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Edmund Stoiber:"Geretsried war neu und anders"

Historische Fotos für Jubiläum 40 Jahre Lokalausgabe - hier Edmund Stoiber bei Gründung JU 1977

Edmund Stoiber (2.v.r.) 1977 als Kreisvorsitzender der JU in Königsdorf mit (v.l.n.r.) Franz Grasberger, Konrad Hutter, Georg Stöger und Veronika Mayer.

(Foto: Repro: Claudia Koestler)

Der frühere bayerische Ministerpräsident hat in den Siebzigerjahren in der Egerlandstraße gewohnt. Die Aufgeschlossenheit für Veränderungen hält er für eine der großen Qualitäten der einstigen Vertriebenenstadt.

Von Benjamin Engel

Der frühere bayerische Ministerpräsident und CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber hat seine politische Karriere im heutigen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen begonnen. 1972 wurde er dort Kreisvorsitzender der Jungen Union. Zwei Jahre später zog er im Alter von 33 Jahren erstmals in den Landtag ein. Bis heute ist er Mitglied im CSU-Ortsverband in Geretsried. Zwischen 1973 und 1978 wohnte er dort in der Egerlandstraße 100. Im Jubiläumsjahr der Gemeinde- und Stadterhebung erinnert er sich im Gespräch daran, wie ihn seine Geretsrieder Jahre geprägt haben.

SZ: Herr Stoiber, mit Ihren Eltern sind Sie als junger Mann 1961 zunächst von Oberaudorf in den Wolfratshauser Ortsteil Waldram gezogen. Was waren denn Ihre ersten Erfahrungen mit Geretsried?

Edmund Stoiber: Schon Ende der Fünfzigerjahre hat mir mein Vater erzählt, dass er sehr positiv beeindruckt war, als er zum ersten Mal in die Vertriebenengemeinde Geretsried zwischen Wolfratshausen und Bad Tölz kam. Er war in der Baubranche tätig und hat dort wohl Baugrundstücke gesucht. Was mir selbst als Erstes an Geretsried auffiel, war der Unterschied zu meiner Heimatgemeinde Oberaudorf, die ja im klassischen, katholisch geprägten Oberbayern im Inntal liegt. Geretsried war neu und anders. Ich habe mich dann viel mit der Geschichte des Orts beschäftigt, zum Beispiel auch mit den Munitionsfabriken im Wolfratshauser Wald.

Gerade der Karl-Lederer-Platz verändert sich in jüngster Zeit sehr. Ein neuer, siebengeschossiger Geschäftsbau ist entstanden. Das Sparkassengebäude aus den Sechzigerjahren ist abgerissen worden. Wie sehen Sie diese Veränderungen?

Die Geretsrieder sind nach meinem Eindruck aufgeschlossen für Veränderungen. Geretsried ist unter schwierigsten Umständen praktisch aus dem Nichts entstanden. Die Gemeinde hat keine jahrhundertealte Tradition und Geschichte wie die meisten anderen Gemeinden im Umkreis. Womöglich sind die Geretsrieder deswegen schneller bereit, etwas Neues an die Stelle zu setzen.

Egerlandstraße 100 (1981)

In diesem Haus an der Egerlandstraße hat zwischen 1973 und 1978 der frühere Ministerpräsident Edmund Stoiber gewohnt. Inzwischen ist auf dem Grundstück neu gebaut worden.

(Foto: Privat/oh)

Der Kontrast zu Oberaudorf - auch in wirtschaftlicher Hinsicht - könnte nicht größer sein.

Geretsried ist geprägt durch die Heterogenität der Kulturen von Heimatvertriebenen aus den östlichen Gebieten des früheren Deutschen Reichs. Es war ja eine ganz neue Gemeinde, die vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg gekennzeichnet war. Ich habe großen Respekt vor der Integrationsleistung der Geretsrieder. Dort hat sich eine Industriegesellschaft gebildet. Wo finden Sie so etwas schon in einer oberbayerischen Gemeinde? Die Bewohner haben ihre Erfahrungen von zu Hause mitgebracht und enormes Geschick in Handel, Handwerk und Gewerbe bewiesen. Hier wurde aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs eine prosperierende, dynamische Gemeinde geschaffen.

