SZ-Kulturpreis Tassilo:Gemeinsam Großes geschaffen

SZ-Kulturpreis Tassilo: Höhepunkt nach vier Jahren Arbeit: Die Aufführung der "West Side Story" in der Turnhalle des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums.

Höhepunkt nach vier Jahren Arbeit: Die Aufführung der "West Side Story" in der Turnhalle des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums.

(Foto: Manfred Neubauer)

Mit der "West Side Story" haben Schüler und Lehrer des Tölzer Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums und der Musikschule als Team ein unvergessliches Musical-Ereignis auf die Beine gestellt und sich so für den Tassilopreis nominiert.

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Der letzte Vorhang ist am Vorabend gefallen, die Scheinwerfer werden heruntergefahren, Gerüste abgebaut, die riesigen Lautsprecher weggerollt. Viele Schülerinnen und Schüler sind eifrig beschäftigt, packen hier und dort mit an, um die Turnhalle des Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums, die an sechs Abenden als Theatersaal für das Musical "West Side Story" diente, wieder zu einem Funktionsraum zu machen. "Das Loch, in das wir alle fallen, kommt noch", sagt Susanne Molendo, Mathe- und Sportlehrerin, die für die Choreografie zuständig war.

Vier Jahre Arbeit, Unterbrechungen und ein kompletter Neustart 2021 wegen Corona, 200 Mitwirkende auf und hinter der Bühne - ein Mammutprojekt aus Theater, Musik, Tanz und Akrobatik, mit aufwendiger Licht- und Tontechnik und sechs ausverkauften Vorstellungen mit je 600 Zuschauern. "Das war eine unglaubliche Stimmung", sagt Molendo, die wie ihre Teamkollegen nach den umjubelten Aufführungen noch ganz beseelt ist.

Die Kleinen aus der sechsten Jahrgangsstufe zusammen mit den Oberstuflern, Ehemalige, die schon ihr Abi in der Tasche haben, aber Studien- oder Auslandspläne verschoben, um bei der West Side Story dabei sein zu können. Tölzer Profimusiker, die neben begabten Schülern im 50-köpfigen Orchester gespielt haben, Externe und Eltern, die bei der Technik oder den Kostümen geholfen haben. Die West Side Story ist das bislang größte Projekt, das das Tölzer Gymnasium zusammen mit der Musikschule auf die Beine gestellt hat. Ein generationsübergreifendes Projekt, das über den schulischen Rahmen hinausreichte und für die Stadt eine Bereicherung war.

Das war auch schon bei den früheren Gemeinschaftsprojekten so, nicht zuletzt wegen der professionellen Umsetzung: Bei "Anatevka", das 2017 den Beginn der fruchtbaren Kooperation markierte, beim "Hexenmeister" im Jahr darauf oder bei "Krabat" 2019. Sie haben gezeigt, dass Schule viel mehr sein kann als die Vermittlung von Wissen. Keimzelle waren die Wahlkurse an beiden Schulen: Tanz, Theater, Akrobatik, Orchester, der Kurs "Musiktheater" an der Musikschule.

SZ-Kulturpreis Tassilo: Gemeinschaftsleistung auch beim Abbau (von links): Eva Emmler, Christina Strobel, Susanne Molendo, Elisabeth Artmeier-Mogl, Stefanie Regus und Sarah Tompson.

Gemeinschaftsleistung auch beim Abbau (von links): Eva Emmler, Christina Strobel, Susanne Molendo, Elisabeth Artmeier-Mogl, Stefanie Regus und Sarah Tompson.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die Inszenierungen standen unter der Gesamtleitung von Lehrerin Eva Emmler und Musikschulleiter Harald Roßberger, der auch für die musikalische Leitung zuständig war. Auch Choreografin Susanne Molendo war von Anfang an dabei, ebenso Elisabeth Artmeier-Mogl (Regie), Stefanie Regus und Christina Strobel (Regieassistenz). Zum zehnköpfigen Team aus Lehrkräften von Gymnasium und Musikschule gehören außerdem Sarah Thompson (Dramaturgie), Markus Eberhard (Dialogregie), Katharina Kleehaupt und Christian Penzholz (Akrobatik). Ohne deren Engagement außerhalb des normalen Unterrichts, ohne die Fähigkeit, junge Menschen für Theater und Musik zu begeistern, sie zu ermutigen und über Jahre bei der Stange zu halten, wären diese beeindruckende Ergebnisse nicht möglich.

