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Stadtjubiläum:Warum Geretsried kein echtes Zentrum hat

Luftbild Gartenberg Stadtteil Geretsried

Die Entwicklung des modernen Geretsried folgt der Infrastruktur der früheren Rüstungswerke aus der Nazi-Zeit. Das Luftbild zeigt das nördliche Gartenberg mit der Blumenstraße (rechter Rand).

(Foto: Manfred Neubauer)

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs plante der aus dem Sudetenland geflüchtete Architekt Fritz Noppes die neu entstehende Vertriebenenstadt und richtete sie an der Struktur der ehemaligen NS-Rüstungswerke aus

Von Benjamin Engel

Mit seinen klaren Vorstellungen hat Geretsrieds wohl wichtigster Nachkriegsarchitekt die zerrissene Struktur der Stadt an einem Tag zementiert. Auf dem Gemeindegebiet wollte Fritz Noppes Anfang der 1950er-Jahre die Wohnbebauung nahe den Industriekernen konzentrieren. Er folgte den Strukturen der zwei Rüstungswerke aus der Nazi-Zeit, auf deren Grund sich die Vertriebenenstadt Geretsried formte. Damit war der damalige Bürgermeister Karl Lederer unzufrieden. Der erste Rathausleiter Geretsrieds hätte den Siedlungskern lieber rund um die Tattenkofener Straße zentralisiert, um ein einheitliches Ortsbild zu schaffen. Diese Ansicht konnte Lederer in einer Besprechung am 19. November 1951 in der Gemeindekanzlei nicht durchsetzen.

Aus der Luft sind die Auswirkungen auf die Stadtentwicklung noch 70 Jahre später klar zu erkennen: Ein um die 300 Meter breiter Waldgürtel trennt das nördliche Gartenberg vom südlicheren Stadtteil Geretsried. Nur die zur Tattenkofener Brücke führende Staatsstraße und die Adalbert-Stifter-Straße zerschneiden den trennenden Wald. Hätte sich Bürgermeister Lederer einst durchgesetzt, würde vermutlich dort das Herz der Stadt schlagen.

Das Bild zeigt, wie die Stadtplanung die Ortsentwicklung festlegt. Doch was trieb den Architekten Noppes an? Knapp sieben Jahrzehnte danach beantwortet sein Sohn Fritz - er trägt den gleichen Vornamen - die Frage auf seiner Terrasse in Degerndorf so: "Mein Vater hatte den Auftrag, den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu schaffen und die Möglichkeit, an Arbeit zu kommen." Wohnen und Erwerbstätigkeit habe sein Vater zusammengedacht.

Das entsprach den damaligen Leitlinien der Obersten Baubehörde. Weil in der Nachkriegszeit laufend Vertriebene und Flüchtlinge aus den früheren Ostgebieten Deutschlands in Geretsried ankamen, musste die Basis für beides möglichst schnell gelegt werden. Dafür entwickelte der Architekt Noppes Wirtschaftspläne - heutigen Flächennutzungsplänen entsprechend - und zentrale Bauvorhaben wie das Schwimmbad für die Stadt sowie für die Baugenossenschaft.

Inzwischen ist der Sohn des Architekten 80 Jahre alt. Als Kind habe er seinen Vater zumindest werktags selten erlebt, erinnert sich der Maschinenbauingenieur. "Mein Vater war ein Arbeitstier." Tagsüber sei er in Geretsried gewesen, habe bis ein, zwei Uhr nachts gearbeitet, bevor er ins Bett ging. Gegen neun Uhr früh stand der Vater auf. Mit dem Finger vor dem Mund habe seine Mutter ihn und seine Schwester gemahnt, leise zu sein, wenn sie morgens zur Schule aufbrachen, erzählt Noppes.

Fritz Noppes mit dem Türschild seines Vaters Architekt Fritz Noppes

Das Türschild für das Büro seines Vaters im Geretsrieder Rathaus hat Fritz Noppes aufgehoben.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Familie ist exemplarisch für viele Geretsrieder Neuankömmlinge nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des Nazi-Regimes. Im Juni 1945 flüchtet Architekt Noppes mit Frau und Kindern aus Reichenberg im damaligen Sudetengebiet, dem heutigen Liberec im tschechischen Nordböhmen. In Bayern angekommen wird die Familie in einer Jugendherberge in Neuhaus am Schliersee einquartiert.

