Ausstellung in Bad Tölz Goethes Farben gegen Dunkelheiten

Tusche, die wie Acryl leuchtet, ist Angela Sommerhoffs Antwort auf eine Gegenwart voller schimmernder Smartphones und Tablets.

(Foto: Manfred Neubauer)

Mit ihren Bildern will Angela Sommerhoff das schöpferische Potenzial beim Betrachter entfalten. Nun zeigt die Künstlerin eine Auswahl ihrer Werke.

Von Klaus Schieder

In zwei ovalen Sälen des Musée de l'Orangerie in Paris hängen Seerosenbilder von Claude Monet in einem insgesamt 100 Meter langen Panorama an den Wänden. Soldaten, die traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt waren, konnten dort einst auf den Besucherbänken zur Ruhe kommen. Angela Sommerhoff ist begeistert von dieser Orangerie als einem Symbol des Schönen, das gegen die Dunkelheiten hilft. Mit ihren eigenen Gemälden will die Künstlerin bewirken, dass sich die Betrachter ihre eigene Geschichte dazu erzählen. Mehr noch: "Dass sie ihr schöpferisches Potenzial heraufkommen spüren und für ihre Tätigkeiten nutzen."

Seit gut drei Jahren hat die 46-Jährige ihr Atelier auf der Flinthöhe. Ein ungewöhnlicher Ort inmitten von Behörden, Praxen und Geschäften. "Wir lieben das hier in Bad Tölz", sagt ihr Mann Christian Sommerhoff, der aus der IT-Branche kommt und mit seinen Fähigkeiten in Kommunikation und Grafik als "Managing Partner" für Firmen und Künstler tätig ist. Im Atelier haben sie selbst den Boden gelegt und eine Galerie-Beleuchtung eingebaut. Ein helles, freundliches Ambiente, das so gar nichts vom sonst manchmal noch spürbaren Bohnerwachsflair des ehemaligen Kasernengevierts hat. In ihrer Werkstatt bietet Angela Sommerhoff auch zweitägige Workshops zu Themen wie Wasserwelten, Weitblick, Geschwindigkeiten, Tischgeschichten.

In dem Raum, in dem sie gerade arbeitet, steht ein Notenständer. Darauf liegt aufgeschlagen ein Heft mit einer Violinsonate von Bach, ein kompliziertes Werk. Die Künstlerin greift zur Geige, spielt nicht bloß fehlerfrei, sondern ausdrucksstark. Sie hätte eine andere Laufbahn einschlagen können. Schon mit sechs Jahren lernte sie das Instrument, spielte mit zehn Jahren in einem Streichquartett und schaffte es mit dem Ensemble bis zum Bundeswettbewerb von "Jugend musiziert". Später bestand sie die Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen in Mannheim und Basel, nahm an Workshops von Hellmuth Rilling teil. Die Auftritte, der ganze Konzertbetrieb - das war dann doch nicht ihre Sache. "Ich hatte immer eine wahnsinnige Nervösität", erzählt sie. Der Musik blieb sie gleichwohl treu. Sie spielt Geige, um vor dem Malen ihre eigene Mitte zu finden, um innere Klarheit zu bekommen. Oder sie liest auch Texte, zum Beispiel der jüdischen Lyrikerin Rose Ausländer. Zu ihren Gedichten hat sie einen Zyklus gemalt. Zur Musik eine Reihe über die Intervalle, von der Prime bis zur große Septime.

Malerei und Bildhauerei studierte Angela Sommerhoff an der Goetheanistischen Studienstätte in Wien. Goethes Lehre, dass Farben eine Dynamik haben, die nach innen und außen wirken, der farbperspektivische Farbenkreis, der den Zyklus des Werdens und Vergehens in der Natur umfasst und in der bildhauerischen Form als doppelt gebogene Fläche wie in den Knochen eines Menschen erscheint - "das ist das Grundgerüst meiner Arbeit", sagt die Künstlerin. Wichtig sei ihr in den Bildern, eine bewegliche Mitte zu finden, denn "überall da, wo ein Zentrum entsteht, beginnt etwas zu leben". Ihr Ziel sei es, "in die Abstraktion zu kommen, aber so, dass die Menschen etwas erahnen oder erkennen können, einen Zugang finden". Wäre dem nicht so, würden sich die Leute desinteressiert abwenden. Dann, sagt Sommerhoff, "würde ich sofort aufhören". Ihre Gemälde sollen wirken, im jeweiligen Raum, auf den einzelnen Betrachter. "Ich will etwas gestalten, was Menschen für die eigene Arbeit und die Lebenslage inspiriert, in der sie sich gerade befinden."

Das gelingt ihr. Sie hat unter anderem in Hamburg, Stuttgart und den USA ausgestellt. Ein Tryptichon mit den Titeln Diskussion, Entschluss und Umsetzung hängt im Meeting-Raum eines Unternehmens in Kopenhagen, andere Werke wurden vom Klinikum Niederlausitz, von Therapeuten und Ärzten bestellt. Ein Radiosprecher von Ö1 Klassik in Österreich wollte von ihr ein Bild haben, das für sein Mini-Büro passt - das ihn inspiriere und in dem er spazieren gehen könne, wie er sagte. "Ich zeigte ihm vier, fünf Sachen, bei einer sagte er, genau das ist es." Ein Kundin, die unter Tinnitus litt, wählte ein Gemälde, weil sie darin ein Ohr erkannte, aus dem von hinten ein Licht heraus leuchte. Es gab ihr das Gefühl, wieder gesund zu werden. Das wurde sie dann auch.

Nach Guache und Acryl arbeitet Sommerhoff momentan mit Tusche. In der Schweiz hat sie eine besondere Tusche entdeckt, die wie Acryl leuchtet, aber durchlässig ist. Ihre Antwort auf eine Gegenwart voller schimmernder Smartphones und Tablets. Im Flur hängt indes ein ganz anderes Werk: Berge und Erde, schwer und gehaltvoll, gestaltet mit oxidierendem Rost und Kupfer. Schnelllebig sei die Welt geworden, wo Werte, die heute bestehen, morgen schon nicht mehr gelten, erklärt Sommerhoff. Ihr Gemälde mutet an, wie die Seerosenbilder von Monet vielleicht einst auf einen Soldaten gewirkt haben mochten: Es atmet Ruhe und Schönheit.

Ausstellung "Beyond the Horizon" im Atelier Sommerhoff, Prof.-Max-Lange-Platz 3 in Bad Tölz. Vernissage am Donnerstag, 21. Juli, 19 Uhr. Geöffnet bis Sonntag, 24. Juli, jeweils von 10 bis 18 Uhr.