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Burschenverein:Bis die Ehe sie scheidet

Der Münsinger Burschenverein feiert sein 110-jähriges Bestehen. Die Mitglieder pflegen Traditionen wie das Maibaumaufstellen und organisieren gemeinsam Feste. Wer heiratet, muss aber austreten

Von Benjamin Engel

110 Jahre Burschenverein Münsing

Der Münsinger Burschenverein hat heute 132 Mitglieder. Seit 1975 dürfen auch Frauen mitmachen. Wer heiratet, muss ausscheiden.

(Foto: Burschenverein Münsing/privat)

Nur 1,40 auf 1,40 Meter misst das Vereinsstück. Doch allein 80 Stunden hat es gedauert, die filigrane Kreation aufzufrischen. In reines Zahlenwerk lässt sich der ideelle Wert der Fahne für den vor 110 Jahren gegründeten Münsinger Burschenverein aber kaum fassen. Die bis heute erhaltene Fahne von 1913 symbolisiert das Gemeinschaftsgefühl der Mitglieder. Auf der Vorderseite reichen sich zwei Münsinger Burschen auf dem Kammerloh die Hand - im Hintergrund ihr Dorf mit Kirche, Bergen und Starnberger See. Die Szenerie umkränzt filigran gesticktes Eichenlaub. Auf der Rückseite ist die Heilige Maria im Rosenkranz zu sehen.

110 Jahre Burschenverein Münsing

Aufwendige Stickereien zieren die Fahne des Münsinger Burschenvereins von 1913. Zum 110-jährigen Bestehen wurde das Tuch restauriert.

(Foto: Burschenverein Münsing/privat)

Zur viertägigen Feier - Donnerstag, 31. Mai, bis Sonntag, 3. Juni - anlässlich der Gründung vor 110 Jahren hat der Verein das reich bestickte Tuch aufwendig restaurieren lassen. Bei einem Festgottesdienst im Schwarzgarten im Südosten von Münsing soll die Fahne nachträglich nochmals geweiht werden (Sonntag, 3. Juni, 10 Uhr). Zum Festzug am selben Tag erwartet der Münsinger Burschenverein rund 2000 Teilnehmer. Mitglieder von mehr als 60 Vereinen werden durch den Ort ziehen. Münsinger Dorfvereine präsentieren ihre Festwägen mit charakteristischen Motiven. Die Musikkapelle Münsing stellt beispielsweise eine Lyra dar. Zu den Gästen mit der weitesten Anreise zählt etwa der Burschenverein Kinding aus dem Raum Eichstätt. Aus Brannenburg im Inntal kommt eine Dirndlschaft. Damit wird ein Zusammenschluss von jungen Frauen aus einem Ort bezeichnet.

In Bayern organisierten sich erste Burschenvereine schon im 19. Jahrhundert. Damals schlossen sich darin die jungen, ledigen Männer aus den Dörfern zusammen. Sie organisierten Feiern wie zu Johanni oder Tanzveranstaltungen. Das wollte sich auch die katholische Kirche zunutze machen, um die jungen Burschen in ihrem Sinne zu beeinflussen. 1903 gründeten drei Geistliche den Dachverband der "Katholischen Burschenvereine des Königreichs Bayern". Im September 1908 schlossen sich in Münsing 33 junge Männer zum "Katholischen Burschenverein Einigkeit Münsing" zusammen. Zu den Mitgründern zählte der damalige Ortspfarrer Ludwig Zipperer.

Während der Nazi-Diktatur musste sich der Burschenverein im Mai 1936 auflösen. Erst fast elf Jahre später - am 24. Januar 1947 - gründete sich der Verein nach dem Zweiten Weltkrieg wieder neu. Zu Beginn gab es 28 Mitglieder.

Schon zu Ostern 1947 spielte der Verein auch wieder Theater - und nahm damit eine alte Tradition auf. Denn schon 1910 hatten Mitglieder zwei Jahre nach Gründung des Vereins erstmals ein Theaterstück aufgeführt. Die Vorstellungen sind bis heute unter den Münsingern beliebt. Derzeit tritt die Theatergruppe unter Regie von Ulrike Schwabl dreimal an Ostern und am darauffolgenden Wochenende auf. Heute zählt der Münsinger Burschenverein 132 Mitglieder. Knapp die Hälfte sind laut dem Vorsitzenden Johannes Schmid mittlerweile Frauen. Die Mitgliedschaft erkämpften sie sich in den 1970er-Jahren. Im Februar 1975 entschied eine eigens einberufene Generalversammlung nach lebhafter Diskussion junge Frauen zuzulassen. 28 weibliche Mitglieder konnten noch an demselben Abend dem Verein beitreten. Die Bezeichnung Burschenverein wurde trotzdem beibehalten.

110 Jahre Burschenverein Münsing

Die historische Fotografie zeigt die Mitglieder fast auf den Tag genau vor 105 Jahren. Mit der Fahne haben sie sich für die Aufnahme gruppiert.

(Foto: Burschenverein Münsing/privat)

Mitglied kann bis heute nur sein, wer unverheiratet ist. Mit der Ehe muss jeder ausscheiden.