Im ländlichen Oberbayern findet der Architekt aber keine Arbeit. In München knüpft er ein berufliches Netzwerk und Kontakte zur Regierung von Oberbayern. Hilfreich ist vermutlich ebenso, dass Noppes Hans Tattermusch trifft. Die beiden Männer kennen einander aus Reichenberg. Tattermusch hat in München die "Hilfsstelle für Flüchtlinge aus den Sudetengebieten" mitgegründet. Im Freistaat erkundet er, wo deutsche Flüchtlinge aus der damaligen Tschechoslowakei untergebracht werden können und wie sie zu Arbeit kommen.

Auf dem Gelände der früheren NS-Rüstungswerke mit den im Wald gut getarnten Bunkern bei Geretsried kann sich Noppes beruflich verwirklichen. 1946 beauftragt ihn der Kreissauschuss des damaligen Landkreises Wolfratshausen mit den Planungen für eine Siedlung auf dem Fabrikgelände. Für seine Entwürfe nutzt er deren Strukturen mit Wasser- und Stromanschlüssen. Eine erste Architekten-Karriere liegt damals schon hinter dem 1895 in Österreich-Ungarn geborenen Noppes. Mit seinem Kollegen Josef Effenberger hat er Anfang der 1920er-Jahre die "Städtischen Lichtspiele" in Reichenberg, das spätere Kino Varšava, im Art-deco-Stil und mit mehr als 600 Sitzplätzen geplant. Im August 1923 berichtet die Reichenberger Zeitung vom geschmackvollen, bis etwa zwei Meter hoch dunkel getäfelten Zuschauerraum, darüber Wandbespannungen aus mattem, von gelben Arabesken durchwebten Stoff in Indischrot. Für die städtische Wirtschafts- und die Industrieelite entwickelt das gemeinsame Büro in Reichenberg Villen und Häuser.

Architekt Fritz Noppes Geretsried Reichenberg

Noppes trägt den gleichen Namen wie sein Vater.

(Foto: privat)

Für sich privat denkt Noppes funktionalistisch. Mitten in einem grünen Bachtal komprimiert er sein privates Wohnhaus aus Holz im Baukastensystem auf einer Ebene. Das Gebäude hat nur eine Spannweite von sieben Metern, ist zwölf bis 14 Meter lang.

Größer denkt Noppes in Geretsried. Manches bleibt Entwurf, eine Filmstadt etwa oder eine Siedlung für mehr als 6000 Personen nordwestlich der Blumenstraße in Gartenberg. Und die Planungen für 482 Häuser mit einem Isar-Strandbad und einem Eisenbahnhof werden nie umgesetzt. Das liegt wohl auch an den begrenzten finanziellen und materiellen Mitteln. Im Februar 1946 schreibt Noppes an Tattermusch zur Gründung einer Sudeten-Wohnungs- und Industriebau-Siedlungsgenossenschaft: "Die Art der Gebäude ist nicht vorrangig, das Hauptproblem ist die Beschaffung der Baumaterialien."

So funktionieren die ersten Bewohner zunächst frühere Bunkern der Rüstungsfabriken zu Wohn- und Gewerbegebäuden um. Die ersten Neubau-Wohnblöcke werden am Gartenberger Kirchplatz errichtet. Noch vor der Gemeindegründung im Jahr 1950 werden die Planungen für die Versuchssiedlung um den Johann-Strauß- und Schubert-Weg im Süden genauso vorangetrieben wie für das Gebiet zwischen Egerland-, Graslitzer Straße und Kirchplatz.

In den 1950ern entwickelt Noppes für die Kommune Wirtschaftspläne, leitet als freier Mitarbeiter zwischen 1956 und 1960 die Ortsplanungsstelle. Deren Aufgaben übernimmt die neu gegründete kommunale Bauabteilung. Als freier Architekt arbeitet Noppes weiter, bekommt Aufträge der Kommune wie der Baugenossenschaft. "Mein Vater war jemand, der Vorstellungen hatte und sich in den Gremien durchzusetzen wusste", resümiert sein Sohn heute.

© SZ vom 20.08.2020
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