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Verena Heubuch erhält Kulturpreis:Digitalisierung als fesselnde Geschichte

"Meine Arbeit war eben scheinbar wieder gut", sagt die Uni-Absolventin Verena Heubuch bescheiden über ihren Erfolg.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Benediktbeurerin Verena Heubuch erhält den Kulturpreis Bayern in der Sparte Wissenschaft - und das bereits zum zweiten Mal.

Verena Heubuch ist gerade auf dem Weg zurück von einer Dienstreise, als das Handy klingelt. Es ist ihr Professor, völlig aufgelöst: Sie habe den Kulturpreis Bayern für ihre Masterarbeit zu digitalen Veränderungsprozessen in Unternehmen gewonnen.

Die 28-jährige Absolventin der Hochschule München erhält den Kulturpreis in der Sparte Wissenschaft nun schon zum zweiten Mal. Erst 2013 wurde sie für ihre biotechnologische Diplomarbeit ausgezeichnet. Dass sie dieses Jahr wieder gewonnen hat, ist der jungen Frau fast schon ein bisschen unangenehm. Bescheiden sagt sie dazu: "Meine Arbeit war eben scheinbar wieder gut".

Heubuch kommt nach der Grundschule auf die Realschule, macht die mittlere Reife und absolviert das Abitur auf der Fachoberschule. Sie entscheidet sich für ein Studium der Biotechnologie an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und sammelt nach ihrem Abschluss drei Jahre Berufserfahrung bei der Firma Roche Diagnostics in Penzberg. Sie habe sich schon immer für Technik interessiert, sagt sie. Doch während ihrer Zeit in der Firma wurde ihr bewusst, dass sie sich vor allem für die Arbeit mit Menschen interessiert. Der richtige Umgang mit Mitarbeitern und wie wirtschaftliche Entscheidungen damit zusammenhängen hat sie fasziniert.

Heubuch beginnt ein berufsbegleitendes Studium für den "Master of business administration and engineering" an der Hochschule München. Im Zuge des Studiums verbringt sie ein Jahr an der Business School Lyon in Frankreich. Sie wird von der Vereinigung "Jeunes Ambassadeurs" -Junge Botschafter - für besondere Leistungen im Auslandsstudium ausgezeichnet. Das damals in Frankreich von Heubuch und einer Kommilitonin iniziierte Projekt, welches mehr junge Frauen ermutigen sollte, in die Wirtschaft zu gehen, gibt es nicht mehr. Stattdessen hat die 28-Jährige mit Kolleginnen von Roche Diagnostics eine Initiative aus Basel übernommen - PT Professionals heißt sie und geht in eine ähnliche Richtung: Das Selbstbewusstsein von Frauen in der Wirtschaft solle gestärkt werden. Es könne nicht sein, dass sich Frauen nur bewerben, wenn sie zu 100 Prozent den Ansprüchen der Firma entsprechen, Männer aber auch wenn sie nur zu 60 Prozent geeignet sind.

Zur Zeit arbeitet Heubuch bei Roche Diagnostics im Wissensmanagement der Biotechnologie. In ihrer nun ausgezeichneten Arbeit befasste sich die junge Frau mit digitalen Veränderungsprozessen in Unternehmen. Bei einer kleinen Beratungsfirma in München, der Cooperative Change Group, verfasste sie ein halbes Jahr lang ihre Masterarbeit und durfte erfahrenen Firmenberatern als "Junior Beraterin" bei Analysen von Digitalisierungsprojekten von Kunden über die Schulter schauen. Auch extern habe sie sich Unterstützung gesucht, Literatur zu verschiedenen Studien gelesen und festgestellt, dass die großen Firmen, die in bereits veröffentlichten Studien analysiert wurden, vor den selben Herausforderungen stehen wie die Unternehmen, die Heubuch untersucht hat: Das Budget fehlte, Mitarbeiter waren nicht genug ausgebildet und die Firmen hatten keine Vision.

Die Idee, sich mit der Digitalisierung in Unternehmen zu beschäftigen, sei ihr aufgrund des Themas "Change Management" gekommen. Außerdem interessiere sie sich für Technik und Soziales. "Die Digitalisierung ist zur Zeit ein Hype-Thema", sagt Heubuch. Die 28-Jährige nutzt selbst viele soziale Netzwerke - sie ist bei Facebook, LinkedIn, Xing, Instagram und Pinterest. Im deutschen Raum sei Xing die beste digitale Plattform für Unternehmen, da potenzielle Talente leichter angeworben werden können.

Am Ende ihrer Arbeit kommt die 28-Jährige zu dem Schluss, dass Firmen in der Digitalisierung erfolgreich sind, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht. Besonders in der digitalen Revolution müssten langjährige Geschäftsmodelle neu erfunden werden. "Die Firmen müssen eine Vision haben, die tranformativ und interessant ist", sagt Heubuch. Die Vision müsste in einer fesselnden Geschichte vermittelt werden. "Die Welt dreht sich zur Zeit so schnell und die Mitarbeiter müssen bei der Digitalisierung gut abgeholt werden" Nicht jeder Mitarbeiter müsse Programmieren beherrschen, aber er sollte sich in digitalen "communities" bewegen können. Firmen müssten crossfunktional und kollaborativ arbeiten - sich gegenseitig bereichern. Vom Silodenken sollten Unternehmen Abschied nehmen.

"Ich denke, es gibt keine Branche, die nicht von der Digitalisierung betroffen ist", sagt Heubuch. Natürlich entwickle sich die IT-Branche schneller wie etwa die Biotechnologie-Branche, in der sie selbst tätig ist. Letztendlich seien aber alle Tätigkeitsfelder von der Digitalisierung betroffen.

Firmen auf dem Land hätten oft einen Standortnachteil. Innovative Ideen fehlten nicht, aber es sei nicht so einfach, an gut ausgebildete Mitarbeiter zu kommen: Einen guten Programmierer müsste man erst mal überzeugen, nach Penzberg anstatt nach Berlin zu ziehen.

Jüngere, kleine Start-up-Unternehmen hätten Vorteile - aufgrund der Größe können sie schnelle Entscheidungen treffen. In großen Firmen seien Veränderungen oft langwierige Prozesse und oft dauere es länger, bis das alteingesessene Management die Firma umstrukturiert und die Komfortzone verlässt. Es gäbe in großen Firmen aber auch interne und innovative Start-up-Projekte. Für ihre Masterarbeit habe sie eine Hausgeräteherstellerfirma in München analysiert. Im Zuge eines Start-up-Projektes entwickelte die Firma ein "Smarthome" - ein ganzes Haus solle per Handy zu steuern sein. Es gäbe auch schon Prototypen von Kühlschränken, die den Bestand auf dem Handy anzeigen und nach Bedarf selbst Bestellungen abgeben.

Ein Bekannter von Heubuch habe im Haus Sensoren angebracht: Betritt eine andere Person als seine Freundin das Gebäude, erzeugen sie einen speziellen Lichtton. "Das ist schon sehr cool, aber auch ein bisschen gruselig", sagt Heubuch.

© SZ vom 28.11.2017

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