Aktion für die Umwelt:Schneiden, föhnen, Meere retten

Lesezeit: 2 min

Aktion für die Umwelt: Filtermaterial statt Abfall: Friseurin Martina Lederer mit Tüten gesammelter Haare, die unlösliche Materialien aus dem Wasser aufnehmen.

Filtermaterial statt Abfall: Friseurin Martina Lederer mit Tüten gesammelter Haare, die unlösliche Materialien aus dem Wasser aufnehmen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Martina Lederer sammelt in ihrem Tölzer Friseursalon Haare, damit aus ihnen Filter für die Ozeane hergestellt werden können.

Von Tilman Voss

Es ist eine interessante Vorstellung, dass man den Friseurbesuch mit zweierlei Nutzen verbinden kann. Egal ob Topfschnitt, Irokese oder klassischer Kurzhaarschnitt: Sind die überschüssigen Haare abgeschnitten, ist man nicht nur der Typ verändert, man konnte vielleicht auch zur Rettung der Meere beitragen. Das ist zumindest ist das erklärte Ziel des Projektes "Hair Help the ocean". Seit Anfang des Jahres wirbt es bei Salons in Deutschland für eine Aktion, die den dort entstehenden Müll einem nachhaltigen Nutzen zuführen soll. Seit Anfang Februar macht auch der Tölzer Friseursalon "Hair by Lederer" unter Inhaberin Martina Lederer mit.

Ihre Friseure werfen die abgeschnittenen Haare nun nicht mehr einfach weg. Stattdessen stecken sie diese in Papiertüten, die dann einmal im Monat durch Vertreter von "Hair Help the ocean" abgeholt werden. Die gesammelten Haare sollen helfen, die Meere zu säubern. Das funktioniere, indem man sich einfach der natürliche Fähigkeiten der Haare bediene, sagt Lederer: Diese seien nämlich in der Lage, im Wasser unlösliche Materialien aufzusaugen, sagt die Friseurmeisterin. Dazu zählen beispielsweise Öl, Benzin oder Reste von Sonnencreme. Ein Kilogramm Haare könne etwa bis zu acht Kilogramm Öl aus dem Wasser filtern, sagt Lederer.

Als die Tölzer Friseurin nach Wegen suchte, ihren Betrieb nachhaltiger zu gestalten, wurde sie durch die sozialen Medien auf das Projekt aufmerksam und beschloss, daran teilzunehmen. Sie ist davon begeistert. "Es ist so einfach", sagt sie. Der Salon reduziere so nicht nur den entstehenden Müll, sondern tue gleichzeitig etwas Gutes für die Umwelt - ohne großen Extra-Aufwand, wie Lederer betont. So wirbt ihr Tölzer Salon auch unter seinen Kunden für die Vorzüge des Projektes - mit grandioser Resonanz, so Lederer. Viele seien "sprachlos, dass es so einfach geht". Die Aktion treffe den Zeitgeist der Kunden, die heutzutage immer mehr Wert auf Nachhaltigkeit legten.

Die Idee der Haarfilter stammt ursprünglich aus Südfrankreich. Dort entwickelte der Friseur Thierry Gras 2015 das umweltfreundliche Haar-Recycling und gründete den Verein "Coiffeures Justes" - auf Deutsch "faire Friseure" - der auch Vorbild für "Hair help the ocean" ist. Die Haare werden in alte, ungenutzte Nylonstrümpfe gefüllt - eine weitere bisher nicht wiederverwendete Ressource. Ein solcher Haarfilter kann dann bis zu acht Mal wiederverwendet werden.

Zum Einsatz kommen die Filter hauptsächlich auf dem Meer, unter anderem 2019, als ein Frachter im Indischen Ozean vor Mauritius auf Grund lief und mehrere tausend Liter Öl ungehindert ins Meer flossen. Mittlerweile gibt es vergleichbare Vereine und Aktionen in mehreren Ländern, unter anderem auch Deutschland. Das deutsche Projekt, an dem auch Lederer mit ihrem Betrieb teilnimmt, entstand dabei eher per Zufall, als Unternehmensberater Thomas Keitel im vergangenen Jahr auf "Coiffeures Justes" aufmerksam wurde. Einer seiner Kunden, Friseurmeister Emilio Gaudioso, bewarb sich um den Innovationspreis des Landkreises Göttingen. Um zu gewinnen, wollte er mit Nachhaltigkeit punkten. So begann Keitel zu recherchieren und stieß auf die Idee der Haarfilter. Sie sammelten über mehrere Wochen die Haare von insgesamt 270 Friseursalons, um sie in einer einmaligen Aktion an die "Coiffeures Justes" zu senden.

Doch nach Ende des Wettbewerbs rissen die Anfragen der Friseure nicht ab. Sie hätten sich gefragt: Warum die Sachen immer nach Frankreich schicken, wenn man auch hier eine eigene Infrastruktur aufbauen kann, sagt Keitel auf Anfrage. So habe er mit Gaudioso entschieden, das Projekt "Hair help the ocean" gemeinsam zum Jahresbeginn 2022 zu starten. In den ersten sieben Wochen seit Beginn haben sich Keitel zufolge deutschlandweit bereits rund 300 Friseurbetriebe ihrem Projekt angeschlossen. Zum Jahresende rechnet "Hair help the ocean" laut den Initiatoren mit mehr als 500 teilnehmenden Salons. "Eine außergewöhnliche ,haarige' Aktion" sei das, sagt Lederer - "einfach und mit großer Wirkung".

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB