Jahr waren von der Montessorischule aus Praktika vorgesehen. Jedes Jahr absolvierte Supé sie in Sven Jankes Schreinerei nahe dem Kloster Schäftlarn. Und einmal auch bei Steiger und Lankes, wo er dann vor zwei Jahren als Lehrling aufgenommen und nun, nach seiner Gesellenprüfung, als Mitarbeiter übernommen wurde.

In ein paar Jahren aber will Supé die Ausbildung zum Meister beginnen. "Damit ich mich selbständig machen kann in Zukunft", sagt er. "Ich hab doch sehr viele eigene Ideen." Eine davon: die mobile Campingküche weiterentwickeln, damit sie robuster werde.

Ausprobiert hat Benjamin Supé sie gleich am Tag nach der Abgabe der Gesellenprüfung. Im umgebauten Feuerwehrbus fuhr er mit seiner Freundin zum Klettern in die Berge. Abends kochten sie auf einem Parkplatz im Wald Spaghetti mit Gemüsesoße. "Und am nächsten Morgen gab es einen frischen Kaffee." Aufregend sei das gewesen. "Da ist man sofort nervös und putzt vor sich hin, weil man nicht will, dass es Flecken gibt."

© SZ vom 21.11.2020

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