Die West Side Story sei die Königin unter den Musicals, sagt Artmeier-Mogl. Und weil man bei den vorherigen Produktionen gut zusammengearbeitet habe, sei die Idee aufgekommen, sich zum 100-jährigen Jubiläum des Tölzer Gymnasiums an das anspruchsvolle Musical von Leonard Bernstein zu wagen. Es gab ein Casting für die doppelt besetzten Gesangsrollen, bei dem die Bewerber ein "Pflichtstück" ihrer Figur vorsingen mussten. Dass es ein Casting gegeben habe, sei im Team nicht "unumstritten gewesen", erzählt Dramaturgin Sarah Thompson. Aber die West Side Story sei "ein Marathon", der den Darstellern einiges abverlangt habe. Bei allem Anspruch an das Niveau sei es immer auch um den pädagogischen Auftrag gegangen: Jeder, der will, kann mitmachen.

Und es wollten viele, auch die Kleinen aus der Fünften und Sechsten, die noch keine Rollen übernehmen durften. So wurde eigens eine "Komparserie-Gruppe" gebildet, die für Auf - und Abbau der Kulissen zuständig war und die sich als unverzichtbar erwiesen habe. Abgewiesen wurde niemand, für jeden und jede fand sich eine passende Aufgabe. Die Schüler hätten das Stück intensiv erarbeitet, sagt Artmeier-Mogl, und alle hätten sich die Verfilmung der West Side Story von Steven Spielberg angeschaut, die im Dezember 2021 in den Kinos lief.

Bei Workshops habe man den jungen Leuten das schauspielerische und gesangliche "Grundhandwerk" beigebracht und vermittelt, wie man Ängste überwinden kann. Auch die Schüler selbst hätten sich mit viel Fantasie bei der Inszenierung eingebracht. Viele Stunden, Tage und Wochenenden haben die junge Leute mit ihren Lehrern bei den Proben verbracht. Dabei seien neue Freundschaften entstanden. "Die verschiedenen Sparten sind zusammengewachsen wie eine Familie", sagt Molendo. Und die Schüler seien über sich hinausgewachsen.

SZ-Kulturpreis Tassilo: Musikschulleiter Harald Roßberger, Eva Emmler (Gymnasium) und Sarah Thompson (von links) mit Kostümen und Plakaten.

Musikschulleiter Harald Roßberger, Eva Emmler (Gymnasium) und Sarah Thompson (von links) mit Kostümen und Plakaten.

(Foto: Manfred Neubauer)

Wenn 15-jährige Buben plötzlich begeistert singen und tanzen, wenn durch die Flure des Gymnasiums der "Officer-Krupke"-Song gepfiffen wird und Jugendliche Jazzmusik oder Mambo für sich entdecken, dann sei das eine große Freude. Bei einer der Aufführungen habe es einmal einen Systemabsturz gegeben, erzählt Molendo, das Licht sei kurz ausgefallen. "Und alle haben im Dunkeln einfach ruhig weiter getanzt".

Nicht aufgeben, auch wenn es mal schwierig wird, Selbstvertrauen, Zusammenhalt - "das lernen Sie nicht im Mathe-Unterricht", sagt Artmeier-Mogl. Die West Side Story soll nicht die letzte Kooperation bleiben, finden die Lehrer. "Es geht nicht darum, noch größer, noch toller zu werden", sagt Molendo. Aber auch nachfolgende Schülergenerationen hätten es verdient, diese bereichernden Erfahrungen zu machen.

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