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Dietramszeller Geschichte:Schwieriger Kopf

Entfernung der Hindenburg-Büste

Martin Stiefel (links) und Wolfram Kastner 2014 beim Entfernen der umstrittenen Hindenburg-Bronze.

(Foto: Manfred Neubauer)

Jahrelang wusste die Gemeinde nicht, wie sie mit einer Hindenburg-Büste umgehen soll. Mit einem prominent besetzten Historiker-Symposium soll Ende November nun Frieden in die hitzige Debatte einkehren

Es hat einige Jahre gedauert, bis Dietramszell einen Weg gefunden hatte, wie die Gemeinde mit der Causa Hindenburg umgehen soll. Man wolle sich nicht unter Druck setzen lasse und eine gründliche Lösung finden, das hatte Bürgermeisterin Leni Gröbmaier stets betont. Eine solche scheint nun gefunden: Im März wurde im Gemeinderat ein Konzept für einen "Geschichtspfad" auf der Angerwiese vorgestellt, der auf acht bis zehn Stationen über verschiedene Themen der Ortsgeschichte informieren soll. Vorgesehen ist dabei auch eine "Hindenburg-Station" mit einer dreiseitigen Infotafel über den umstrittenen Generalfeldmarschall, der in Dietramszell zehn Jahre lang seine Jagdurlaube verbracht hat.

Auch ein Termin für die lange angekündigte Informationsveranstaltung steht nun fest: Am 30. November wird es im Gasthof Peiß von 14 bis 18 Uhr ein hochrangig besetztes Symposium mit dem Titel "Dietramszell und Hindenburg im Wandel der Zeit" geben. Die Veranstaltung steht allen interessierten Bürgern offen und ist kostenlos. Den Hauptvortrag "Der politische Lebensweg Hindenburgs" hält der renommierte Historiker Wolfram Pyta, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart. Pyta ist ausgewiesener Fachmann für die Weimarer Republik und die NS-Zeit. "Wir hätten keinen besseren Referenten finden können", freut sich Bürgermeisterin Gröbmaier. Der Historiker Michael Holzmann, Mitglied im gemeindlichen "Arbeitskreis Geschichte" und Organisator des Symposiums, beschreibt in seinem Vortrag "Dietramzell und Hindenburg - ein vielschichtiges Verhältnis" die Rahmenbedingungen, die zum Erstarken der NSDAP in der Gemeinde geführt haben.

Einen größeren Radius nimmt Susanne Meinl in den Blick. Die freie Historikerin aus Ascholding referiert zum Thema "Die Ausbreitung der NSDAP im Oberland, von München bis zum Tegernsee". In Bezug auf die Hindenburg-Büste dürfte besonders der Vortrag von Thomas Schlemmer interessant sein. Der Historiker vom Institut für Zeitgeschichte in München spricht über den Umgang mit Hinterlassenschaften aus der NS-Zeit am Beispiel des Oberland-Denkmals in Schliersee. Moderiert wird das Symposium vom ehemaligen Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Hermann Rumschöttel.

Die Vorträge sollen "Emotionen glätten" und zu einer Versachlichung der Diskussion führen, sagt Holzmann. Die im Jahr 2007 erschienene Hindenburg-Biografie von Wolfram Pyta führte in vielen Städten und Gemeinden zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der historischen Person Hindenburg - auch in Dietramszell. Die Ehrenbürgerwürde hat der Gemeinderat Adolf Hitler und Paul von Hindenburg im Dezember 2013 allerdings erst im zweiten Anlauf und nach einer Welle internationaler Proteste aberkannt.

Die unentschlossene Haltung der Gemeinde im Hinblick auf die Hindenburg-Bronze an der Klostermauer veranlasste Wolfram Kastner 2014 zu einer Aktion, die für heftige Diskussionen in der Bürgerschaft sorgte: Der Münchner Aktionskünstler schraubte die Büste ab, die seitdem im Keller der Familie von Schilcher lagert, die Hindenburg als Gast beherbergt hatte. Damit waren Überlegung, eine Informationstafel an der Büste anzubringen, obsolet. Was also tun? Ein Heimatmuseum gibt es nicht in Dietramszell, das Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg winkte im Frühjahr 2017 ab. Und auch das Deutsche Historische Museum in Berlin hatte kein Interesse an der Bronze.

An der Hindenburg-Station des neuen Geschichtspfads soll die Bronze nach Ansicht der Gemeinde nicht angebracht werden. Vom Symposium erhofft man sich nun Impulse für eine Lösung und Anregungen für die Gestaltung des Geschichtspfads, der im Rahmen der Dorferneuerung geplant ist. Das Konzept wurde im März vom Gemeinderat wohlwollend aufgenommen, allerdings noch nicht beschlossen. Denn noch steht eine Förderzusage aus. Im Frühjahr soll eine Abteilung "Geschichte" unter dem Dach des Kulturvereins etabliert werden, die mit der Ausarbeitung der Stationen befasst wird. Holzmann hofft, dass der Geschichtspfad in zwei bis drei Jahren eröffnet werden kann.

Mehr zum Symposium unter www.dietramszell.de

© SZ vom 14.11.2019
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