Für Vorstandsmitglied Andreas Bartl ist vor allem das Gemeinschaftsgefühl im Verein entscheidend. "Der Zusammenhalt ist wichtig", sagt er. "Zusammen etwas zu organisieren". Gelegenheit gibt es reichlich. Die Theateraufführungen zu Ostern oder die jährliche Johannifeier am Kammerloh zählen zu den Traditionsveranstaltungen wie Weinfest und Oldtimer-Treffen oder der Seniorenfasching.

Nur bei einer Sache hört die Einigkeit der jungen Leute im Dorf auf - dem Maibaumaufstellen. Denn Münsing hat zwei Exemplare, eines im Westen ("Weschn") beim Gasthof Altwirt, das andere im Osten ("Ouschn") vor dem Gasthof Limm. Das geht auf die beiden Ortsteile zurück, aus denen der heutige Ort zusammengewachsen ist. Zum Maibaumaufstellen gibt es daher zwei getrennte Burschenschaften.

Kaum Schlimmeres kann einem Burschenverein passieren, als dass der Maibaum noch vor dem Aufstellen gestohlen wird. Das geklaute Exemplar muss traditionsgemäß mit einer spendierten Brotzeit ausgelöst werden. Laut dem Münsinger Vereinsvorsitzenden Johannes Schmid ist ein Klau in seinem Ort noch nie gelungen. Dafür seien die Münsinger vor vier Jahren in Bachhauserwies - einem Ortsteil der Nachbargemeinde Berg (Landkreis Starnberg) - erfolgreich gewesen, sagt er. Umso akribischer versucht jeder Verein, sein Exemplar vor dem Aufstellen zu bewachen. Im Berger Ortsteil Allmannshausen hat die Burschenschaft heuer ein eigenes Fort zum Schutz gebaut. Dessen Mitglieder haben sogar einen Wachturm plus Glocke gezimmert.

Im Münsinger Burschenverein helfen zu den Festtagen Vorstand und Mitglieder zusammen. Zur Feier haben die Organisatoren einen Trailer gedreht. Schon 141 000 Aufrufe hat das 44 Sekunden lange Video mit dem Titel "Du bist ned du, wennst an Durscht host!" auf der Vereins-Facebookseite. Der Münsinger Schauspieler Christian Tramitz hat Textpassagen aus dem Off eingesprochen.

Das vielfältige Programm reicht vom Wiagsoagschneidn - Zweierteams versuchen mit der großen Wiegesäge möglichst schnell eine Scheibe von einem Baumstamm abzuschneiden - bis zum Auftritt der Gruppierung "3 Männer nur mit Gitarre". Unter diesem Namen haben sich die bayerischen Liedermacher und Kabarettisten Keller Steff, Roland Hefter und Michi Dietmayr zusammengeschlossen. Höhepunkt ist der Abschlusssonntag mit Fahnenweihe und Festzug. Währenddessen müssen die Teilnehmer zweimal die Hauptstraße überqueren, weswegen laut Vorsitzendem Schmid zweimal der Verkehr kurz angehalten werden muss.

Das Festprogramm

Das erste Fass Bier wird auf dem viertägigen Burschenfest im Zelt beim Sportgelände am Hartleweg am Donnerstag, 31. Mai, um 18 Uhr angezapft. Dann herrscht Wettkampfatmosphäre. Zum Wiagsoagschneidn messen sich Zweierteams darin, wer mit der großen Säge am schnellsten eine Scheibe von einem Baumstamm abtrennt. Es spielt die Musikkapelle Münsing.

Das Börsenfieber steigt am Freitag, 1. Juni, im Festzelt (Beginn: 20 Uhr). Die Getränkepreise orientieren sich an der Nachfrage. Auf einer Video-Leinwand können die Besucher die laufend neu berechneten Preise sehen - und darauf reagieren.

"3 Männer nur mit Gitarre" heißt das Motto schließlich am Samstag, 2. Juni. Unter diesem Namen treten die bayerischen Liedermacher und Kabarettisten Keller Steff, Roland Hefter und Michi Dietmayr auf. Auf die Bühne kommen die Musiker um 20 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf über München Ticket, im Münsinger Getränkemarkt und an der Abendkasse, solange der Vorrat reicht.

Höhepunkt der Feier ist Sonntag, 3. Juni. Gegen 8 Uhr morgens empfangen die Münsinger Burschen und Madln die eingeladenen Vereine am Festzelt. Gegen 9.15 Uhr formiert sich der Kirchenzug. Die rund 2000 Teilnehmer ziehen über den Hauserweg und die Grondlergasse zum sogenannten Schwarzgarten im Südosten von Münsing. Dort beginnt gegen 10 Uhr ein Festgottesdienst im Freien. Die 105 Jahre alte Münsinger Vereinsfahne wird nach der Restaurierung geweiht. Anschließend gehen die Gäste beim Festzug durch das Dorf über die Bachgasse zum großen Zelt am Sportgelände zurück. Gegen 13 Uhr kommt es zum Fahneneinzug.

© SZ vom 30.05.2018

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