Sie haben in München Jura studiert und dort auch gelebt. Weshalb sind Sie von dort nach Geretsried gezogen?

Als Student habe ich 1963 für die Bank für Gemeinwirtschaft am Karl-Lederer-Platz gearbeitet. In der Bank habe ich auch meine Frau kennengelernt, die mich dort quasi eingestellt hat. Bis 1973 haben wir in München gewohnt. Dass ich nach Geretsried gekommen bin, war im Prinzip der Politik geschuldet. Denn der damalige Landkreis Wolfratshausen war meine politische Heimat. Eine Wohnung oder ein Haus dort zu finden, das zu vertretbaren Preisen zu mieten ist, war schon damals sehr schwer. Aus vielen Begegnungen mit den Organisationen in Geretsried kannte ich auch Erwin Zinnecker, den Gesellschafter von Speck-Pumpen. Er hat in der Egerlandstraße 102 gewohnt und mich auf das kleine Haus daneben aufmerksam gemacht, das leer stand. In der Egerlandstraße 100 habe ich dann mit meiner Familie bis 1978 gewohnt. (Seitdem ist Edmund Stoiber in Wolfratshausen ansässig; Anm. d. Red.)

Die Egerlandstraße ist eine der drei Zentrumsstraßen von Geretsried. Wie hat sie sich denn über die Jahrzehnte verändert?

Prägend waren die Sozialwohnungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren und jetzt deren Abriss. Es gab die Metzgerei Hecht, die Bäckerei Schmid, Elektro Friedl und viele kleine Einzelhandelsgeschäfte, die heute noch bestehen. Das hat sich schon ein Stück weit verändert. Das Isar-Kaufhaus hat städtisches Flair in die Egerlandstraße gebracht. Jetzt entsteht ein neues Bild. Aber es bleiben auch kleine Läden wie das Fahrradgeschäft, Lokale und Second-Hand-Geschäfte. Es wird noch moderner. Geretsried ist eine sehr vielfältige Stadt mitten in Bayern. Die Geretsrieder sind zurecht stolz darauf, was sie geschaffen haben.

Beim Blick zurück drängt sich aber der Eindruck auf, dass sich die Geretsrieder lange ein wenig zurückgesetzt gefühlt haben.

1974, als ich erstmals für den Landtag kandidiert habe, bestand mein Stimmkreis aus Miesbach und dem Altlandkreis Wolfratshausen. Damals wollte der Geretsrieder CSU-Ortsvorsitzende Helmut Gänßbauer, dass es auch einmal ein Vertreter von hier in den Landtag schafft. Er ist mit unglaublicher Dynamik an die Sache herangegangen. Aber es war damals nicht einfach, einen gestandenen Miesbacher davon zu überzeugen, einen Geretsrieder zu wählen, auch wenn ich Bairisch sprach und in der Nähe von Miesbach geboren wurde. Da schwang dennoch etwas Skepsis mit. Aber das ist längst Vergangenheit. Auf die Stadt wird heute überall mit Respekt geblickt.

Aus der Außenperspektive gilt Geretsried nicht gerade als besonders pittoresk. Gibt es für Sie trotzdem Lieblingsorte in der Stadt?

Meine Lieblingsecke ist der Karl-Lederer-Platz. Das war immer mein erster Blick, wenn ich in den Ort gekommen bin. Die Großzügigkeit des Platzes. Dort habe ich in der Bank gearbeitet. Beim Tobisch habe ich Wurstsemmeln für die Pause gekauft. Ich mag die Weitläufigkeit der Stadt im Grünen mit der lang gezogenen Egerlandstraße, der Isar.

Sie leben nun schon so lange in der Nachbarkommune Wolfratshausen. Was verbinden Sie heute noch mit der Stadt Geretsried?

Ich habe vielfältige Bezugspunkte und Kontakte, bis heute. Der Dritte Bürgermeister Gerhard Meinl, den ich aus seinen Zeiten als junger Vorsitzender der Jungen Union Bad Tölz-Wolfratshausen kenne, ist ein enger Freund. Mein Lebensmittelpunkt ist Wolfratshausen, aber Geretsried gehört irgendwie dazu.

© SZ vom 09.05.2020

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